Mit Böen von bis zu 125 Kilometern pro Stunde ist am Mittwoch, dem 29., eine schwere Unwetterfront über Teile Brasiliens hinweggezogen. Besonders hart traf sie die Bundesstaaten São Paulo und Rio de Janeiro. Innerhalb weniger Stunden wurden Menschen getötet, Bäume entwurzelt, Mauern zum Einsturz gebracht und Verkehrsverbindungen unterbrochen. Ganze Stadtviertel lagen zeitweise im Dunkeln. Die dramatischen Ereignisse zeigen, wie verletzlich dicht besiedelte Metropolregionen gegenüber extremen Wetterlagen geworden sind und wie dringend Brasilien seine Vorsorge gegen die Folgen des Klimaphänomens El Niño verstärken muss.

Im Bundesstaat São Paulo erreichten die heftigsten Windstösse in den Gemeinden Itaporanga und Itaí eine Geschwindigkeit von 124,9 Kilometern pro Stunde. Auch in Taquarituba, Arandu, Paranapanema und Itanhaém wurden Werte von mehr als 110 Kilometern pro Stunde gemessen. Mindestens zwei Menschen kamen ums Leben. Die Todesfälle ereigneten sich in Santos an der Küste und in Cesário Lange im Landesinneren.
Bereits am frühen Nachmittag hatte der Zivilschutz eine dringende Warnung für die Hauptstadt São Paulo, die umliegende Metropolregion und die Küste herausgegeben. In der Millionenstadt fegten Böen mit mehr als 75 Kilometern pro Stunde durch die Strassen. Bis zum späten Nachmittag gingen bei der Feuerwehr 39 Notrufe wegen umgestürzter Bäume ein. Auch an den Flughäfen Congonhas und Campo de Marte wurden Windgeschwindigkeiten von rund 70 Kilometern pro Stunde registriert.
Für die Küstengebiete des gesamten Bundesstaates São Paulo sowie für die Region im Bundesstaat Rio de Janeiro bis südlich von Cabo Frio galt die orange Warnstufe. Sie steht für eine konkrete Gefahrenlage und liegt zwischen der gelben Warnung vor möglichen Gefahren und der roten Alarmstufe für besonders schwere Ereignisse. Neben starken Küstenwinden bestand das Risiko, dass Sand von Dünen auf Strassen und Gebäude entlang der Uferzonen geweht wurde.
Noch verheerender waren die Auswirkungen im Bundesstaat Rio de Janeiro. Im Stadtviertel Santa Teresa, unweit des Zentrums der gleichnamigen Hauptstadt, stürzte unter der Gewalt des Windes eine Mauer ein und begrub zwei Menschen unter sich. Beide kamen ums Leben. Gleichzeitig suchten Rettungskräfte in Tarituba bei Angra dos Reis nach einem vermissten Fischer. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Feuerwehr 185 Einsätze registriert, darunter 93 umgestürzte Bäume, 31 Personenrettungen und fünf Gebäudeeinstürze.
Der Zivilschutz und die Feuerwehr richteten einen Krisenstab ein, um die Einsätze zu koordinieren. Das staatliche Zentrum zur Überwachung und Warnung vor Naturkatastrophen hatte zuvor auf die Annäherung einer Kaltfront über dem Atlantik hingewiesen. Betroffen waren neben der Costa Verde und dem Süden des Bundesstaates auch die Baixada Fluminense, die Metropolregion, die Küstenebene und der Norden von Rio de Janeiro.
Mit der Unwetterfront kam der Stromausfall. Von kurz vor 16 Uhr an führten die starken Winde zu Störungen im Verteil- und Übertragungsnetz. Um 16.38 Uhr fiel das Umspannwerk Grajaú aus. Zeitweise verringerte sich die verfügbare Leistung im Grossraum Rio um etwa 1500 Megawatt. In der gesamten Südzone und im Zentrum der Stadt sowie in Stadtteilen wie Tijuca, Campo Grande, Santa Cruz und Guaratiba brach die Stromversorgung zusammen. Erst um 17.35 Uhr waren nach Angaben des nationalen Netzbetreibers sämtliche Verbraucher wieder versorgt.
Auch der Verkehr geriet ins Chaos. Der Flughafen Santos Dumont stellte seinen Betrieb für mehr als zwei Stunden ein. Bevor wieder Flugzeuge starten und landen konnten, musste die Piste kontrolliert und von herumliegenden Trümmern befreit werden. Neun Flüge wurden zu anderen Flughäfen umgeleitet, sieben Abflüge gestrichen. Am internationalen Flughafen Galeão mussten vier ankommende Maschinen auf andere Flughäfen ausweichen.
Der Bahnverkehr blieb während der Sicherheitskontrollen unterbrochen. Auch die drei Metrolinien der Stadt standen ab 16.40 Uhr still. Passagiere berichteten in sozialen Netzwerken, sie hätten längere Zeit in den Zügen ausharren müssen. Erst Stunden später begann sich der Betrieb auf den Linien 1, 2 und 4 schrittweise zu normalisieren.
