Die Abholzung im brasilianischen Amazonasgebiet ist zwischen August 2025 und Juli 2026 deutlich zurückgegangen. Satellitenaufnahmen registrierten in diesem Zeitraum Warnmeldungen für eine Fläche von insgesamt 2874,38 Quadratkilometern. Gegenüber dem vorherigen Beobachtungszyklus, als noch 4495 Quadratkilometer betroffen waren, entspricht dies einem Rückgang von 36,87 Prozent. Es ist zugleich der niedrigste Wert seit Beginn dieser Messreihe im Jahr 2016.

Auch im längerfristigen Vergleich fällt die Entwicklung bemerkenswert aus: Die aktuell erfasste Fläche liegt 55,6 Prozent unter dem Durchschnitt der vergangenen zehn Beobachtungszyklen. Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die Umweltschützerinnen, Wissenschaftler und staatliche Kontrollbehörden vorsichtig optimistisch stimmt. Von einer Entwarnung kann dennoch keine Rede sein. Fast 2900 Quadratkilometer Wald entsprechen einer Fläche, die grösser ist als das Saarland.
Die Daten stammen aus dem satellitengestützten Echtzeit-Überwachungssystem Deter des brasilianischen Instituts für Weltraumforschung Inpe. Sie wurden am Freitag, dem 7. August, am Sitz des Instituts in São José dos Campos im Bundesstaat São Paulo vorgestellt. Die Bekanntgabe fiel in die Woche des 65-jährigen Bestehens der Forschungseinrichtung, die am 3. August 1961 gegründet worden war.
Deter beobachtet mithilfe von Satellitenbildern grossflächige Veränderungen der Vegetationsdecke. Sobald Rodungen oder andere auffällige Eingriffe erkannt werden, erstellt das System Warnmeldungen. Diese Hinweise ermöglichen es den zuständigen Umweltbehörden, mögliche illegale Abholzungen schneller zu lokalisieren, Kontrollen einzuleiten und vor Ort einzugreifen.
Die Deter-Zahlen sind jedoch nicht mit einer endgültigen jährlichen Abholzungsrate gleichzusetzen. Das System dient in erster Linie als Instrument für die laufende Überwachung und Durchsetzung des Umweltrechts. Die konsolidierte amtliche Jahresrate wird später vom Satellitenprogramm Prodes berechnet. Deter zeigt somit frühzeitig, wo der Wald unter Druck gerät, während Prodes nach einer genaueren
Auswertung bestimmt, wie viel natürliche Vegetation innerhalb eines Jahres tatsächlich verloren gegangen ist.
Unter den Amazonasstaaten wurde die grösste Fläche mit Abholzungswarnungen erneut in Pará festgestellt. Dort waren 987,27 Quadratkilometer betroffen. Dahinter folgten Mato Grosso mit 834,41 Quadratkilometern, Amazonas mit 433,9 Quadratkilometern, Roraima mit 272,6 Quadratkilometern, Acre mit 153,8 Quadratkilometern und Rondônia mit 114,3 Quadratkilometern.
In fast allen wichtigen Abholzungsregionen gingen die Warnmeldungen zurück. Pará verzeichnete gegenüber dem vorherigen Zyklus eine Abnahme um 25,5 Prozent. In Mato Grosso betrug der Rückgang 49 Prozent, im Bundesstaat Amazonas 46,7 Prozent, in Rondônia 41,2 Prozent und in Acre 35,3 Prozent.
Eine gegenläufige Entwicklung zeigte sich dagegen in Roraima. Dort nahm die Fläche mit Warnmeldungen um 32,5 Prozent zu. Dieser Anstieg macht deutlich, dass die Fortschritte im Amazonasgebiet regional sehr unterschiedlich ausfallen und sich Rodungen in bestimmte Gebiete verlagern können.
Auch im Cerrado, der artenreichen Savannenlandschaft im Zentrum Brasiliens, registrierte Deter eine Abnahme. Zwischen August 2025 und Juli 2026 wurden dort 5119,46 Quadratkilometer mit möglichen Vegetationsverlusten erfasst. Das waren 7,8 Prozent weniger als im vorherigen Beobachtungszeitraum. Trotz des Rückgangs blieb die betroffene Fläche deutlich grösser als im Amazonasgebiet.
Der Cerrado gehört zu den biologisch vielfältigsten Savannenlandschaften der Erde. Seine Wälder, Grasländer und Feuchtgebiete bieten Lebensraum für Tausende Pflanzenarten sowie für Jaguare, Mähnenwölfe, Riesengürteltiere, Tapire und zahlreiche seltene Vogelarten. Gleichzeitig entspringen dort wichtige Flusssysteme Südamerikas.
Ein grosser Teil der noch vorhandenen natürlichen Vegetation befindet sich jedoch auf privatem Grund. Dadurch unterscheidet sich die Ausgangslage erheblich vom Amazonasgebiet, wo sich zahlreiche besonders gefährdete Flächen auf öffentlichem Land, in Schutzgebieten oder in indigenen Territorien befinden.
