Auf der BR-040, einer der bedeutendsten Verkehrsachsen im Südosten Brasiliens, entscheidet manchmal jede Minute über Leben und Tod. Auf dem rund 219 Kilometer langen Abschnitt zwischen Juiz de Fora im Bundesstaat Minas Gerais und Rio de Janeiro sind seit Beginn der Konzession bereits mehr als 450 Wild- und Haustiere gerettet worden. Einige waren von Fahrzeugen erfasst worden, andere hatte man am Strassenrand ausgesetzt. Wieder andere gerieten auf Baustellen in unmittelbare Gefahr, von schweren Maschinen verletzt oder getötet zu werden.

Die Rettung eines Tieres ist jedoch nur der erste Schritt. Anschliessend wird jeder Fall einzeln beurteilt. Tierärztinnen und Tierärzte untersuchen die Verletzten, führen bei Bedarf Operationen durch und begleiten sie während der körperlichen und verhaltensbezogenen Rehabilitation. Das Ziel ist grundsätzlich die Rückkehr in die Natur. Dafür müssen die Tiere nicht nur gesund sein, sondern auch wieder selbstständig Nahrung finden, Gefahren erkennen und das für ihre Art typische Verhalten zeigen.
Sind diese Voraussetzungen erfüllt, werden die Wildtiere in einen geeigneten Lebensraum zurückgebracht. Ist eine Auswilderung nicht mehr möglich, übernimmt die brasilianische Naturschutzbehörde ICMBio die weitere Vermittlung. Die Tiere gelangen dann in spezialisierte Auffangstationen oder Schutzgebiete, in denen sie dauerhaft versorgt werden können.
Wie anspruchsvoll dieser Weg sein kann, zeigt das Schicksal eines Tukans, der nach einem Zusammenstoss mit einem Fahrzeug gerettet wurde. Bei der tierärztlichen Untersuchung entdeckte man eine innere Blutung im linken Auge, die durch den Aufprall verursacht worden war. Das rechte Auge war zudem von einem Grauen Star betroffen. Durch einen operativen Eingriff konnte die Trübung entfernt werden, während das verletzte Auge gleichzeitig medizinisch behandelt wurde.
Die Behandlung war erfolgreich: Der Tukan erlangte die Sehkraft auf beiden Augen zurück. Dennoch ist seine Zukunft noch nicht entschieden. Bislang sucht der Vogel nicht wieder von sich aus nach Nahrung. Gerade diese Fähigkeit ist für ein Leben in freier Wildbahn unverzichtbar. Sollte sich das natürliche Fressverhalten nicht vollständig entwickeln, wird er nicht ausgewildert, sondern in eine spezialisierte Wildtierauffangstation gebracht.
Der Fall macht deutlich, dass medizinische Genesung allein nicht genügt. Ein Tier kann körperlich gesund erscheinen und dennoch nicht mehr in der Lage sein, in seinem natürlichen Lebensraum zu bestehen. Jede Art und jedes Individuum reagieren anders auf Verletzungen, Behandlung und den längeren Kontakt mit Menschen. Verantwortungsvolle Rehabilitation bedeutet deshalb auch, den richtigen Zeitpunkt für eine Freilassung zu erkennen oder darauf zu verzichten, wenn die Überlebenschancen zu gering sind.
Eine ähnliche Entscheidung musste bei einem jungen weiblichen Kapuzineraffen getroffen werden. Das Tier war ebenfalls auf der Autobahn angefahren worden und erholte sich während der tierärztlichen Behandlung körperlich gut. Gleichzeitig gewöhnte es sich jedoch stark an menschliche Nähe und entwickelte ein auffallend zutrauliches Verhalten.
