Öffentliche Telefonzellen verschwinden bis Ende 2028 aus ganz Brasilien

Die Tage der legendären brasilianischen Telefonzellen sind gezählt. Bis Ende 2028 sollen die letzten rund 30’000 öffentlichen Telefone, landesweit als “Orelhões” bekannt, endgültig ausser Betrieb genommen werden. Damit geht ein Stück Alltagsgeschichte zu Ende, das über Jahrzehnte das Stadtbild und den öffentlichen Raum geprägt hat.

Orelhões vs Smartphone – Foto: Rafa Neddermeyer/Agência Brasil

Die Orelhões wurden 1972 in ganz Brasilien eingeführt. Ihr markantes, muschelförmiges Design stammt von der Architektin Chu Ming Silveira, einer in China geborenen und in Brasilien lebenden Gestalterin. Über viele Jahre hinweg war das Netz der öffentlichen Telefone Teil der staatlich regulierten Grundversorgung.

Zeitweise existierten mehr als 1,5 Millionen dieser Apparate. Die Wartung lag bei den Konzessionären der Festnetztelefonie und war als verpflichtende Gegenleistung an die Konzession gekoppelt.

Konzessionen endeten 2025

Die entsprechenden Konzessionsverträge wurden 1998 abgeschlossen und liefen im Dezember 2025 aus. Mit ihrem Ende begann auch der formale Abschied von der Verpflichtung, Telefonzellen flächendeckend zu betreiben.

Im Zuge der Vertragsumstellung von Konzessionen auf Dienstleistungsbewilligungen nach privatem Recht ist nun eine schrittweise Abschaltung der öffentlichen Telefone vorgesehen. Diese Massnahme ist Teil eines neuen Modells zur landesweiten Sicherstellung des Telefonzugangs.

Die brasilianische Regulierungsbehörde Anatel erklärte, dass mit dem Auslaufen der Verträge eine umfassendere Debatte über das bisherige Konzessionssystem sinnvoll geworden sei. Ziel sei es, Investitionen in moderne Netzinfrastrukturen zu fördern, insbesondere im Bereich der Breitbandversorgung.

Vor diesem Hintergrund suchten die Telekommunikationsunternehmen den Schulterschluss mit der öffentlichen Hand, um den Übergang vom klassischen Festnetzkonzessionssystem zum privatwirtschaftlich organisierten Genehmigungsmodell zu ermöglichen.

Dieser Prozess war jedoch nicht frei von Schwierigkeiten. Zusätzliche Komplexität brachte die finanzielle Krise des Konzerns Oi mit sich, einem der grössten Anbieter des Landes, der sich seit 2016 in einem Insolvenzverfahren befindet.

Wo Telefonzellen vorerst bleiben

In der Praxis werden rund 9’000 öffentliche Telefone vorerst weiterbetrieben. Sie verbleiben in Städten und Gemeinden, in denen kein zuverlässiger Mobilfunkempfang mit mindestens 4G verfügbar ist. Derzeit befindet sich der Grossteil dieser Anlagen im Bundesstaat São Paulo. Ihre genauen Standorte sind öffentlich einsehbar und können über die Website der Anatel abgerufen werden.

Nach Angaben der Regulierungsbehörde haben sich die Unternehmen verpflichtet, in Regionen, in denen sie die einzigen Telekommunikationsanbieter sind, weiterhin Sprachdienste bereitzustellen. Dazu zählen ausdrücklich auch die orelhões. Diese Verpflichtung gilt bis spätestens zum 31. Dezember 2028 und kann über unterschiedliche technische Lösungen erfüllt werden.

Darüber hinaus sagten die Anbieter umfangreiche Investitionen in die nationale Telekommunikationsinfrastruktur zu. Geplant sind unter anderem der Ausbau von Glasfasernetzen in bislang unversorgten Gebieten.

Auch die Errichtung von Mobilfunkantennen mit mindestens 4G-Technologie, die Erweiterung bestehender Mobilfunknetze in Gemeinden, der Bau von Untersee- und Flusskabeln, die Verbesserung der Internetanbindung öffentlicher Schulen sowie der Aufbau neuer Rechenzentren.

Unterschiedliche Ausgangslagen bei den Anbietern

Am besten auf die Übergangsphase vorbereitet ist derzeit Oi. Das Unternehmen betreibt noch 6’707 funktionierende Telefonzellen. Die Anbieter Vivo, Algar, Claro und Telefónica hingegen wollen ihre Netze bereits im Laufe dieses Jahres abschalten. Danach werden nur noch rund 2’000 orelhões von diesen Unternehmen betrieben.

Weitere etwa 500 öffentliche Telefone gehören dem regionalen Anbieter Sercomtel und stehen in den Gemeinden Londrina und Tamarana im Bundesstaat Paraná. Diese Anlagen dürfen erst nach einer entsprechenden vertraglichen und technischen Anpassung entfernt werden.

Daneben existieren in Brasilien auch Telefonzellen, deren Wartung für die Betreiber nicht mehr verpflichtend ist. Ihre Abschaltung kann direkt bei den jeweiligen Unternehmen beantragt werden. Erfolgt keine Reaktion, können Bürgerinnen und Bürger sich an die Anatel wenden, entweder über die Hotline 1331 oder über das Online-Portal der Behörde.

Mit dem endgültigen Abschied von den Orelhões schliesst Brasilien ein Kapitel aus der Zeit vor dem Smartphone und dem mobilen Internet. Was bleibt, ist die Erinnerung an ein Kommunikationsmittel, das Generationen begleitet und den Zugang zur Telefonie lange demokratisiert hat.


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Mehr über die «Orelhões» (Riesenohr) Telefonzellen finden Sie » hier
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