Alarmierende Bestandsverluste bei Zugtieren prägen UNO-Gipfel in Brasilien

In der brasilianischen Stadt Campo Grande im Bundesstaat Mato Grosso do Sul trifft sich ab dem 23. März die internationale Gemeinschaft zur 15. Vertragsstaatenkonferenz der UNO über wandernde wildlebende Tierarten, kurz COP15. Eine Woche lang soll die Stadt zum globalen Schauplatz für Diskussionen und Beschlüsse rund um den Schutz von Arten werden, die auf ihren oft tausende Kilometer langen Wanderungen Kontinente, Meere und unterschiedlichste Ökosysteme durchqueren.

Tuiuiú oder Jaburu – Foto: Embratur

Die Konferenz findet alle zwei Jahre statt und bringt Vertreterinnen und Vertreter von 132 Staaten sowie der Europäischen Union zusammen. Sie alle sind Vertragsparteien des Übereinkommens zur Erhaltung wandernder wildlebender Tierarten, bekannt als Convention on the Conservation of Migratory Species of Wild Animals.

Das Abkommen wurde 1979 ins Leben gerufen, um wandernde Arten und ihre Routen international zu schützen. Ziel ist es, grenzüberschreitende Lebensräume zu sichern und Belastungen durch Umweltverschmutzung, Übernutzung und den Klimawandel zu verringern.

Im Mittelpunkt der diesjährigen Beratungen stehen aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse. Bereits bei der vorangegangenen COP14 in Samarkand wurde der erste umfassende Weltbericht zum Zustand wandernder Tierarten vorgestellt. Die Ergebnisse zeichnen ein ernüchterndes Bild.

Nach Angaben der UNO-Umweltbehörde United Nations Environment Programme hat sich der Erhaltungszustand dieser Arten im globalen Durchschnitt um 24 Prozent verschlechtert. Konkret bedeutet das, dass inzwischen jede vierte der im Rahmen des Abkommens gelisteten Arten als weltweit vom Aussterben bedroht gilt.

Besonders alarmierend ist ein weiterer Trend. Der Anteil der Arten mit schrumpfenden Populationen ist von 44 auf 49 Prozent gestiegen. Die Daten stützen sich auf die Rote Liste der International Union for Conservation of Nature, die weltweit als umfassendste Referenz zur Gefährdung von Tier- und Pflanzenarten gilt.

Hinter diesen Zahlen stehen konkrete Bedrohungen. Illegale und nicht nachhaltige Jagd, unbeabsichtigter Beifang in der Fischerei, zunehmende Zerschneidung von Lebensräumen durch Infrastrukturprojekte sowie die fortschreitende Zerstörung natürlicher Habitate setzen den Tieren zu. Viele Wanderarten sind auf intakte ökologische Korridore angewiesen. Werden diese unterbrochen, bricht oft der gesamte Lebenszyklus zusammen.

Die Konferenz will daher nicht bei der Problembeschreibung stehen bleiben. Diskutiert werden politische Massnahmen, die in den einzelnen Staaten umgesetzt werden können. Dazu gehören strengere Kontrollen gegen Wilderei, bessere Regulierung der Fischerei, Schutzprogramme für besonders gefährdete Arten und die Wiederherstellung grenzüberschreitender Lebensräume.

Auch die Frage, wie sich der Ausbau erneuerbarer Energien naturverträglich gestalten lässt, steht auf der Agenda. Windparks an Land und auf See etwa sollen so geplant werden, dass sie Zugvögel und Meerestiere möglichst wenig beeinträchtigen. Zusätzlich werden neue wissenschaftliche Berichte vorgestellt.

Neben der Aktualisierung des globalen Zustandsberichts ist ein umfassender Bericht über wandernde Süsswasserfische angekündigt. Diese Arten gelten als besonders verletzlich, da Flüsse weltweit durch Staudämme, Verschmutzung und Wasserentnahme stark verändert werden. Ebenfalls präsentiert wird eine Analyse zu den möglichen Auswirkungen des Tiefseebergbaus auf marine Arten, ein Thema, das angesichts wachsender Rohstoffnachfrage zunehmend an Brisanz gewinnt.

Auch konkrete Beschlüsse stehen an. Unter anderem wird darüber beraten, 42 weitere Arten unter den Schutz des Abkommens zu stellen. Zudem sollen bestehende internationale Schutzmassnahmen verschärft und besser koordiniert werden. Die brasilianische Regierung hat im Vorfeld signalisiert, eine aktive politische Rolle übernehmen zu wollen. Beobachter rechnen mit einer umfangreichen Agenda von weit über hundert einzelnen Beschlusspunkten.

Brasilien selbst ist seit Oktober 2015 Vertragsstaat des Abkommens und spielt eine zentrale Rolle. Das Land liegt auf wichtigen Zugrouten zahlreicher Arten. Fast 1200 geschützte Vögel, Land- und Meeressäuger, Fische, Reptilien und Insekten durchqueren regelmässig brasilianisches Territorium oder nutzen dortige Ökosysteme als Brut- oder Rastgebiete.

Die Bedeutung dieser Tiere reicht weit über ihre reine Existenz hinaus. Wandernde Arten transportieren Nährstoffe über grosse Distanzen, verbreiten Samen, regulieren Populationen anderer Arten und sind ein empfindlicher Indikator für den Zustand ganzer Ökosysteme. Wenn ihre Bestände einbrechen, ist das meist ein Warnsignal für tiefgreifende ökologische Störungen. Die kommenden Tage in Campo Grande dürften zeigen, ob es der Staatengemeinschaft gelingt, den negativen Trend zumindest zu bremsen.

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