Ein ungewöhnliches Schauspiel auf dem Fluss Cuiabá im brasilianischen Pantanal hat für Erstaunen und manchen amüsierten Blick gesorgt. Ein Rabengeier versuchte, sich auf dem aufgeblähten Kadaver eines Kaimans zu halten, um an dessen Fleisch zu gelangen. Doch die schwimmende Unterlage erwies sich als ausgesprochen instabil. Unter den Krallen des Vogels drehte sich das tote Reptil immer wieder im Wasser, während der Geier sichtbar Mühe hatte, das Gleichgewicht zu bewahren.

Die Szene wurde am 9. Juli zwischen Porto Jofre und Poconé im Bundesstaat Mato Grosso aufgenommen. Eine Reisegruppe war mit einem Boot unterwegs und hielt eigentlich Ausschau nach Jaguaren. Statt der erhofften Raubkatze entdeckten die Gäste jedoch ein ebenso seltenes wie kurioses Beispiel dafür, wie eng Überleben, Tod und Nahrungskreislauf im Pantanal miteinander verbunden sind.
Dass sich Geier von toten Kaimanen ernähren, ist in diesem Naturraum nicht ungewöhnlich. Auffällig war vielmehr die unbeholfene Haltung des Vogels. Der stark aufgeblähte Kadaver bot keinen sicheren Stand und begann sich bei jeder Bewegung zu drehen. Dadurch entstand der Eindruck, als würde der Geier das Reptil absichtlich im Wasser rotieren lassen.
Tatsächlich war die Bewegung nicht beabsichtigt. Der Rabengeier konnte seinen eigenen Körper auf der runden, glatten und schwankenden Oberfläche nicht stabilisieren. Jeder Versuch, sich festzukrallen oder mit dem Schnabel nach einer geeigneten Stelle zu suchen, brachte den Kadaver erneut in Bewegung.
Rabengeier, wissenschaftlich Coragyps atratus genannt, gehören zu den häufigsten Geierarten Brasiliens. Sie sind anpassungsfähige und opportunistische Aasfresser, die verschiedenste Nahrungsquellen nutzen. Trotz ihrer Erfahrung im Umgang mit Tierkadavern stossen sie bei Kaimanen jedoch auf ein handfestes Problem: Die Haut der Reptilien ist dick, zäh und widerstandsfähig.
Der Schnabel eines Rabengeiers besitzt nicht genügend Kraft, um eine unversehrte Kaimanhaut ohne Weiteres aufzureissen. Deshalb suchen die Vögel gezielt nach weichen oder bereits geöffneten Stellen. Dazu gehören die Augen, die Nasenöffnungen und die Kloakenregion. Häufig müssen sie warten, bis die fortschreitende Verwesung die Haut aufbrechen lässt oder andere Tiere den Kadaver geöffnet haben.
Unter den in Brasilien vorkommenden Geiern ist vor allem der Königsgeier in der Lage, besonders widerstandsfähige Tierkörper selbstständig aufzureissen.
Bei dem gefilmten Reptil handelte es sich vermutlich um einen Yacaré-Kaiman, eine für das Pantanal typische Art. Eine eindeutige Bestimmung ist anhand der Bilder allerdings nicht möglich. Denkbar wäre auch ein Breitschnauzenkaiman. Ebenso wenig lässt sich feststellen, woran das Tier gestorben war. Natürliche Altersschwäche, ein Angriff durch ein anderes Tier, Verletzungen infolge der Jagd oder ein Zusammenstoss mit einem Boot kommen grundsätzlich infrage.
Dass der Kadaver an der Wasseroberfläche trieb, lässt sich mit dem Verwesungsprozess erklären. Nach dem Tod entstehen im Körper von Wirbeltieren Gase, die sich im Gewebe und in den Körperhöhlen ansammeln. Der Körper bläht sich auf und erhält dadurch zusätzlichen Auftrieb. Vereinfacht ausgedrückt verhält er sich zeitweise wie ein mit Luft gefüllter Ballon.
Erst wenn die Gase entweichen, kann der Kadaver wieder absinken. Das geschieht, wenn die Haut durch den inneren Druck und die Zersetzung aufreisst oder wenn ein Aasfresser sie durchstösst. Gerade mit seinen Versuchen, an das Fleisch zu gelangen, hätte der Geier somit dazu beitragen können, dass der tote Kaiman seine Schwimmfähigkeit verliert.
Für den Vogel selbst stellt verwesendes Fleisch normalerweise keine unmittelbare gesundheitliche Gefahr dar. Geier haben sich im Verlauf der Evolution auf diese Nahrung spezialisiert. Ihre äusserst starke Magensäure, ihr widerstandsfähiges Verdauungssystem und besondere Abwehrmechanismen ermöglichen es ihnen, stark zersetztes Fleisch aufzunehmen und mit zahlreichen Krankheitserregern fertigzuwerden.
Gefahren entstehen eher durch den Ort der Nahrungsaufnahme. Ein Geier, der auf einem Kadaver im Wasser sitzt und mit dem Gleichgewicht beschäftigt ist, kann leichter von anderen Kaimanen oder einer Anakonda überrascht werden. Auch wenn die gefilmte Situation auf den ersten Blick komisch erscheint, bleibt sie damit Teil eines Naturraums, in dem jede Unachtsamkeit lebensgefährlich werden kann.
Aasfresser übernehmen im Pantanal eine unverzichtbare Aufgabe. Indem sie tote Tiere beseitigen, beschleunigen sie die Zersetzung organischer Substanzen, führen Nährstoffe in den natürlichen Kreislauf zurück und tragen dazu bei, die Ausbreitung bestimmter Krankheitserreger einzudämmen. Ihr Verhalten mag gelegentlich unbeholfen oder sogar unterhaltsam wirken, erfüllt jedoch eine wichtige ökologische Funktion.
Die kurze Begegnung auf dem Fluss verbindet deshalb auf eindrückliche Weise Naturbeobachtung, wissenschaftliche Erklärung und unfreiwilligen Humor. Was in sozialen Netzwerken wie eine kuriose Darbietung wirkte, war in Wirklichkeit ein kleiner Ausschnitt aus dem unaufhörlichen Kreislauf des Pantanals, in dem selbst ein schwankender Geier und ein toter Kaiman ihren festen Platz haben.
