Brasilien zählt erstmals seine Obdachlosen

Brasilien wird im Jahr 2028 zum ersten Mal in seiner Geschichte eine nationale Volkszählung der obdachlosen Bevölkerung durchführen. Das Brasilianische Institut für Geographie und Statistik (IBGE) gab diese Woche bekannt, dass die Erhebung vom 3. bis 7. Juli 2028 stattfinden soll. Erste Ergebnisse werden für Dezember desselben Jahres erwartet.

Obdachlose in Sao Paulo – Foto: Jorge Araujo/FotosPublicas

Die Ankündigung erfolgte im Rahmen von Veranstaltungen in mehreren Grossstädten des Landes. Der Institutspräsident zeigte sich überzeugt, dass die entwickelte Methodik künftig auch anderen Ländern als Vorbild dienen könnte. Ziel sei es, Profil und Herkunft der betroffenen Menschen systematisch zu erfassen, um die Sozialpolitik grundlegend neu ausrichten zu können. «Damit wir diese Erhebung irgendwann nicht mehr brauchen», wie er es formulierte.

Eine Zahl, die alles sagt
Die Dimension des Problems ist erschreckend. Als São Paulo Ende der 1980er Jahre erstmals Obdachlose zählte, wurden in der Metropole rund 3.400 Menschen ohne festen Wohnsitz registriert. Bei der letzten Erhebung im Jahr 2025 waren es bereits über 101.000 Personen, allein in der Stadt São Paulo. Eine Versdreissigfachung innerhalb von drei Jahrzehnten.

Für den Institutspräsidenten ist diese Entwicklung kein lokales Problem mehr, das Städte und Bundesstaaten allein lösen können. Es brauche eine nationale Antwort, finanziert durch den Bundeshaushalt und legitimiert durch das Parlament. Die entsprechenden Mittel sollen im August als Teil des Bundesbudgets beim Nationalkongress eingereicht werden.

Eine Schuld gegenüber den Unsichtbaren
Die Volkszählung werde eine historische Schuld gegenüber jenen Menschen begleichen, die bislang in der offiziellen Statistik schlicht nicht existierten, betonte der Institutspräsident. Das Projekt wurde in enger Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und sozialen Bewegungen entwickelt, was es methodisch wie politisch zu einem Novum macht.

Besonders bemerkenswert: Menschen mit eigener Obdachlosenerfahrung sollen aktiv an der Durchführung der Zählung beteiligt werden. Die 20 nationalen Koordinationsstellen der Obdachlosenbewegung haben ihre Mitarbeit zugesagt, um eine möglichst vollständige und realitätsnahe Erfassung zu gewährleisten.

Stimmen von der Strasse
Einer der Betroffenen, der an der Lancierungsveranstaltung in Rio de Janeiro teilnahm, brachte die Lage auf den Punkt: Es seien oft die Umstände des Lebens, nicht der eigene Wille, die Menschen auf die Strasse trieben. «Wir werden diskriminiert, mit Verachtung
angeschaut. Ich bin hierhergekommen, um Hilfe zu bitten.»

Ein ehemaliger Obdachloser, der seit vier Jahren wieder ein Dach über dem Kopf hat und heute die Obdachlosenbewegung in Rio de Janeiro mitführt, ist überzeugt: Diese Volkszählung werde «die Strukturen des Landes erschüttern». Und vielleicht ist genau das nötig.

Fazit: Zählen als erster Schritt zur Würde
Wer nicht gezählt wird, existiert nicht. Zumindest nicht in den Augen des Staates. Genau das war in Brasilien jahrzehntelang Realität für Hunderttausende Menschen, die auf der Strasse leben. Die angekündigte Volkszählung von 2028 ist deshalb weit mehr als eine statistische Übung. Sie ist ein politisches Signal und ein überfälliges Eingeständnis: Der brasilianische Staat hat diese Menschen zu lange ignoriert.

Doch Zählen allein genügt nicht. Die eigentliche Bewährungsprobe folgt nach der Veröffentlichung der Ergebnisse. Denn Zahlen entfalten nur dann Wirkung, wenn ihnen konkrete Massnahmen folgen. Sozialpolitik, die diesen Namen verdient, braucht nicht nur Daten, sondern auch politischen Willen, ausreichende Mittel und den langen Atem zur Umsetzung.

Die Tatsache, dass Menschen mit eigener Obdachlosenerfahrung in die Erhebung eingebunden werden, ist dabei ein vielversprechender Ansatz. Er zeigt, dass es diesmal nicht nur um Betroffene geht, sondern mit ihnen. Das ist ein Unterschied, der zählt.

Ob die Volkszählung tatsächlich den versprochenen Wendepunkt markiert oder bloss ein weiteres gut gemeintes Projekt bleibt, das im politischen Alltag versandet, wird die Zeit zeigen. Brasilien hat jedenfalls begonnen, hinzuschauen. Das ist spät. Aber es ist besser als nie.

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