Was zunächst harmlos oder sogar rührend wirken mag, wird für ein Wildtier schnell zum ernsthaften Problem. Kapuzineraffen müssen selbstständig Nahrung suchen, Gefahren einschätzen, Artgenossen verstehen und möglichen Feinden ausweichen können. Eine zu grosse Abhängigkeit vom Menschen beeinträchtigt diese Fähigkeiten und verringert die Aussicht auf ein sicheres Leben in der Natur erheblich. Deshalb wurde die junge Affendame in eine Auffangstation in Angra dos Reis im Bundesstaat Rio de Janeiro gebracht. Dort erhält sie weiterhin fachgerechte Pflege in einer geschützten Umgebung.
Erfreulicher verlief die Rehabilitation eines Krabbenfuchses, der nach einem Verkehrsunfall mit Brüchen an beiden Hinterbeinen am Strassenrand gefunden worden war. Nach einer Operation und einer längeren Erholungsphase konnte das Tier wieder normal laufen. Damit erfüllt es eine entscheidende Voraussetzung für die Rückkehr in die Wildnis: Es kann sich wieder uneingeschränkt fortbewegen, Nahrung suchen und einer Gefahr entkommen. Nach Abschluss der Rehabilitation soll es in einen geeigneten Lebensraum zurückgebracht werden.
Auch eine Abgottschlange konnte nach tierärztlicher Betreuung vollständig genesen. Die ungiftige Würgeschlange, die in Brasilien als Jiboia bekannt ist, erhielt eine spezialisierte Behandlung und steht nun ebenfalls vor der Wiederauswilderung. Gerade Reptilien werden im Strassenverkehr häufig zu spät wahrgenommen, weil sie sich langsam über den Asphalt bewegen oder dessen Wärme nutzen. Für sie können stark befahrene Verkehrswege zu nahezu unüberwindbaren Barrieren werden.
Die Arbeit entlang der BR-040 beschränkt sich deshalb nicht auf die Versorgung bereits verletzter Tiere. Ein wichtiger Teil des Schutzkonzepts besteht darin, Unfälle möglichst zu verhindern. Werden Wildtiere in Baustellenbereichen oder in der Nähe schwerer Maschinen entdeckt, fangen ausgebildete Fachkräfte sie vorsichtig ein und bringen sie an einen geeigneten Ort. Damit schützt man sowohl die Tiere als auch die Beschäftigten auf den Baustellen.
Hinzu kommen immer wieder ausgesetzte Haustiere. Hunde und andere Tiere, die am Strassenrand zurückgelassen werden, sind orientierungslos und zahlreichen Gefahren ausgesetzt. Sie können angefahren werden, in den Verkehr laufen oder aufgrund fehlender Nahrung und medizinischer Versorgung erkranken. Ihre Rettung ist daher nicht nur eine Frage des Tierschutzes, sondern trägt zugleich zur Sicherheit aller Verkehrsteilnehmenden bei.
Die mehr als 450 Einsätze zeigen, wie eng Verkehrsinfrastruktur und Naturschutz miteinander verbunden sind. Eine Autobahn durchschneidet Lebensräume, verändert natürliche Wanderwege und bringt Tiere in Kontakt mit hoher Geschwindigkeit, Lärm, Licht und schweren Maschinen. Jeder gerettete Tukan, Affe, Krabbenfuchs oder jede Schlange steht deshalb auch für eine grössere Herausforderung: Mobilität und wirtschaftliche Entwicklung müssen so gestaltet werden, dass die aussergewöhnliche Tierwelt Brasiliens nicht zum stillen Opfer des Fortschritts wird.
Besonders wertvoll ist jede erfolgreiche Rückkehr in die Natur. Sie bedeutet, dass ein verletztes Tier seine Selbstständigkeit zurückgewonnen hat und wieder Teil des ökologischen Gleichgewichts werden kann. Doch auch die Unterbringung in einer geschützten Auffangstation ist ein verantwortbarer Erfolg, wenn eine Auswilderung nicht mehr möglich ist. Entscheidend bleibt, dass jedes Tier nach seinen tatsächlichen Bedürfnissen beurteilt wird und die Chance auf ein möglichst artgerechtes Leben erhält.
