Die Zahl der in Brasilien wohnungslosen Menschen, die im März dieses Jahres im bundesweiten Sozialregister „Cadastro Único“ (CadÚnico) registriert waren, erreichte 335.151. Im Vergleich zu Dezember 2024 (327.925 registrierte Personen) bedeutet dies einen Anstieg um 0,37 % im ersten Quartal des Jahres.

Diese Daten stammen aus dem technischen Bericht vom April des brasilianischen Observatoriums für öffentliche Politik gegenüber der wohnungslosen Bevölkerung (OBPopRua) der Bundesuniversität von Minas Gerais (UFMG), veröffentlicht am Montag (14.04.). Die Studie basiert auf Daten des Ministeriums für Entwicklung, soziale Hilfe, Familie und Hungerbekämpfung (MDS).
Die Zahl vom März 2025 ist 14,6 Mal höher als die im Dezember 2013 registrierte, als es 22.900 obdachlose Menschen gab.
Das MDS gab gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur Agência Brasil an, dass 2023 Schulungen für Interviewer und CadÚnico-Mitarbeiter wieder aufgenommen wurden, um die Datenerhebung auf kommunaler Ebene zu verbessern.
Außerdem wurde auf die frühere Untererfassung und Dateninkonsistenzen hingewiesen, verursacht durch die mangelnde Pflege des Registers in der vorherigen Regierung (2019–2022).
Laut Bericht registrierte CadÚnico im März 2025:
- 9.933 Kinder und Jugendliche (3 %),
- 294.467 Erwachsene zwischen 18 und 59 Jahren (88 %),
- 30.751 ältere Menschen (9 %), 84 % sind Männer.
Was das Einkommen betrifft, leben 81 % (272.069 Menschen) mit bis zu 109 Reais pro Monat – das sind nur 7,18 % des aktuellen Mindestlohns von 1.518 Reais.
Über die Hälfte (52 %) der wohnungslosen Menschen hat die Grundschule nicht abgeschlossen oder ist ohne Schulbildung – der Großteil ist schwarz. Zum Vergleich: Laut der Volkszählung 2022 des brasilianischen Statistikamts IBGE liegt dieser Anteil in der Gesamtbevölkerung bei nur 24 %. Die geringe Bildung erschwert laut Studie den Zugang zu Arbeitsmöglichkeiten.
Regionale Verteilung:
- Südosten: 63 % (208.791 Personen),
- Nordosten: 14 % (48.374),
- Süden: 13 % (42.367),
- Zentrum-West: 6 % (19.037).
- Norden: 4 % (16.582).
Allein im Bundesstaat São Paulo leben 42,82 % der wohnungslosen Bevölkerung Brasiliens. Es folgen:
- Rio de Janeiro: 10 % (30.997),
- Minas Gerais: 30.355.
Die fünf Städte mit den meisten wohnungslosen Personen:
- São Paulo: 96.220,
- Rio de Janeiro: 21.764,
- Belo Horizonte: 14.454,
- Fortaleza: 10.045,
- Salvador: 10.025.
Zwölf Bundesstaaten verzeichneten einen Anstieg der obdachlosen Bevölkerung in ihren Hauptstädten, darunter Rio de Janeiro, Brasília und Santa Catarina. Neun Bundesstaaten verzeichneten einen Rückgang, z. B. Minas Gerais und Rio Grande do Sul. In sechs weiteren Bundesstaaten blieb die Lage stabil, darunter São Paulo und Bahia.
Proportional zur Bevölkerung:
- Boa Vista: 20 Obdachlose pro 1.000 Einwohner,
- São Paulo: 8/1.000,
- Florianópolis: 7/1.000,
- Belo Horizonte: 6/1.000.
Gewalt gegen Wohnungslose: Zwischen 2020 und 2024 wurden über das Meldesystem „Disque 100“ 46.865 Gewalttaten gegen Wohnungslose registriert.
Die Hälfte davon ereignete sich in Hauptstädten, besonders in:
- São Paulo (8.767 Fälle),
- Rio de Janeiro (3.478),
- Brasília (1.712),
- Belo Horizonte (1.283),
- Manaus (1.115).
Die häufigste Altersgruppe unter den Opfern: 40–44 Jahre. Die meisten Taten ereigneten sich auf öffentlichen Straßen (über 20.500 Fälle), aber auch in Schutzräumen, Gesundheitseinrichtungen, Altenheimen und öffentlichen Behörden, also in Räumen, die eigentlich Schutz bieten sollten.
Kurz Analyse

1. Demografische Entwicklung und Dramatik der Zahlen:
Die Zahl der obdachlosen Menschen in Brasilien ist in den letzten zehn Jahren exponentiell gestiegen – eine Zunahme um mehr als das 14-fache seit 2013. Allein im ersten Quartal 2025 verzeichnete man einen weiteren Anstieg von 0,37 %, trotz verbesserter Datenerhebung.
2. Hauptursachen und soziale Merkmale:
Auffällig sind niedrige Bildungsniveaus, extrem geringe Einkommen und ein überproportional hoher Anteil von Schwarzen unter den Wohnungslosen. Diese Faktoren verschärfen die soziale Ausgrenzung und erschweren eine Reintegration.
3. Regionale Ungleichverteilung:
Der Großteil der Betroffenen lebt im wirtschaftlich stärkeren Südosten – besonders in São Paulo. Das deutet auf strukturelle Probleme in den urbanen Zentren hin: hohe Lebenshaltungskosten, Wohnungsknappheit und unzureichende Sozialprogramme.
4. Gewalt und institutionelles Versagen:
Die hohe Zahl an Gewalttaten gegen Wohnungslose – teils in staatlichen Einrichtungen – ist alarmierend. Sie deutet nicht nur auf gesellschaftliche Marginalisierung, sondern auch auf institutionelle Missstände hin.
5. Politische Maßnahmen:
Zwar betont das MDS staatliche Investitionen, doch laut unabhängigen Beobachtern wie OBPopRua fehlen umfassende, strukturverändernde Maßnahmen. Einzelne Hilfsangebote (z. B. Centro POP) reichen nicht aus, um Ursachen zu bekämpfen.
6. Verfassungsrechtlicher Aspekt:
Das fortgesetzte Missachten der im Grundgesetz verankerten Rechte auf Wohnen, Arbeit und Schutz macht die Problematik nicht nur sozial, sondern rechtlich brisant.
Fazit
Die Lage der obdachlosen Bevölkerung in Brasilien zeigt ein tiefgreifendes soziales Ungleichgewicht. Der Anstieg ist Ausdruck systemischer Versäumnisse auf mehreren Ebenen – von Bildung über Arbeitsmarktintegration bis hin zu Menschenrechtsschutz. Ohne gezielte, integrative Politikansätze bleibt der Kreislauf von Armut und Ausgrenzung bestehen.
Laut OBPopRua ist die Situation besorgniserregend. Strukturelle öffentliche Maßnahmen wie Wohnen, Arbeit und Bildung für Wohnungslose seien entweder nicht vorhanden oder ineffizient. Es bestehe ein strukturelles Versagen in der Umsetzung der brasilianischen Verfassung von 1988, was die Rechte dieser Bevölkerungsgruppe betrifft.
Das MDS erklärte hingegen, dass es kontinuierlich in Schutzmaßnahmen investiere – etwa in die Zentren „Centro POP“, die Essen, Hygiene, Hilfe bei Dokumenten und weitere Basisdienste anbieten. Ebenso wird der Dienst „PAEFI“ finanziert, der Familien und Einzelpersonen in sozialem Risiko unterstützt.
