Piranhas gehören zu den bekanntesten Fischen der Welt. Kaum ein anderes Tier aus den Flüssen Südamerikas ist so stark von Mythen, Schauergeschichten und filmischen Übertreibungen geprägt. In der populären Vorstellung treiben sich in den dunklen Gewässern der sogenannten „Grünen Hölle“ des Amazonas gefrässige Schwärme herum, die jeden unvorsichtigen Menschen innerhalb weniger Sekunden bis auf das Skelett abnagen. Dieses Bild hat sich tief in der Kultur verankert und wurde über Jahrzehnte von Literatur, Film und Fernsehen weiter verstärkt.

Besonders die Filmindustrie hat wesentlich zu diesem Ruf beigetragen. Immer wieder erscheinen Piranhas dort als aggressive, nahezu unaufhaltsame Killerfische. Ein frühes Beispiel findet sich im Film You Only Live Twice aus dem Jahr 1967, einem Teil der Reihe um den Geheimagenten James Bond.
Darin demonstriert der Schurke Ernst Stavro Blofeld die Gefährlichkeit seiner Piranhas, indem er ein Stück Fleisch ins Becken hält und kurz darauf nur noch einen blanken Knochen herauszieht. Später wird sogar eine Frau in das Becken gestossen. Der Film zeigt die Attacke zwar nur indirekt, etwa durch das blutig aufschäumende Wasser, doch die Botschaft ist klar: Hier lauern gnadenlose Raubfische.
Auch andere Medien griffen dieses Bild auf. In dem Videospiel Tomb Raider III muss die Heldin Lara Croft einen von Piranhas wimmelnden See durchqueren. Horrorfilme wie Piranha II: The Spawning treiben die Darstellung sogar ins Absurde, indem sie den Fischen Fähigkeiten zuschreiben, die mit der Realität nichts mehr zu tun haben, etwa das Fliegen über die Wasseroberfläche.
Der Ursprung der düsteren Legenden reicht jedoch weiter zurück als die moderne Popkultur. Schon frühe Forschungsreisende und Naturforscher berichteten mit grossem Respekt vor diesen Fischen. Einer der bekanntesten unter ihnen war der Naturforscher Alexander von Humboldt. Während seiner Expeditionen durch Südamerika im frühen 19. Jahrhundert beschrieb er den Piranha in den Gewässern Venezuelas.
In seinen Aufzeichnungen erwähnt er den Fisch „Caribe“, der Menschen beim Baden angreifen und Fleischstücke aus dem Körper reissen könne. Besonders Blut im Wasser, so berichtete er, ziehe die Tiere in grossen Schwärmen an. Noch grösseren Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung hatte der Bericht des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt. Nach einer gescheiterten Wiederwahl begab er sich 1913 auf eine Expedition nach Brasilien und erkundete unter anderem abgelegene Flüsse im Amazonasgebiet.
In seinem später veröffentlichten Reisebericht schilderte er die Piranhas als „grausamste Fische der Welt“. Sie würden Finger abbeissen, Schwimmer verstümmeln und jedes verwundete Tier im Wasser in kurzer Zeit zerfleischen. Besonders eindrücklich beschreibt Roosevelt Szenen, in denen ein verletztes Rind von einem Schwarm dieser Fische angegriffen wird.
Roosevelts Bericht ging durch die amerikanische Presse und festigte den Ruf der Piranhas als tödliche Monster. Erst später wurde bekannt, dass er möglicherweise Opfer einer inszenierten Vorführung geworden war. Der brasilianische Ichthyologe Alípio de Miranda Ribeiro hatte für den prominenten Gast offenbar ein spektakuläres Experiment vorbereitet.
Ein Nebenarm des Flusses wurde mit Netzen abgesperrt und mit zahlreichen roten Piranhas gefüllt. Danach trieben Einheimische ein verletztes Rind ins Wasser. Die Fische, zuvor längere Zeit ohne Nahrung gehalten und auf engem Raum eingeschlossen, stürzten sich sofort auf das Tier. Unter solchen künstlichen Bedingungen entsteht tatsächlich der Eindruck eines rasenden Schwarms.
