Xingu ist der jüngste Bewohner des BioParque Vale Amazônia in der Serra dos Carajás, in der Stadt Parauapebas im Bundesstaat Pará. Er wurde am 27. Dezember des vergangenen Jahres als Sohn des Jaguarpaares geboren und ist der Bruder von zwei älteren Jungtieren. Das Jungtier ist ein Männchen und trägt den indigene Namen Xingu, der in einer öffentlichen Abstimmung ausgewählt wurde.

Mit dem Namen wird einer der bedeutendsten Nebenflüsse des Amazonas geehrt. Der Rio Xingu entspringt im Bundesstaat Mato Grosso und mündet im Pará in den Amazonas. Auf seinem Weg durchquert er die Biome Amazonasregenwald und Cerrado und sichert das Überleben hunderter indigener Völker sowie traditioneller Gemeinschaften entlang seines Verlaufs.
Die Verantwortlichen des Parks hatten bewusst Flussnamen vorgeschlagen, da auch frühere Jungtiere indigene Namen trugen. Zur Auswahl standen drei grosse Flüsse Amazoniens, (Xingu, Tapajós und Solimões) über die die Öffentlichkeit abstimmen konnte. Zwei ältere Geschwistertiere leben inzwischen in anderen zoologischen Einrichtungen im Bundesstaat São Paulo.
Die Eltern des Jungtiers kamen aus dem Bundesstaat Goiás in den Park. Die Mutter wurde aus illegaler Gefangenschaft gerettet. Der Vater wurde in einer Einrichtung geboren, als Nachkomme von Tieren, die ebenfalls aus illegaler Wildtierhaltung befreit worden waren.
Da beide aus ihrem natürlichen Lebensraum entnommen und über längere Zeit an den Menschen gewöhnt wurden, können sie nicht wieder ausgewildert werden. Ihnen fehlen entscheidende Fähigkeiten, um in freier Wildbahn selbständig zu überleben, etwa Jagdtechniken und ein ausgeprägtes Revierverhalten.
Der BioParque nimmt grundsätzlich keine Tiere direkt aus der Natur auf. Die Tiere gelangen über Umweltbehörden in die Einrichtung, meist nach Beschlagnahmungen aus illegaler Haltung. Einige kommen in stabilem Zustand an, andere sind verletzt, geschwächt oder traumatisiert. In solchen Fällen durchlaufen sie ein strukturiertes medizinisches und verhaltensbiologisches Betreuungsprogramm, das auf ihre jeweilige Situation abgestimmt ist.
Xingu ist die siebte erfolgreiche Jaguar-Nachzucht im BioParque innerhalb der vergangenen zwölf Jahre.
Die kontrollierte Zucht in menschlicher Obhut ist Teil einer landesweiten Strategie zum Schutz des Jaguars. Die Art gilt als Symboltier der brasilianischen Fauna und ist durch Lebensraumverlust, Wilderei und Konflikte mit der Landwirtschaft bedroht. Da Xingu in menschlicher Obhut geboren wurde, ist eine spätere Auswilderung ausgeschlossen. Er wird dauerhaft im Park bleiben oder zu gegebener Zeit an eine andere anerkannte zoologische Einrichtung übergeben.
Obwohl das Jungtier in den sozialen Medien bereits Aufmerksamkeit erhält, ist es für Besucherinnen und Besucher noch nicht sichtbar. Mit drei Monaten bleibt es im geschützten Bereich unter der Obhut der Mutter. Erst im Alter von fünf bis sechs Monaten wird es schrittweise an den öffentlichen Bereich gewöhnt.
Ein ausgewachsener Jaguar ist die grösste Raubkatze Amerikas. Er kann eine Körperlänge von bis zu 1,90 Metern erreichen, eine Schulterhöhe von rund 80 Zentimetern und ein Gewicht von bis zu 135 Kilogramm. Mit ihrem kräftigen Körperbau und ihrem aussergewöhnlich starken Gebiss nehmen Jaguare als Spitzenprädatoren eine zentrale Rolle im ökologischen Gleichgewicht ihrer Lebensräume ein.
Der BioParque
Der BioParque Vale Amazônia liegt im Nationalwald von Carajás und besteht seit über vier Jahrzehnten. Er wird von einem grossen brasilianischen Unternehmen unterhalten. Das Gelände umfasst 30 Hektaren, wovon rund 70 Prozent aus einheimischem Wald bestehen. Neben Artenschutz und Umweltbildung dient die Anlage vor allem als Auffangstation für Tiere, die nicht mehr in die freie Natur zurückkehren können.
Der Park ist Teil des brasilianischen Zooverbands und arbeitet im Rahmen nationaler Schutzprogramme für bedrohte Arten. Dabei orientiert er sich an klar definierten Zielen zur Erhaltung der biologischen Vielfalt und beteiligt sich an koordinierten Zuchtprogrammen. Derzeit beherbergt der BioParque rund 360 Tiere aus 70 verschiedenen Arten. Zu den bekanntesten Bewohnerinnen zählt eine weibliche Klammeraffin mit bewegter Vergangenheit. Ihre Geschichte ist belastend, endet jedoch positiv.
Sie wurde im Bundesstaat Mato Grosso aus jahrelanger Gefangenschaft befreit. Achtzehn Jahre lang lebte sie angekettet in einer Bar. Der Besitzer missbrauchte sie zur Unterhaltung der Gäste und setzte sie regelmässig Alkohol aus. Nach Hinweisen auf schwere Misshandlungen griffen die Behörden ein und brachten das Tier in professionelle Obhut.
Als sie im Park ankam, war sie stark geschwächt und zeigte kaum arttypisches Verhalten. Zunächst wurde sie in der Quarantänestation medizinisch versorgt. Tierärztinnen, Tierärzte und Biologinnen begleiteten einen intensiven Rehabilitationsprozess. Sie hatte verlernt, ihren Greifschwanz zu benutzen, der bei Klammeraffen als fünfte Gliedmasse dient und für das Klettern unerlässlich ist. Sie wusste nicht mehr, wie sie sich artgerecht in den Bäumen fortbewegt oder mit Artgenossinnen interagiert.
Schritt für Schritt lernte sie, wieder wie eine Klammeraffin zu leben. Nach einer behutsamen Eingewöhnung wurde sie mit anderen Tieren ihrer Art zusammengeführt. Heute ist sie vollständig in die Gruppe integriert und zeigt normales Sozial- und Bewegungsverhalten. Ihre Entwicklung gilt im Park als Beispiel dafür, wie wichtig Geduld, Fachwissen und konsequente Betreuung für den langfristigen Erfolg einer Rehabilitation sind.
Die Art steht ebenfalls auf der Liste der bedrohten Tierarten Brasiliens. Hauptursachen für ihren Rückgang sind Abholzung, illegaler Wildtierhandel und die Zerstörung zusammenhängender Waldgebiete.
Besuch
Im vergangenen Jahr verzeichnete der BioParque mehr als 200 000 Besucherinnen und Besucher. Neben den Tieren erhalten Gäste auch Einblick in die Pflanzenwelt Amazoniens. Auf dem Gelände steht unter anderem ein Paranussbaum, der 1991 während eines offiziellen Brasilienbesuchs des damaligen britischen Thronfolgers und seiner Ehefrau gepflanzt wurde.
Der Eintritt in den BioParque Vale Amazônia ist kostenlos. Geöffnet ist der Park von Dienstag bis Sonntag.

