In den letzten Jahren sah sich der Amazonas nicht nur mit dem Vormarsch von Abholzung, Bergbau und Agrarindustrie konfrontiert, sondern auch mit den unsichtbaren, aber tiefgreifenden Auswirkungen der Außenpolitik globaler Großmächte – insbesondere der Vereinigten Staaten unter der Führung von Donald Trump. Obwohl diese Maßnahmen unter dem Deckmantel wirtschaftlicher Souveränität und protektionistischen Nationalismus initiiert wurden, wirkten sich Trumps Entscheidungen seit 2017 – und noch verstärkt nach seiner Rückkehr ins Präsidentenamt 2025 – direkt auf die wissenschaftliche Arbeit im Amazonasgebiet aus. Sie untergruben Kooperationsstrukturen, erschwerten die Wissensproduktion und schwächten wissenschaftlich fundierte Schutzinitiativen.

Während seiner ersten Amtszeit demontierte Trump systematisch die Umwelt- und Wissenschaftsagenda der USA. Der Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen, massive Haushaltskürzungen bei Behörden wie der NASA und der NOAA (die nationale US-Behörde für Ozean- und Atmosphärenforschung), die Schwächung der Umweltschutzbehörde EPA sowie die Leugnung des Klimawandels hatten globale Auswirkungen auf die Wissensproduktion im Umweltbereich.
Der Amazonas war besonders betroffen – nicht nur durch die Verringerung verfügbarer Klima- und Satellitendaten, die für die Überwachung von Abholzung und Biodiversität entscheidend sind, sondern auch, weil Trumps Wissenschaftsfeindlichkeit ähnliche Politiken in Brasilien inspirierte. Die Bolsonaro-Regierung orientierte sich stark am „Trumpismus“: Diskreditierung der Wissenschaft, Verfolgung von Forschenden und der Abbau von Umweltbehörden. Diese ideologische Symbiose ermöglichte es, die Wissenschaft als Feind des Fortschritts darzustellen und zerstörerische territoriale Strategien als „Entwicklung“ zu verkaufen.
Mit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus 2025 verschärfte sich das Szenario – wenn auch in neuen Formen. An die Stelle von Leugnung trat eine explizite Politik des Wirtschaftskriegs: Zölle, wirtschaftlicher Protektionismus und der Umbau globaler Lieferketten. Unter dem Vorwand „strategischer Selbstversorgung“ drängen die USA auf die Stärkung ihrer eigenen Produktionskapazitäten in Sektoren wie Pharmazie, Energie, Technologie und Ernährung. Dies betrifft den Amazonas direkt – mit der Gefahr (oder Aussicht, je nach Perspektive) einer beschleunigten Jagd auf strategische Ressourcen wie seltene Erden, Heilpflanzen, pflanzliche Proteine und landwirtschaftlich nutzbare Flächen.
In den letzten Jahren haben multinationale Konzerne – viele mit Sitz in den USA oder mit Interessen auf dem US-Markt – den Amazonas verstärkt als Ausbeutungsgebiet ins Visier genommen. Infolgedessen verliert die Wissenschaft – verstanden als unabhängiges, kritisches und dem Gemeinwohl verpflichtetes Wissenssystem – an Bedeutung gegenüber kurzfristigen Interessen von Ausbeutung und Profit. Ein weiterer direkter Effekt der neuen US-Politik ist die Fragmentierung internationaler wissenschaftlicher Netzwerke. Wirtschaftlicher Nationalismus destabilisiert Finanzierungsflüsse, erschwert die Zusammenarbeit zwischen Universitäten, schränkt Stipendienzugänge ein und hemmt die Beteiligung ausländischer Wissenschaftler:innen an Feldforschung im Amazonasgebiet.
Auch umgekehrt wird der Wissensaustausch – etwa durch Aufenthalte brasilianischer Forschender in den USA – beeinträchtigt. Die politische Instrumentalisierung von Wissenschaft als geopolitisches „Soft Power“-Werkzeug überlagert das Ideal multilateraler Zusammenarbeit. Parallel dazu gewinnt in den USA ein sicherheitspolitischer Diskurs über den Amazonas an Boden, angetrieben von konservativen Think-Tanks und Verteidigungsnetzwerken. Unter dem Vorwand der Bekämpfung von Drogenhandel, Chinas Einfluss und für „Umwelt-Governance“ kehrt die alte Idee der Internationalisierung des Amazonas zurück – diesmal nicht im Sinne des Umweltschutzes, sondern als strategische Überwachung. Die Gefahr dabei: Wissenschaft wird zur geopolitischen Waffe, die Ressourcen kartiert, Bevölkerungen überwacht und Interventionen rechtfertigt.

