05. Januar – Tag der Vögel
Das Beispiel der Drossel sabiá-laranjeira, die in Brasiliens Metropolen neuerdings mitten in der Nacht zu singen beginnt, um den Alltagslärm zu umgehen, zeigt, welchen Herausforderungen Wildtiere begegnen, wenn sie in der Stadt ihr Glück versuchen. Doch der urbane Dschungel bietet nicht nur Stolpersteine – viele Vogelarten finden hier auch neue Chancen zum Überleben.

Die sabiá-laranjeira, eine etwa 23 Zentimeter große Drossel, ist in brasilianischen Städten weit verbreitet und bekannt für ihren kraftvollen Gesang in den Stunden vor Sonnenaufgang. Ihr Gesang dient dazu, Weibchen anzulocken und Fortpflanzungschancen zu erhöhen. Dass sie ihre Serenaden ausgerechnet in der Nacht anstimmt, ist kein Zufall: Der Lärmpegel in den großen Städten ist tagsüber so hoch, dass die Weibchen ihre Rufe kaum hören könnten. In kleineren Städten oder in freier Natur stimmt sie ihr Lied dagegen deutlich später an.
Vor einigen Jahren wurde dieses ungewöhnliche Verhalten durch das Bürgerwissenschaftsprojekt „A Hora do Sabiá“ („Die Stunde der Drossel“) bekannt. Ein Biologe sammelte gemeinsam mit Tausenden Freiwilligen in Städten der Bundesstaaten São Paulo und Rio de Janeiro Daten und stellte fest, dass Stadt-Drosseln ihren Gesang bis zu fünf Stunden früher beginnen als ihre Artgenossen in ländlicheren Gegenden.
Zwar wurde bislang kein wissenschaftlicher Artikel speziell über die Gesangszeiten der Drossel veröffentlicht, doch Fachleute bestätigen: Das Stadtleben beeinflusst das Verhalten der Vögel massiv, ein Phänomen, das weltweit beobachtet wird.
Eine in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Studie zweier US-amerikanischer Biologen, die 60 Millionen Tonaufnahmen von 583 tagaktiven Vogelarten auswertete, kam zu dem Ergebnis, dass diese Arten im Durchschnitt täglich 50 Minuten länger singen. Hauptursache sei das künstliche Licht der Städte, das den biologischen Rhythmus der Tiere durcheinanderbringt, indem es Nacht und Tag verschwimmen lässt.
Allerdings beziehen sich diese Daten auf Vögel aus den gemäßigten Breiten, wo sich die Tageslänge im Jahresverlauf stark verändert. In London etwa geht die Sonne im Dezember bereits um 16 Uhr unter, im Juli dagegen erst um 21 Uhr. Die dortige Tierwelt reagiert entsprechend sensibel auf die Länge des Tageslichts. In tropischen Regionen nahe dem Äquator, etwa im Norden Brasiliens, bleibt die Tageslänge dagegen nahezu konstant, weshalb dort andere Faktoren, zum Beispiel Lärm das Verhalten der Vögel stärker beeinflussen dürften.
Forscherinnen und Forscher der kolumbianischen Fundación Chimbilakom untersuchten in Bogotá den Gesang des Tico-Tico (Zonotrichia capensis) an 33 Orten der Stadt und kamen zu dem Schluss, dass Lärmbelastung eine größere Rolle spielt als künstliche Beleuchtung: In lauteren Gegenden beginnen die Tiere tatsächlich früher zu singen, während Lichtverschmutzung kaum Einfluss zeigte. In Bogotá schwankt die Tageslänge im Jahreslauf um gerade einmal 21 Minuten. Die Studie erschien in der Fachzeitschrift Royal Society Open Science.
In Belo Horizonte suchen sich verschiedene Arten unterschiedliche Stadtviertel aus
Gesangszeit und -dauer sind nur ein Beispiel dafür, wie das Stadtleben das Verhalten von Vögeln prägt. In einer 2023 in Landscape and Urban Planning veröffentlichten Studie untersuchte der Ornithologe vom Umweltforschungszentrum (CEA) der Unesp in Rio Claro, welche Stadtlandschaften welche Vogelarten anziehen oder fernhalten. Er und sein Team erfassten 73 Vogelarten an 60 Orten in der Innenstadt und im Süden von Belo Horizonte.
Er stellte fest: In ruhigen, grünen Vierteln mit niedriger Bebauung – etwa Parks oder Wohnstraßen – überwiegen kleinere Arten mit größeren Gelegen. Nektarfressende Vögel sind hier häufiger, ebenso Arten, die am Boden oder in Sträuchern nach Nahrung suchen. Insgesamt ist dort die Artenvielfalt höher, und heimische Arten sind stärker vertreten als zugewanderte.
