Belo Monte ohne Kraft: Der Fluss bestimmt die Grenzen

Am Xingu im brasilianischen Bundesstaat Pará zeigt sich immer deutlicher, wie abhängig selbst eines der grössten Wasserkraftwerke der Welt vom natürlichen Rhythmus eines Flusses ist. Das Wasserkraftwerk Belo Monte verfügt über eine installierte Gesamtleistung von 11’233 Megawatt. Allein im Hauptkraftwerk arbeiten 18 gewaltige Francis-Turbinen, die unter optimalen Bedingungen jeweils rund 775 Kubikmeter Wasser pro Sekunde benötigen. Hinzu kommen sechs kleinere Turbinen am Standort Pimental.

Der Belo Monte Staudamm am Rio Xingu – Foto: Fotos/Publicas

Während der niederschlagsreichen Monate kann der Xingu genügend Wasser führen, um einen grossen Teil dieser Kapazität zu nutzen. In der Trockenzeit verändert sich die Situation jedoch grundlegend. Der Wasserstand sinkt, die Stromproduktion geht zurück, und einzelne Turbinen können zeitweise nicht mehr wirtschaftlich oder technisch sicher betrieben werden. Die beeindruckende Nennleistung von Belo Monte täuscht deshalb darüber hinweg, dass die tatsächliche Stromerzeugung im Jahresverlauf stark schwankt.

Für die Trockenperiode 2026 hat die Betreiberin Norte Energia beantragt, die Mindestwassermenge, die in den Zwischenstausee der Anlage geleitet wird, vorübergehend von 300 auf 100 Kubikmeter pro Sekunde zu senken. Das brasilianische Umweltinstitut Ibama stimmte der zeitlich begrenzten Ausnahme zu. Im August sollen zunächst unterschiedliche Abflussmengen getestet werden. Von September bis Ende November darf der Zufluss bei Bedarf auf 100 Kubikmeter pro Sekunde reduziert werden. Begründet wird die Entscheidung mit der erwarteten Wasserknappheit, der ausgeprägten Trockenzeit und den möglichen Auswirkungen des Klimaphänomens El Niño.

Die Massnahme soll nach Darstellung der Behörden verhindern, dass der Pegel des Zwischenreservoirs so stark fällt, dass Belo Monte in Zeiten besonders hoher Stromnachfrage keine Energie mehr liefern kann. Das brasilianische Ministerium für Bergbau und Energie betrachtet das Kraftwerk als wichtigen Bestandteil des nationalen Verbundnetzes. Durch die Stabilisierung des Wasserstands soll wenigstens eine begrenzte Stromproduktion zu Spitzenzeiten möglich bleiben.

Der Belo Monte Staudamm am Rio Xingu – Foto: Fotos/Publicas

Die nun genehmigte Verringerung bedeutet daher nicht automatisch, dass sämtliche Turbinen von Belo Monte während des gesamten Zeitraums stillstehen. Sie macht jedoch sichtbar, wie weit das Kraftwerk in der niederschlagsarmen Jahreszeit von seiner maximalen Leistung entfernt sein kann. Bei einem derart niedrigen Wasserangebot ist ein dauerhafter Betrieb aller 18 grossen Turbinen ausgeschlossen. Je weniger Wasser den Anlagen zur Verfügung steht, desto stärker muss die Stromproduktion eingeschränkt oder zeitweise unterbrochen werden.

Besonders umstritten sind die möglichen Folgen für die rund 100 Kilometer lange Volta Grande do Xingu, die Grosse Schleife des Xingu. Dieser aussergewöhnlich artenreiche Flussabschnitt gehört zu den ökologisch empfindlichsten Regionen Amazoniens. Stromschnellen, Felsinseln, überflutete Wälder, Seitenarme und flache Uferzonen bilden dort ein eng miteinander verbundenes Lebenssystem. Zahlreiche Fischarten sind auf den jahreszeitlichen Wechsel zwischen Hoch- und Niedrigwasser angewiesen. Steigt der Fluss während der Regenzeit nicht ausreichend an, erreichen viele Fische ihre Laichplätze und Nahrungsgebiete nicht mehr.

Auch Schildkröten, Kaimane, Wasservögel und andere Tiere reagieren empfindlich auf Veränderungen des Wasserstands. Sinkt dieser zu stark, können Seitenarme vom Hauptstrom abgeschnitten werden. Zurück bleiben warme, sauerstoffarme Wasserflächen, in denen Fische und andere Wasserorganismen kaum überleben können. Gleichzeitig verändert sich die Wasserqualität, während Wasserpflanzen in langsam fliessenden oder stehenden Bereichen ungewöhnlich stark wachsen können.

