Glühwürmchen bestücken Regenwald mit natürlichem Weihnachtsschmuck

Jetzt, in den lauen Sommernächten sind sie wieder da. Ein Lichtlein schwirrt hier. Ein Lichtlein schwirrt dort. Glühwürmchen. Mit „chen“ haben sie nicht viel zu tun. Es sind eher Brummer. Manche sind zwei Zentimeter groß und ein Zentimeter breit. Die großen unter ihnen brummen tatsächlich. Zumindest tun sie das, wenn sie mich bei den nächtlichen Gassirunden mit den Hunden, vom Licht der Taschenlampe angezogen, mit einem ihrer Artgenossen verwechseln und mir nahe kommen.

Jetzt, im späten tropischen Frühsommer sind sie besonders aktiv und sorgen für weihnachtliche Lichtspiele im Regenwald. Fast scheint es, als hätten sich Feen die in den Vorgärten der Städte aufgehängten Lichterketten ausgeliehen, um sie bei uns im Wald zu verteilen.

Leuchtkäfer – Foto: Screenshot-Video

Manchmal tanzen dutzende der Vagalumes, wie die Glühwürmchen hier in Brasilien genannt werden, gemeinsam. Manchmal passiert es auch, dass sie über mehrere Meter Flug hinweg ihre Lichter eingeschaltet haben und dann wie auf ein geheimes Zeichen hin gleichzeitig alle wieder ausschalten und alles in der Dunkelheit des Waldes verschwindet. Sekundenbruchteile später beginnt der Lichtertanz wieder von vorne, als wären die Käfer, wie die auf einer blinkenden Lichterkette aufgereihten Lämpchen, auf unsichtbare Weise miteinander verbunden.

Legende von den Glühwürmchen und der Boitatá

Das Lichterspiel der Vagalumes hat die Menschen schon immer beeindruckt. In Brasilien sind den Vagalumes entsprechend Legenden gewidmet. Eine davon ist die der Boitatá, eine im Wald lebende Schlange. Deren Körper ist von einer Feuerflamme umhüllt und dort wo sie vorbeikommt, erleuchtet alles im Glanz der Flammen.

Erzählt wurde die Legende ursprünglich von den Ureinwohnern des Landes. Heute gehört sie zur Folklore Brasiliens. In der Indiosprache Tupi-Guarani bedeutet „boi“ Schlange und „tata“ Feuer.

Ihr Feuer verdankt Boitatá den Glühwürmchen. In dunklen Zeiten hatten diese die Idee, sich auf einer schlafenden Schlange niederzulassen, um das Licht nach Monden der Finsternis wieder in den Wald zurückzubringen. Als die Schlange erwachte, waren ihre Augen durch den Schwarm der Glühwürmchen erleuchtet und ihr Körper schien Feuer gefangen zu haben. Boitatá war geboren. Es heißt, dass Boitatá dann erscheint, wenn der Wald durch Zerstörung bedroht wird, um die Eindringlinge zu erschrecken und zu verscheuchen. Leider funktioniert das in heutigen Zeiten nicht mehr wirklich.

Fliegende Lanternen als Bioindikatoren

Die fliegenden Lanternen aber sind noch da. Bei ihrem Flug durch unseren Wald beschränken sie sich nicht immer auf Bodennähe. Immer wieder tauchen die Lichter auch hoch oben zwischen dem Gezweig der Bäume auf. Dann scheint es, als würden sie sich mit den durch die Baumwipfel spitzenden Sternen vereinen.

Biologen sagen, die Käfer produzieren das durch das Zusammentreffen von Sauerstoff und einer chemischen Substanz erzeugte Licht zur Kommunikation untereinander, etwa um einen Geschlechtspartner anzuziehen. Andere glauben, dass es auch zur Abschreckung von Fressfeinden dient. Letzteres ruft unwillkürlich eine Frage in mir hervor: Ob ein Frosch leuchtet, wenn er trotz der vermeintlichen Leuchtabschreckung ein paar Glühwürmchen verspeist hat?

Feststeht, dass selten ein Leuchtkäferexemplar alleine auftaucht. Dort, wo ein Lichtlein den Hügel hinauf und hinunter tanzt, kommt schnell ein zweites und drittes hinzu. Manchmal veranstalten sie sogar richtige Feste und bringen den Wald zum Glitzern. Und, sie scheinen neugierig zu sein. Bei meinem Versuch, das Lichterfest mit dem Handy zu filmen, haben sie mich schon nach wenigen Sekunden von allen Seiten angeschwirrt.

Da stand ich des nächtens mit dem Handy auf unserem Waldweg und tippte auf ihm herum, um ein Video zu machen. Plötzlich brummte es an meinem Ohr, landete einer der Käfer in meinen Haaren. Als es mir gelungen war, ihn dort herauszuziehen, kam auch schon der zweite Käfer angeschwirrt, umrundete meinen Kopf und gesellte sich schließlich zu seinem auf meiner Hand krabbelnden Kollegen, um dort gemeinsam ein wenig zu tanzen.

