Dreimal täglich: Brasilien unter der Dusche

Als Susi aus der Schweiz nach Brasilien zog, um ein halbes Jahr bei einer Gastfamilie in São Paulo zu verbringen, hatte sie viele Erwartungen – tropisches Wetter, Samba, Freundlichkeit. Doch gleich am ersten Tag wunderte sie sich über etwas ganz anderes:

„Du warst noch nicht duschen?“, fragte ihre Gastmutter höflich, aber erstaunt. Susi war gerade erst vom Flughafen angekommen und wollte eigentlich nur schlafen.

Yawalapití bei der Morgentoilette – Foto: Klaus D. Günther

In den nächsten Tagen fiel ihr auf: Alle duschten ständig. Ihre Gastschwester Mariana sprang morgens vor der Schule unter die Dusche, nochmal nachmittags nach dem Heimkommen – und dann abends ein drittes Mal, vor dem Schlafengehen.

Susi war verblüfft. In der Schweiz war einmal Duschen am Tag völlig ausreichend – manche duschten sogar nur jeden zweiten Tag. War das brasilianische Klima wirklich so schlimm?

Tatsächlich: In São Paulo war es oft heiß, schwül, und der Schweiß klebte binnen Minuten auf der Haut. Im Norden des Landes, etwa in Belém oder Recife, war es sogar noch tropischer – Hitze und Feuchtigkeit rund ums Jahr. Aber das war nicht der einzige Grund.

In Gesprächen mit ihrer Gastfamilie, Lehrern und neuen Freunden lernte Susi, dass hinter dem Duschen viel mehr steckte. Es hatte kulturelle, geschichtliche – fast schon soziale Dimensionen.

Schon vor der Ankunft der Portugiesen pflegten indigene Völker in Brasilien ein enges Verhältnis zu Wasser. Es diente nicht nur der Reinigung, sondern auch der Verbindung mit der Natur, der Heilung und rituellen Erneuerung. Wasser war Leben – und Reinheit hatte spirituelle Bedeutung.

Während der Kolonialzeit, besonders im 19. und 20. Jahrhundert, kamen dann europäische Vorstellungen von Sauberkeit hinzu – jedoch oft mit einem klassenbezogenen Blick. Wer „zivilisiert“ sein wollte, musste sauber und gepflegt erscheinen. Diese Haltung blieb – und vermischte sich mit der praktischen Notwendigkeit des Duschens im heißen Klima.

Doch es ging noch weiter: In Brasilien war körperliche Nähe Alltag. Man umarmte sich, man küsste sich zur Begrüßung auf die Wange, man lebte oft eng zusammen. Und niemand wollte dabei schlecht riechen oder verschwitzt sein. Frisch geduscht zu sein, galt als Zeichen von Respekt – sich selbst und anderen gegenüber.

Susi fiel auch auf, wie groß der Markt für Körperpflege war. Supermärkte hatten riesige Regale mit Duschgels in allen möglichen Düften – von Kokos über Acai bis Jasmin. Parfüms, Deos, Cremes – alles in großzügiger Auswahl. Und: Fast kein Haushalt war ohne eine chuveiro elétrico, eine elektrische Dusche mit warmem Wasser.

„Duschen ist für uns fast so wichtig wie Kaffee“, sagte Mariana einmal lachend. „Es macht wach, es beruhigt, es gibt einem das Gefühl, den Tag zu kontrollieren.“

Nach ein paar Wochen war auch Susi im brasilianischen Rhythmus angekommen. Die morgendliche Dusche machte sie wach. Die nachmittägliche befreite sie vom klebrigen Gefühl des Tages. Und die abendliche? Die war wie ein kleines Ritual – ein Moment, um zur Ruhe zu kommen.

Als sie nach sechs Monaten in die Schweiz zurückkehrte, regnete es in Strömen. Alles war grau, kühl – vertraut, aber irgendwie auch fremd. Ihre Mutter bot ihr eine heiße Suppe an, und Susi zog sich erst einmal um.

Dann nahm sie eine Dusche. Nicht, weil sie musste – sondern, weil es sich richtig anfühlte. Sie lächelte. Ein Stück Brasilien war mit ihr zurückgekehrt.

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