Eine Palme, die „wandert“? Warum dieser Mythos bis heute fasziniert

Stellen sie sich vor, mitten im tropischen Regenwald stünde eine Palme, die langsam ihren Standort verändert. Genau das besagt die Legende rund um die sogenannte Wanderpalme, in der Wissenschaft als Socratea exorrhiza bekannt, im Volksmund oft Paxiúba genannt. Ihr Wurzelwerk erinnert an Beine und seit Jahrzehnten sorgt der Gedanke, dass sie sich durch den Wald bewegen könnte, für Staunen bei Reisenden und Forschenden gleichermaßen.

Socratea-exorrhiza – – Der wandelnde Baum – Foto: Screenshot

Die Spezialistin erklärt, dass dieser Mythos in den 1980er-Jahren entstand, als Anthropologen in Peru Berichte sammelten, nach denen die Pflanze sich angeblich in Richtung des Lichts bewege. „Der Name hat sich eingebürgert, weil man beobachtete, dass neue Wurzeln langsam in günstigere Richtungen wuchsen. Sobald sie festen Halt fanden, starben die alten Wurzeln ab, und es schien, als hätte sich die Palme tatsächlich ein Stück verlagert“, sagt sie.

Neuere Forschungen zeigen jedoch: Die Palme läuft nicht wirklich. „Heute wissen wir, dass diese Stelzwurzeln keine Bewegung ermöglichen. Sie dienen vielmehr der Stabilität auf sumpfigem Boden und geben der Pflanze Halt, während sie in die Höhe wächst, ohne dafür einen dicken Stamm bilden zu müssen. So erreicht sie trotzdem das Licht der oberen Baumkronen“, erklärt die Biologin.

Die auffälligen, bis zu zwei Meter langen Stelzwurzeln entspringen dem Stamm und verlaufen schräg in den Boden, sodass ein offener Kegel entsteht. „Das sieht fast so aus, als hätte die Pflanze Beine, daher stammt auch der Spitzname «Siebenbeinige Palme», erzählt die Spezialistin.

Diese besondere Wuchsform ist mehr als nur ein kurioses Merkmal: Sie verschafft der Art einen evolutionären Vorteil. Durch die flexible Wurzelstruktur kann sie sich besser an Lücken im Blätterdach anpassen und das Sonnenlicht effizienter nutzen als viele andere Palmenarten.

Ein wichtiges Glied im Ökosystem

Die Wanderpalme ist in weiten Teilen Mittel- und Südamerikas verbreitet; von Nicaragua über Costa Rica, Kolumbien und Ecuador bis nach Peru, Bolivien und Brasilien. In Brasilien wächst sie in den Regenwäldern von Acre, Amapá, Amazonas, Pará, Maranhão und Roraima, meist entlang von Flüssen und Bächen, sowohl in überfluteten Gebieten als auch auf festem Waldboden.

Ökologisch spielt sie eine zentrale Rolle. „Ihre Früchte sind eine wertvolle Nahrungsquelle für viele Tiere – darunter Affen, Tapire, Pekaris sowie Vögel wie Tukane und Jacus. Diese tragen zugleich zur Verbreitung der Samen bei. In den Wurzeln wiederum finden kleine Nagetiere Schutz“, so die Fachfrau.

Nutzung durch die lokale Bevölkerung

Auch für die Menschen im Amazonasgebiet hat die Paxiúba große Bedeutung. Ihr faseriger, widerstandsfähiger Stamm wird traditionell zum Hausbau verwendet, für Wände, Fußböden, Zäune, Fischreusen, Gehstöcke und sogar Pfosten. Die gemusterten Samen erinnern an Muskatnüsse und dienen als Rohmaterial für handgefertigten Schmuck oder Möbel.

In der Volksmedizin ist die Pflanze ebenfalls bekannt. „Wurzeln wurden schon bei Hepatitis, Leishmaniose und Geschlechtskrankheiten eingesetzt. Vom geriebenen Stamm heißt es, er helfe, den Nabel von Neugeborenen zu heilen, und das Wurzelexsudat wurde früher zur Herstellung von Pfeilgiften verwendet“, berichtet die Biologin.

Eine weitere interessante Nutzung betrifft den Schutz vor Insekten: Bestimmte Inhaltsstoffe der Wurzeln sollen Schmerzen nach Stichen der berüchtigten Paraponera-Ameise – auch „Kugelameise“ genannt – lindern.

Zwischen Nutzen und Gefahr

Angesichts ihrer vielseitigen Verwendung warnen Fachleute jedoch vor Übernutzung. „Mit der Paxiúba muss sorgfältig umgegangen werden. Unkontrollierte Nutzung, kombiniert mit Abholzung und den Folgen des Klimawandels, gefährdet die natürlichen Bestände dieser faszinierenden Art“, mahnt die Biologin.

So bleibt die „wandernde“ Palme ein Symbol für die Kreativität der Natur – und für die Verantwortung des Menschen, sie zu bewahren.

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