Indigene Geschichte der Guanabara-Bucht in Rio de Janeiro

„Die Guanabara-Bucht ist die Mutter vieler Völker. In ihr leben unzählige Wesen und Welten, die noch immer mit den Menschen verbunden sind, die hier seit jeher zu Hause sind. Sie ist ein Ort, der empfängt und aufnimmt. Dieses Umschließen des Wassers, dieses Umarmen des Flusses und dieses Einhüllen des Ortes, das ist wie ein Schoß“, sagt die Künstlerin Renata Tupinambá.

Rio de Janeiro Guanabara Bucht – Foto: Matheus Gugelmim auf Pixabay

Sie erinnert daran, dass ihr eigenes Volk, die Tupinambá, einst in dieser Region lebte, später als ausgestorben galt und erst in den 2000er-Jahren wieder offiziell anerkannt wurde. Der Tupinambá-Mantel, der nach seiner Rückkehr aus Frankreich wieder nach Rio gebracht wurde, sei der lebendige Beweis dafür, sagt sie, dass ihr Volk überlebt hat und weiterhin existiert.

„Der Tupinambá-Mantel ist älter als Brasilien. Seine Rückkehr stärkt die Erzählungen eines Rio, das noch kein Rio war, eines Ortes, dessen Wasser in der Guanabara Erinnerungen bewahrt und weiterträgt.“

Der spirituelle Führer Ailton Krenak erinnert daran, dass viele alltägliche Begriffe im Leben der Cariocas indigene Wurzeln haben: Die Namen der Stadtteile Ipanema und Jacarepaguá, ja sogar das Wort „Carioca“ selbst, stammen von den Völkern, die hier lebten und noch immer leben.

„Die Menschen in Rio wissen oft gar nicht, was sie sagen. Sie sprechen Namen wie Ipanema oder Jacarepaguá aus, ohne ihre Bedeutung zu kennen. Für mich ist es eine Ehre, diese Namen, ihre Herkunft und ihre Geschichten sichtbar zu machen“, erklärt er.

Er lenkt den Blick auch auf die nichtmenschlichen Lebewesen der Guanabara-Bucht. Die schrittweise Reinigung der Gewässer, etwa am Strand von Flamengo, wo man inzwischen wieder baden kann, hat dazu geführt, dass die Stadt diesen Raum neu entdeckt und das Leben dort wieder wertschätzt.

„Je mehr der Mensch versteht, dass er Verantwortung trägt und diesen Ort nicht allein bewohnt, desto größer wird sein Respekt. Hier leben Krustentiere, Fische, kleine Muscheln, sie alle sind auf dieses Ökosystem angewiesen. Wenn der Mensch das begreift, wird er achtsamer mit der Natur umgehen“, betont er.

Die Denkerin Takuá ergänzt, dass andere Lebewesen den Menschen vieles lehren können. „Wenn man an die Gemeinschaften der Agutis, Ameisen oder Bienen denkt, erkennt man, dass sie weitaus ethischer und harmonischer miteinander leben als wir. Die derzeitige Krise der Menschheit – der Mensch gegen sich selbst – muss neu bedacht werden. Über Jahrhunderte hat die Menschheit schwer auf der Erde gewandelt, und nun ist die Erde verwundet“, sagt sie eindringlich.

Die Guanabara-Bucht

Die Guanabara-Bucht umfasst rund 337 Quadratkilometer Wasserfläche mit 40 Inseln. Insgesamt münden 143 Flüsse und Bäche in sie, in einem Gebiet, in dem heute etwa 8,4 Millionen Menschen leben. Eingebettet zwischen der Serra dos Órgãos und kleineren Küstenmassiven, war sie einst Lebensquelle und Kinderstube für Wale, später Zentrum des Walfangs und wichtigster Hafen für Edelmetalle. Bis heute werden hier Millionen Tonnen Güter umgeschlagen.

Für die Tukano, Dessano und andere Völker des Rio Negro im Amazonasgebiet ist die Guanabara-Bucht der „Milchsee“, in den das mythische Schlangenkanu auf seiner kosmischen Reise durch die Milchstraße gelangte.

Ein Blick in die Zukunft

Für die Direktorin und Mitgründerin von Selvagem und des Verlags Dantes hält die Guanabara-Bucht auch Lehren für die Zukunft bereit, insbesondere im Hinblick auf die geplante Erschließung der Erdölvorkommen im Mündungsbecken des Amazonas, das aufgrund seines Potenzials bereits als neues „Pré-Sal-Gebiet“ gilt.

In der Bucht selbst hat es schon Ölkatastrophen gegeben, etwa am 18. Januar 2000, als eine Pipeline von Petrobras, die die Raffinerie Duque de Caxias mit dem Terminal Ilha d’Água auf der Ilha do Governador verband, noch vor Tagesanbruch brach. Rund 1,3 Millionen Liter Schweröl liefen ins Wasser und breiteten sich über eine Fläche von 40 Quadratkilometern aus. Das Ereignis ging als eine der schwersten Umweltkatastrophen Brasiliens in die Geschichte ein.

Im Vorfeld der 30. UN-Klimakonferenz (COP30), die im November in Belém stattfinden wird, betont die Anthropologin Nastassja, dass es beim Nachdenken über Zukunft und Umwelt vor allem darauf ankomme, den traditionellen Gemeinschaften zuzuhören.

„Es geht nicht nur darum, sie einzubeziehen, sondern vor allem darum, zuzuhören, den Menschen, die weiterhin in enger Verbindung mit diesen Orten, mit dem Wasser und den Tieren leben und deshalb genau wissen, was geschieht, weil sie es tagtäglich erfahren. Klimawandel ist keine abstrakte Theorie, sondern etwas sehr Reales, Empfindliches und letztlich eine Frage des Überlebens“, sagt sie.

Das Leben ist wunderbar

Der geistige Führer Ailton Krenak zeigt, dass sich die Menschheit verändern kann, wenn sie ihr Denken verändert, wenn sie beginnt, achtsamer miteinander umzugehen, das Leben in all seinen Formen zu achten und die Umwelt zu schützen.

„Die westliche Philosophie lehrt, dass wir existieren, um etwas zu vollbringen und so werden Menschen dazu angehalten, Denkmäler zu errichten, Spuren ihrer Leistungen zu hinterlassen. In der westlichen Kultur scheint es ehrenhaft, beim Tod einen lauten Nachhall zu hinterlassen.

Man muss sich nur die Vielzahl an Monumenten ansehen, die ihren Helden gewidmet sind. Ich aber glaube, dass wir existieren können, ohne etwas hinterlassen zu müssen. Schon die Tatsache, dass wir Leben empfangen und leben dürfen, ist an sich wunderbar“, schreibt er in einem Abschnitt seines Buches Ein Fluss ein Vogel.

„Wenn wir auf die Erde kommen, ist es, als würden wir wie Vögel sanft landen und eines Tages treten wir unsere Reise in den Himmel an, ohne Spuren zu hinterlassen.“

Einige alltägliche Begriffe mit indigenen Wurzeln

Guanabara” bedeutet in der Sprache der im 15. Jahrhundert in Rio ansässigen Tupinambá wörtlich “Meeresarm”.

Die Menschen, die seit 1565 in Rio leben, nennen sich “cariocas”. Der Name kommt aus der Sprache der Tupinambá und bedeutet “Haus des weissen Mannes” oder einfach “weisser Mann”.

Das Wort “Ipanema” entstammt der Sprache der Tupinambá und bedeutet “gefährliches Gewässer“.

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