Roosevelt war von diesem Ereignis so beeindruckt, dass er die Art zunächst als eigene Spezies registrieren liess. Heute ist sie unter dem wissenschaftlichen Namen Pygocentrus nattereri bekannt, der auch als Roter Piranha bezeichnet wird. Trotz späterer wissenschaftlicher Korrekturen blieb der dramatische Eindruck seines Reiseberichts in der Öffentlichkeit bestehen.
Selbst viele Wissenschaftler übernahmen lange Zeit diese dramatische Darstellung. Noch 1971 schrieb der Naturforscher Philip Street in seinem Buch über Tierverteidigungssysteme, kein Meeresräuber sei so gefährlich wie der kleine Fisch aus den Flüssen Südamerikas.
Er beschrieb Szenen, in denen Schwärme von Piranhas aus dem Nichts auftauchen und jedes Tier innerhalb weniger Minuten vollständig zerlegen würden. Solche Schilderungen verstärkten den Mythos weiter, obwohl sie häufig auf Einzelfällen oder unzureichend dokumentierten Beobachtungen beruhten.

Die moderne Forschung zeichnet heute ein deutlich differenzierteres Bild. Piranhas gehören zur Familie der Serrasalmidae und leben vor allem in den Flusssystemen des Amazonas, des Orinoco sowie in vielen Gewässern des La-Plata-Beckens. Die meisten Arten ernähren sich keineswegs ausschliesslich von Fleisch. Viele fressen auch Pflanzen, Samen, Früchte oder Aas. Einige Arten sind sogar überwiegend vegetarisch. Auch der Rote Piranha jagt zwar gelegentlich Fische oder verletzte Tiere, doch ein koordinierter Angriff auf grosse Beute ist selten und meist an besondere Umstände gebunden, etwa extreme Nahrungsknappheit oder sehr niedrige Wasserstände.
Tatsächlich sind ernsthafte Angriffe auf Menschen äusserst selten. In den meisten Regionen des Amazonas baden Einheimische regelmässig im selben Wasser, in dem auch Piranhas leben. Probleme entstehen vor allem dann, wenn Tiere gefüttert werden, wenn Blut ins Wasser gelangt oder wenn während der Trockenzeit viele Fische auf engem Raum zusammenkommen. In solchen Situationen können einzelne Bisse vorkommen, die jedoch meist relativ klein bleiben.
Auch das berühmte „Skelettieren in Sekunden“ gehört eher in die Welt der Legenden. Selbst grössere Schwärme benötigen deutlich mehr Zeit, um ein grosses Tier vollständig zu zerlegen. Viele spektakuläre Demonstrationen basieren zudem auf Experimenten mit toten oder verletzten Tieren, die in Gewässer mit hungrigen Fischen geworfen werden. Unter solchen Bedingungen zeigen viele Raubfische ein extremes Fressverhalten.
Der Piranha ist also weder ein harmloser Fisch noch ein dämonisches Monster. Er ist ein spezialisierter Raub- und Allesfresser mit sehr scharfen Zähnen und kräftigen Kiefern, angepasst an die komplexen Ökosysteme tropischer Flüsse. Sein Ruf als gnadenloser Menschenfresser entstand aus einer Mischung von frühen Reiseberichten, spektakulären Einzelfällen, journalistischer Dramatisierung und nicht zuletzt der Fantasie der Unterhaltungsindustrie.
Die Geschichte der Piranhas zeigt damit auch etwas Grundsätzliches über den Umgang des Menschen mit der Natur. Unbekannte Tiere werden oft zuerst gefürchtet und mit Legenden überzogen. Erst sorgfältige wissenschaftliche Beobachtung ersetzt nach und nach die Mythen durch ein realistischeres Bild. In diesem Fall bleibt vom angeblichen Monster vor allem ein faszinierender, ökologisch wichtiger Fisch übrig, der perfekt an das Leben in den grossen Flusssystemen Südamerikas angepasst ist.