Wahrscheinlich war nicht ich das Objekt ihrer Neugierde, sondern war es der leuchtende Bildschirm meines Handys, der sie angezogen hat. Wie Käfer, Nachtfalter und andere Insekten fliegen auch sie zu Lichtquellen.

Unser künstliches Licht macht ihnen allerdings zu schaffen. Es stört sie bei der Kommunikation zur Fortpflanzung. Dort, wo Straßenlampen und andere Lichtquellen für eine „Lichtverschmutzung“ sorgen, gibt es weniger oder keine Glühwürmchen. Sie gelten deshalb auch als Bioindikatoren, die anzeigen, wo die Artenvielfalt noch gegeben ist und nicht der Mensch mit seinem künstlichen Licht die Natur dominiert.

Die Leuchtfähigkeit der Glühwürmchen für Covid-19-Test genutzt
Als Indikatoren werden sie auch in der Wissenschaft eingesetzt. Ein brasilianisches Glühwürmchen hat es dabei im vergangenen Jahr (2021) zur Berühmtheit gebracht, zumindest unter Wissenschaftlern.

Mit Hilfe der Biolumineszenz von Amydetes vivianni haben brasilianische Forscher der Universität São Carlos (UFSCar) der Außenstelle Sorocaba einen Covid-19-Test entwickelt. Für den Test haben sie das bei Amydetes vivianni für die Biolumineszenz verantwortliche Enzym mit einem Andockprotein des Coronavirus verbunden. Ist ein Patient mit Sars-Cov-2 infiziert, leuchtet die Proteinkombination des Teststreifens auf.

Letztlich ist der Test, der auch zur Erkennung anderer Krankheiten angepasst werden kann, der Magie der Glühwürmchen zu verdanken. Mit ihrem magischen Licht verzaubern sie eben nicht nur Kinder und Laien, sondern auch Wissenschaftler. Als der Wissenschaftler Vadim Viviani 2006 am Campus Sorocaba der Universität São Carlos seine Arbeit als Dozent aufnahm, ist genau das passiert. Vadim Viviani ließ sich von der Präsenz der vielen Vagalumes, die dort ihr Lichterspiel trieben, in den Bann ziehen.

Beim Betrachten der fliegenden Lichter fiel auf, dass etwas anders war. Im Allgemeinen strahlen die Vagalumes Brasiliens ein Licht im Grünspektrum aus, mit der Tendenz zu Gelbtönen. Der von ihm beobachtete Vagalume zeigte indes ein blau-grünes Licht. Außerdem war er kleiner, als seine Verwandten.

Das kleine Glühwürmchen erweckte das Interesse des Forschers, der sich seit 1990 mit der Biolumineszenz der Käfer beschäftigt. Dass es sich bei seinem Fund um eine neue, bisher wissenschaftlich noch nicht beschriebene Art handelte, wurde erst später von Biologen der Universität Rio de Janeiro bestätigt. Als Anerkennung für Vivianis Fund und auch dessen Leistungen bei der Biolumineszenzforschung hat der kleine Käfer Vivianis Namen erhalten, Amydetes vivianni.

Glühwürmchen im Atlantischen Regenwald

Weltweit gibt es etwa 2.000 Glühwürmchenarten. Allein Brasilien stellt davon 500 Arten, so viel wie kein anderes Land unseres Planeten. Brasilien beherbergt 25 Prozent aller weltweit vorkommenden Glühwürmchenarten. Vielleicht sind es auch mehr. Immer wieder stoßen Biologen in den verschiedenen Biomen des Landes auf bisher noch nicht wissenschaftlich beschriebene Käfer mit Biolumineszenz. Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass es in Brasilien bis zu 1.500 verschiedene Leuchtkäferarten geben könnte.

Noch ist die Insektenwelt des gigantischen Landes wenig erforscht. An Bemühungen, dies zu ändern, fehlt es nicht. Erst im August dieses Jahres (2022) haben Biologen der Universität Rio de Janeiro (UFRJ) drei weitere neue Leuchtkäferarten wissenschaftlich beschrieben: Amydetes alexi, Amydetes marolae und Memoan conani. Amydetes alexi und Memoan conani haben ihre Namen in Ehrung zwei jung verstorbener Biologiestudenten erhalten, die jetzt zumindest symbolisch weiterleuchten.

Alle drei Arten wurden in der Mata Atlântica, dem Atlantischen Regenwald im Bundesstaat Rio de Janeiro entdeckt. Der Atlantische Regenwald ist das Biom, in dem weltweit die meisten Glühwürmchenarten leben und umherschwirren. Er bietet ihnen genau das, was sie bevorzugen: warme und feuchte Gebiete.