Die jüngsten Deter-Werte stehen im Zusammenhang mit einer breiteren landesweiten Entwicklung. Im Kalenderjahr 2025 ging die Abholzung in Brasilien gegenüber 2024 insgesamt um 20,1 Prozent zurück. Abnahmen wurden in sämtlichen sechs Landbiomen des Landes festgestellt. Am stärksten fiel der Rückgang im Pantanal aus. Im grössten tropischen Binnenfeuchtgebiet der Erde wurde 2025 eine um 65,4 Prozent geringere Abholzung registriert als im Vorjahr.
In der Pampa, der von Graslandschaften geprägten Region im Süden Brasiliens, sank sie um 41,7 Prozent. In der halbtrockenen Caatinga des Nordostens betrug die Abnahme 34,3 Prozent. Für den Amazonas wurde ein Rückgang von 15,8 Prozent und für den Cerrado von 11,5 Prozent ausgewiesen.
Diese landesweiten Zahlen zeigen, dass der Schutz natürlicher Vegetation weit über den Amazonas hinausreicht. Jedes brasilianische Biom besitzt eine eigene Tier- und Pflanzenwelt und erfüllt eine besondere ökologische Funktion. Im Pantanal entscheidet der Wasserhaushalt über das Überleben unzähliger Fische, Vögel, Reptilien und Säugetiere.
Die Caatinga beherbergt Arten, die sich über Jahrtausende an extreme Trockenheit angepasst haben. Der Pampa wiederum ist Lebensraum einer oftmals unterschätzten Vielfalt von Gräsern, Kräutern, Vögeln und kleinen Säugetieren. Für die amtliche Beurteilung der langfristigen Waldverluste bleibt Prodes von zentraler Bedeutung.
Das vom Inpe entwickelte Programm ermittelt anhand detaillierter Satellitenanalysen die konsolidierte jährliche Abholzungsrate. Damit dient es als offizielle Referenz, um die Entwicklung über längere Zeiträume zu vergleichen und die Wirkung staatlicher Umweltpolitik zu beurteilen.
Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva nutzte die Präsentation der neuen Zahlen auch für eine politische Botschaft. Er erinnerte daran, dass die Regierung der Vereinigten Staaten die Abholzung in Brasilien als eines der Argumente für zusätzliche Zölle auf brasilianische Exportprodukte angeführt habe. Lula kündigte an, die aktuellen Inpe-Daten künftig in der Korrespondenz mit Washington zu verwenden. Symbolisch wollte er sich vor den Grafiken mit den sinkenden Abholzungswerten fotografieren lassen und das Bild an US-Präsident Donald Trump schicken.
Lula erklärte zudem, Brasilien nehme die Klimafrage ernster als andere Staaten, einschliesslich der Vereinigten Staaten. Diese Aussage ist politisch zugespitzt. Die vorgestellten Zahlen liefern der Regierung zwar ein wichtiges Argument, doch der Erfolg muss sich über mehrere Jahre bestätigen. Entscheidend bleibt ausserdem, ob illegale Rodungen dauerhaft verhindert, bereits geschädigte Gebiete wiederhergestellt und die Rechte Indigener sowie traditioneller Gemeinschaften wirksam geschützt werden.
Das brasilianische Klimabeobachtungsnetzwerk Observatório do Clima bezeichnete die Deter-Ergebnisse als historisch. Nach Einschätzung seines Exekutivsekretärs Marcio Astrini zeigen die Zahlen, dass eine ernsthafte staatliche Umweltpolitik messbare Wirkung entfalten kann. Sie stärkten zugleich die Aussicht, Brasiliens Verpflichtung zu erfüllen, die Abholzung bis 2030 zu stoppen und den Verlust natürlicher Vegetation umzukehren.
Auch das Amazonas-Umweltforschungsinstitut Ipam bewertet die Entwicklung als bedeutenden Schritt. Seine Wissenschaftsdirektorin Ane Alencar sieht in den Deter-Daten eine Festigung des rückläufigen Trends. Die Ergebnisse belegten, dass Brasilien trotz Klimawandel, extremer Trockenperioden und der Folgen von El Niño grundsätzlich in der Lage sei, die Zerstörung des Amazonaswaldes zu verringern.
Der Rückgang ist deshalb mehr als eine statistische Verbesserung. Jeder erhaltene Quadratkilometer Regenwald bewahrt Lebensräume, speichert gewaltige Mengen Kohlenstoff und trägt zur Entstehung von Niederschlägen in weiten Teilen Südamerikas bei. Im Amazonasgebiet leben unzählige Tier- und Pflanzenarten, von denen viele noch kaum erforscht sind. Gleichzeitig bildet der Wald die Lebensgrundlage indigener Völker und traditioneller Gemeinschaften.
Die neuen Zahlen beweisen, dass konsequente Überwachung, staatliche Kontrollen und politische Prioritäten Wirkung zeigen können. Sie zeigen aber ebenso, wie gross die verbleibende Aufgabe ist. Solange noch Tausende Quadratkilometer natürliche Vegetation innerhalb eines Jahres verschwinden und einzelne Regionen wie Roraima steigende Warnwerte verzeichnen, bleibt der Schutz des Amazonas und der übrigen brasilianischen Naturräume ein Wettlauf gegen wirtschaftlichen Druck, organisierte Umweltkriminalität und die zunehmenden Folgen der Erderwärmung.