Angesichts der Schäden versetzte die Stadtverwaltung Rio de Janeiro die Metropole in die Alarmstufe 2 auf einer fünfstufigen Skala. Damit wurde offiziell vor Ereignissen gewarnt, die erhebliche Auswirkungen auf das städtische Leben haben könnten. Für die folgenden Stunden wurden weiterhin mässige bis sehr starke Winde und örtlich leichter Regen erwartet. Am Donnerstag sollten die Temperaturen sinken, während sich die Windlage allmählich beruhigen sollte.
Die schweren Unwetter in São Paulo und Rio de Janeiro sind Teil einer grösseren klimatischen Herausforderung. Brasilien bereitet sich gleichzeitig auf die weitreichenden Folgen von El Niño vor. Das Klimaphänomen entsteht durch eine ungewöhnlich starke Erwärmung des tropischen Pazifiks und verändert Niederschläge, Temperaturen und Luftströmungen in grossen Teilen der Welt. In Brasilien fallen die Auswirkungen regional sehr unterschiedlich aus: Im Norden und Nordosten drohen Trockenheit und Wasserknappheit, im Zentrum und Südosten können sich die Regenzeiten verzögern, während der Süden mit Überschwemmungen und übervollen Flüssen rechnen muss.
Die brasilianische Regierung kündigte deshalb Investitionen von insgesamt 1,3 Milliarden Real an. Vorgesehen sind Lebensmittelreserven, eine intensivere Wetterüberwachung, zusätzliche Kontrollen in gefährdeten Naturgebieten sowie mehr Personal und Ausrüstung zur Bekämpfung von Waldbränden.
Für die öffentlichen Vorräte sollen 180’000 Tonnen Mais und 310’000 Tonnen Reis gekauft werden. Hinzu kommen 350’000 Lebensmittelpakete für besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen, darunter indigene Gemeinschaften, Quilombola-Gemeinden, Flussanwohner, traditionelle Sammler, handwerkliche Fischer und kleinbäuerliche Familien.

Im Süden des Landes sollen zusätzliche Mittel für den Katastrophenschutz bereitgestellt und gefährdete Staudämme sowie Deiche instandgesetzt werden. In den von Trockenheit bedrohten Regionen wird die Zahl der Einsatzkräfte zur Bekämpfung von Waldbränden erhöht. Zugleich sind neue Anlagen zur Sicherung der Wasserversorgung vorgesehen, vor allem im Nordosten.
Dazu gehören Wasserleitungen, Kanäle, Zisternen und Speicherbecken sowie die Sanierung bestehender Staudämme. Neben dem Ausbau des São-Francisco-Wasserprojekts fliessen Investitionen unter anderem in die Bundesstaaten Maranhão, Piauí, Bahia, Sergipe, Alagoas, Ceará, Pernambuco, Paraíba und Rio Grande do Norte. Nach Angaben der Regierung profitieren bereits rund zwölf Millionen Menschen von der Umleitung und Verteilung des Wassers aus dem Rio São Francisco.
Die klimatischen Veränderungen wirken sich zudem auf die Energieversorgung aus. Wenn Flüsse während längerer Trockenperioden weniger Wasser führen, produzieren Wasserkraftwerke weniger Strom. Um den Bedarf trotzdem zu decken, müssen häufig teurere thermische Kraftwerke zugeschaltet werden. Die Regierung will deshalb 118 Milliarden Real in die Energieerzeugung investieren. Der Schwerpunkt liegt auf Wind- und Solarenergie sowie auf neuen Übertragungsleitungen, die Strom aus Regionen mit ausreichender Produktion in Gebiete mit sinkender Wasserkraftleistung transportieren sollen.
Gleichzeitig verweist die Regierung auf Fortschritte beim Schutz natürlicher Lebensräume. Die Entwaldung sei im Amazonasgebiet um 50 Prozent, im Cerrado um 32,5 Prozent und im Pantanal um 63 Prozent zurückgegangen. Darüber hinaus sollen auf einer Fläche von 3,4 Millionen Hektaren Wälder wiederhergestellt werden. Solche Massnahmen können Extremwetter nicht verhindern, doch sie stärken Landschaften, Wasserhaushalt und Bevölkerung gegenüber den zunehmenden Belastungen.
Die Opfer von São Paulo und Rio de Janeiro verleihen diesen langfristigen Plänen eine bedrückende Dringlichkeit. Hinter den Windmessungen, Einsatzstatistiken und Investitionssummen stehen Menschen, die Angehörige verloren haben, um ihre Existenz bangen oder in wenigen Minuten erleben mussten, wie eine Unwetterfront den vertrauten Alltag auseinanderreisst. Brasilien steht damit vor einer doppelten Aufgabe: Es muss in akuten Katastrophen schnell helfen und sich zugleich dauerhaft auf eine Zukunft vorbereiten, in der extreme Wetterereignisse ganze Regionen immer häufiger an ihre Grenzen bringen.