Besonders beunruhigend ist der epistemische Effekt – das, was Fachleute als Epistemizid bezeichnen: die systematische Leugnung nicht-hegemonialer Wissenssysteme, die Unsichtbarmachung lokaler Erkenntnisformen und die Entwertung von Wissenschaft, die von und für die Völker des Waldes betrieben wird. Wenn die Amazonasregion globalen Marktlogiken, technologischer Konkurrenz und nationalistischer Forschungspolitik unterworfen wird, entsteht eine neue Form wissenschaftlichen Kolonialismus – nicht nur durch Ressourcenausbeutung, sondern auch durch Aneignung von Denkweisen, Wissensformen und Begriffen. Biopiraterie, indigene Wissensplünderung und genetisches Mapping ohne Zustimmung sind nur die sichtbare Spitze eines größeren Konflikts: dem Kampf um die Kontrolle über mögliche Zukünfte des Amazonas.
Trotz allem regt sich Widerstand. Amazonas-Wissenschaftler:innen vernetzen sich mit öffentlichen Universitäten, sozialen Bewegungen und indigenen Gemeinschaften, um eine dekoloniale, autonome und mit traditionellen Wissenssystemen verbundene Wissenschaft aufzubauen. Bürgerwissenschaftsprojekte, Klima-Observatorien, souveräne Datenplattformen und Kooperationen im globalen Süden zeigen: Wissenschaft muss nicht von Großmächten abhängen. Doch diese Wende braucht staatliches Engagement. Panamazonische Staaten müssen in eigene wissenschaftliche Infrastruktur investieren, lokale Forschende ausbilden, Daten schützen, traditionellen Wissensgebrauch regulieren und ausländischen Interessen klare Grenzen setzen.
Wissenschaft im Amazonas ist keine rein akademische Frage – sie steht im Zentrum eines Kampfes zwischen Zivilisationsmodellen. Auf der einen Seite: ein Modell, das den Wald als Rohstofflager und Versuchslabor globaler Technologie sieht. Auf der anderen: die Perspektive des lebendigen Territoriums, reich an vielfältigem Wissen, Träger von Rechten und Quelle alternativer Zukünfte. Trumps Politik – mit Klimaleugnung, Wissenschaftsisolierung und ökonomischem Autoritarismus – bedroht konkret diese zweite Perspektive. Deshalb ist die Verteidigung der Wissenschaft im Amazonas heute untrennbar mit dem Kampf um Souveränität, Umweltgerechtigkeit und die Möglichkeit anderer, weniger zerstörerischer Zukünfte verbunden.
Eine Frage bleibt drängend – auch mit Blick auf 2026: Wie stellen sich die Kandidat:innen für die Regierungen der Amazonas-Bundesstaaten und das Präsidentenamt die Zukunft des Wissens im Amazonas vor? Diese Frage wird vielleicht nicht in Debatten gestellt – aber sie wird uns, die wir im Amazonas leben, direkt betreffen. Und gerade als dieser Text beendet wurde, kam die Nachricht: In der Dunkelheit der Nacht, wie es Ratten und Kakerlaken gebührt (bei allem Respekt gegenüber diesen Arten), bereitet das schlimmste Parlament der brasilianischen Geschichte einen weiteren Angriff auf unsere Zukunft vor.
Die vom „ehrenwerten“ Nationalkongress verabschiedeten Änderungen des Umweltrechts sind nicht nur eine politische Niederlage für die Bundesregierung oder ein kurzfristiger Sieg der Agrarlobby – wie die traditionelle Presse es oft verkürzt darstellt. Es ist vor allem ein Todesurteil für die brasilianische Umwelt – ein kalkulierter Schlag gegen die Zukunft der Wälder, der Biodiversität und der Gemeinschaften, die im Einklang mit der Natur leben. Die Symbolik ist tragisch und pervers: Im selben Jahr, in dem Brasilien die COP 30 – die größte Klimakonferenz der Welt – ausrichtet, sendet es eine entgegengesetzte Botschaft aus Belém in die Welt: dass Entwicklung nicht nachhaltig sein muss, sondern um jeden Preis erfolgen soll.

Die beschlossenen Änderungen demontieren historische Pfeiler des Umweltschutzes in Brasilien. Die Lockerung von Lizenzierungsauflagen, die Schwächung von Überwachungsbehörden wie IBAMA und ICMBio sowie die faktische Amnestie für illegale Abholzung schaffen ein Klima der Straflosigkeit und fördern die Zerstörung. Indigene Gebiete und traditionelle Gemeinschaften – oft verantwortlich für den Erhalt großer Waldflächen – sind nun noch stärker der Gier rückständiger Agrar- und Bergbauinteressen ausgeliefert.
Dies ist kein rein technischer oder juristischer Streit, sondern ein ideologischer und ökonomischer Konflikt um die Zukunft des Landes. Auf der einen Seite jene, die an Modernisierung mit Umweltgerechtigkeit glauben; auf der anderen jene, die in einem kurzfristigen, extraktivistischen Modell Natur nur als Hindernis für ihren Profit betrachten. Der Gesetzesbeschluss signalisiert: Die zweite Gruppe hat wieder einmal gewonnen – mit ihr die Politik des Rückschritts.
Die Folgen könnten unumkehrbar sein. Expert:innen warnen bereits, dass das neue Gesetzespaket die Zerstörung von Amazonas, Cerrado und Pantanal beschleunigen und ganze Biome an ihre ökologischen Grenzen treiben könnte. Das würde Niederschlagsmuster, nachhaltige Landwirtschaft und Lebensqualität beeinträchtigen – nicht nur in Brasilien, sondern weltweit. Der Kongress beugt sich der Agrarlobby und widerspricht damit nicht nur der Umweltagenda der gewählten Regierung, sondern auch der Erwartung großer Teile der internationalen Gemeinschaft, die Brasilien immer noch als Schlüsselakteur im Kampf gegen die Klimakrise sehen.
Brasilien hätte in diesem historischen Moment mit gutem Beispiel vorangehen können – stattdessen entschied sich die parlamentarische Mehrheit für den entgegengesetzten Weg. Die Verabschiedung dieser Umweltgesetzgebung ist kein Nebenschauplatz – sie ist ein tragischer Meilenstein, der das Bild des Landes beschädigt, künftige Generationen bedroht und die COP 30 in ein Paradoxon verwandelt. Es ist, als würde man die Klimafackel entzünden – inmitten der Trümmer eines brennenden Waldes.
Original: Ismael Machado, AmazoniaReal
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