Anders sieht es in dicht bebauten, lauteren Gebieten mit viel Publikumsverkehr aus: Dort sinkt die Biodiversität, während größere, anpassungsfähige Arten überwiegen, etwa Tauben, Insekten- und Allesfresser. In diesen innerstädtischen Zonen bauen Vögel ihre Nester häufiger in Bäumen und halten sich seltener am Boden auf. Der Anteil nicht heimischer Arten, etwa der aus Eurasien stammenden Haussperlinge ist dort deutlich höher.
„Die Stadt wirkt wie ein ökologischer Filter“, erklärt der Ornithologe. „Bestimmte Schnabelformen oder Ernährungsgewohnheiten können den Ausschlag geben, ob eine Art hier überlebt. Selbst Müll wird von manchen Arten erfolgreich als Nahrungsquelle genutzt.“ Jeder Stadtteil habe sein eigenes ökologisches Profil, das bestimmten Tieren Vorteile verschafft und andere ausschließt. Vielfalt ist also nicht nur an Stadträndern oder in großen Grünflächen zu finden.
Licht und Schatten des Stadtlebens
Weit über die bekannten Stadttauben hinaus bevölkern Hunderte Vogelarten die brasilianischen Städte. Der Inventário da Fauna Silvestre do Município de São Paulo von 2024 listet etwa 523 Arten, die meisten davon bleiben der breiten Öffentlichkeit verborgen.
„In einer 2024 veröffentlichten Studie über die Wahrnehmung von Stadtvögeln konnten wir zeigen, dass die Menschen zwar die häufigsten Arten erkennen, im hektischen Alltag aber kaum Zeit finden, die Vielfalt um sich herum bewusst wahrzunehmen“, erklärt der Ornithologe.
Warum also bleiben die Vögel trotzdem? „Weil Städte und landwirtschaftliche Flächen reich an Nahrung sind“, sagt der Professor am Institut für Biowissenschaften der Unesp in Rio Claro. „Gerade in Trockenzeiten ist es schwer, genug Futter zu finden.“ Diese Fülle wiegt Risiken wie Katzen, Opossums oder die Gefahr von Glasunfällen oft auf.
„Bei unseren Beobachtungen von Nistplätzen der Avoante-Taube (Zenaida auriculata) haben wir festgestellt, dass über 70 % der Nester von Fressfeinden zerstört werden“, berichtet der Professor. Nicht jede Art hält dem Stadtstress stand. Besonders licht- oder lärmsensible Tiere oder solche mit sehr speziellen Nistansprüchen haben es schwer. Andere wiederum haben das Leben in der Stadt für sich entdeckt: „Wir beobachten zunehmend, dass die Flussdrossel (sabiá-barranco) in Gebäuden nistet“, sagt der Professor.
„Wir vermuten, dass diese Nistplätze Vorteile bieten: Sie sind vor Wind und Regen geschützt, langlebiger und temperaturstabiler.“ Erste Daten deuten darauf hin, dass diese Vögel dort erfolgreicher brüten als ihre Artgenossen in freier Wildbahn.
Die Krise der Spatzen
Während manche Drosselarten also florieren, scheinen die allgegenwärtigen Haussperlinge in Schwierigkeiten zu geraten. Die ursprünglich aus Eurasien stammende Art, die im 19. Jahrhundert nach Brasilien eingeführt wurde, leidet offenbar unter modernen Bauweisen. Spatzen bevorzugen Dachvorsprünge, Hohlräume unter Ziegeln oder Regenrinnen als Nistplätze – Strukturen, die bei heutigen Gebäuden immer seltener werden. Selbst der Wechsel zu neuen Ampelmodellen mit weniger Öffnungen hat ihnen wertvolle Brutplätze genommen, erklärt der Kurator des Zoologischen Museums der Universität São Paulo.

Zwar fehlen für Brasilien präzise Zahlen, doch in den USA ist die Spatzenpopulation laut dem Handbuch Birds of North America seit den 1960er-Jahren um durchschnittlich 2,6 % pro Jahr zurückgegangen. Eine Studie im Journal of Ornithology beschreibt ähnliche Entwicklungen im ländlichen Nordeuropa und führt sie auf die Effizienz moderner Landwirtschaft zurück: Beim Ernten und Transport gehen kaum noch Körner verloren und damit schrumpft das Nahrungsangebot. Für Städte hingegen bleibt der Grund unklar. Eine Hypothese besagt, dass der Siegeszug des Automobils im 20. Jahrhundert den Spatzen indirekt schadete, weil damit Pferde und ihre Futterreste aus dem Straßenbild verschwanden, die einst eine wichtige Nahrungsquelle waren.
Metropolen sind also Laboratorien der Evolution: Manche Arten finden hier perfekte Bedingungen, andere scheitern. In Belo Horizonte etwa leben 41,2 % aller in der Region vorkommenden Vogelarten auch im Stadtgebiet. „Wie wir unsere Städte gestalten und welche Ressourcen wir Tieren darin bieten“, fasst Professor zusammen, „entscheidet letztlich darüber, welche Arten mit uns überleben, und welche nicht.“