Die Vielfalt der leuchtenden Käfer im Atlantischen Regenwald ist enorm. Es gibt kleine, nur fünf Millimeter große Glühwürmchen und die Giganten mit 2,5 oder mehr Zentimetern. Die einen haben die Bioluminesszenzstellen am Hintern, die anderen auf der Bauchseite und wieder andere am Kopfschild. Ja, am Kopfschild. Rechts und links leuchtet dort jeweils ein Fleck, so dass es aussieht, als wären sie mit neonfarben glühenden Augen bestückt und gerade aus Star Wars entlaufen. Manche sind sogar sowohl am Kopfschild als auch am Abdomen mit der Biolumenineszenzfähigkeit bestückt.

Irrlichter im Regenwald

Glühwürmchen der Gattungen Cratomorphus und Pyractomena habe ich bei uns im Regenwald schon entdeckt. Zur Gattung Cratomorphus gehören die Brummer mit den vermeintlichen Leuchtaugen. Ihre Lampen schalten sie übrigens nicht nur im Flug ein. Ihr Paar von Kopfflecken leuchtet auch dann, wenn sie am Boden, an einem Ast oder auf meinem Arm krabbeln, um einen neuen möglichen Startplatz für ihren nächsten Flug zu finden. Heben sie ab und entfernen sie sich, sind sie indes nur noch als ein einzelner Lichtfleck wahrzunehmen.

Die Käfer mit der Biolumineszenz fliegen bei uns in großer Zahl durch den Wald, der Teil des größten zusammenhängenden Gebietes des Atlantischen Regenwaldes ist. Immer wieder verschaffen uns die Glühwürmchen ein wahres Lichterkonzert. Sogar im subtropischen Winter schwirren einzelne Tiere herum. Vielleicht hat ihre Anwesenheit ja auch etwas mit dem Namen unseres Weilers zu tun.

Vagalumes Meer- Foto: Screenshot Video

Die Region, in der ich lebe, wird Faisqueirinha genannt. Bezeichnet wird damit ein Ort, an dem es „faíscas“ gibt. Wörtlich übersetzt sind das Funken. Früher nannten die Einheimischen aber auch kleine Goldstückchen „faíscas“. Tatsächlich ist die Gründung der in unserer Nähe liegenden Siedlung Goldsuchern zu verdanken. In vergangenen Jahrhundert haben sie in den Flüssen und Bächen unserer Region nach Gold gesucht. Das gab es oder gibt es dort auch heute noch, allerdings nur in sehr geringen Mengen. Als die Europäer später Minas Gerais mit seinen reich bestückten Edelsteinminen entdeckt haben, ist das Goldfieber in unserer Region schnell wieder eingeschlafen.

„Faíscas“ nennen die Einheimischen auch Irrlichter. So kann es durchaus sein, dass die vielen Glühwürmchen, die bei uns mit ihren Lichtern durch den Wald irren, zum Namen der Region beigetragen haben.

Museum der Leuchtkäfer

In Brasilien ist den Glühwürmchen übrigens sogar ein eigenes Museum gewidmet, das Museu de Ciência e Tecnologias da Luminescência. Das gehört zur Universität São Carlos (UFSCar) im Bundesstaat São Paulo. In Sachen Leuchtkäferforschung gilt die UFSCar als Referenz. In dem Museum können Neugierige unter anderem erfahren, wie das Licht von den Insekten erzeugt wird oder wie die Wissenschaftler die Biolumineszenz messen. Das Herzstück ist jedoch eine stattliche Sammlung von Leuchtkäfern. Die umfasst über einhundert verschiedene Arten von Glühwürmchen.

Leuchtende Termitenhügel

Wahrscheinlich ist dort auch die Glühwürmchenart verewigt, die nachts für beleuchtete Termitenhügel sorgt. Eigentlich sind es nicht die Käfer selbst, die dies tun, sondern deren Larven.

Die Leuchtkäferweibchen legen am Fuß der Termitenhügel ihre Eier ab. Später graben die geschlüpften Larven an der lehmigen Außenwand des Termitenhügels Gänge und siedeln sich dort an. Nachts strahlen sie von dort aus ihr Licht ab, so dass es aussieht, als wäre der Termitenhügel ein mehrstöckiges Gebäude winziger Wesen, aus deren Wohnungen das Licht durch die Fenster nach außen tritt.

Beobachtet haben die Wissenschaftler das Phänomen der leuchtenden Termitenhügel im Nationalpark Emas im brasilianischen Bundesstaat Goiás. Herausgefunden haben sie dabei, dass die Larven ihre Biolumineszenz einsetzen, um kleine Insekten für ihren Abendbrotsnack anzulocken.

Bei uns im Regenwald gibt es keine Termitenhügel, die des nächtens von Glühwürmchenlarven bestrahlt werden. Stattdessen funkeln die Käfer bei ihrem Flug durch den Wald und sorgen für einen lebendigen Weihnachtsschmuck, für natürliche Lichterketten, die immer wieder an anderen Stellen auftauchen und uns zur Adventszeit täglich, oder besser gesagt nächtlich, einzigartige Spektakel bieten.

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AutorIn: Gabriela Bergmaier Lopes

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