Für die indigenen und traditionellen Gemeinschaften entlang des Xingu ist der Fluss weit mehr als eine landschaftliche Kulisse. Er ist Verkehrsweg, Trinkwasserquelle, Fischgrundlage und kultureller Mittelpunkt. Niedrige Wasserstände erschweren die Schifffahrt, isolieren Ortschaften und verteuern den Transport von Lebensmitteln, Medikamenten und Treibstoff. Wenn die Fischbestände zurückgehen, verlieren viele Familien zugleich eine wichtige Nahrungsquelle und einen Teil ihres Einkommens.

Die Betreiberin erklärt, die aktuelle Reduktion betreffe ausschliesslich die Wasserzufuhr zum Zwischenreservoir und greife nicht unmittelbar in die für die Volta Grande vorgeschriebenen Abflussmengen ein. Umweltorganisationen, Fachleute und Vertreter der betroffenen Bevölkerung befürchten dennoch indirekte Folgen. In dem komplizierten System aus Flussbett, Staumauern, Kanälen und Reservoirs beeinflusst jede Veränderung der Wasserverteilung das ökologische Gleichgewicht. Gerade während einer schweren Trockenperiode können sich einzelne Belastungen gegenseitig verstärken.

Die Ibama hat die Genehmigung deshalb an zusätzliche Umweltauflagen gebunden. Norte Energia muss die Wasserqualität, den Sauerstoffgehalt, die Fischfauna und die Entwicklung der Wasserpflanzen intensiver überwachen. Vorgesehen sind kontinuierliche Messungen, regelmässige Laboranalysen und Berichte im Abstand von zwei Wochen. Werden kritische Veränderungen festgestellt, soll der Zufluss wieder auf 300 Kubikmeter pro Sekunde erhöht werden.

Bereits 2024 hatte die Umweltbehörde während einer der schwersten Dürren in Amazonien eine vergleichbare Ausnahme für 71 Tage zugelassen. Die späteren Untersuchungen zeigten unter anderem einen unerwartet niedrigen Sauerstoffgehalt in tieferen Wasserschichten. Gleichzeitig wurden Lücken bei der Überwachung der Wasserpflanzen und der ökologischen Auswirkungen festgestellt. Die erneute Genehmigung ist deshalb mit erheblichen Unsicherheiten verbunden.

Belo Monte wurde als Laufwasserkraftwerk konzipiert, weil auf einen riesigen Speichersee nach dem Vorbild anderer Amazonasprojekte verzichtet werden sollte. Dadurch liess sich zwar die dauerhaft überflutete Fläche begrenzen, doch das Kraftwerk kann nur wenig Wasser für die Trockenzeit speichern. Seine Leistungsfähigkeit hängt damit unmittelbar von der natürlichen Wasserführung des Xingu ab. Was ursprünglich als Kompromiss zwischen Energiegewinnung und Umweltschutz dargestellt wurde, erweist sich angesichts extremer Dürren und des Klimawandels zunehmend als Schwachstelle.

Die Anlage steht somit sinnbildlich für einen wachsenden Konflikt: Wasser, das zur Stromerzeugung zurückgehalten oder umgeleitet wird, fehlt möglicherweise an anderer Stelle im Flusssystem. Wird der natürlichen Flusslandschaft Vorrang eingeräumt, sinkt dagegen die verfügbare Energiemenge. Belo Monte kann zwar gewaltige Mengen Strom erzeugen, besitzt aber nicht die Kontrolle über jene Naturkräfte, von denen seine Turbinen abhängen.

Der Gigant am Xingu ist nicht vollständig zum Stillstand gekommen. Doch seine zeitweise stark eingeschränkte Leistung und die erneute Absenkung des Zuflusses zeigen, dass technische Grösse keine Garantie für Versorgungssicherheit ist. Gleichzeitig drohen die ökologischen Kosten der Wasserknappheit vor allem jene Menschen, Tiere und Pflanzen zu treffen, die seit Generationen vom natürlichen Puls des Xingu leben. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wie viel Energie Belo Monte in den kommenden Monaten noch liefern kann.

Ebenso wichtig ist, wie viel Wasser im Fluss verbleiben muss, damit eines der artenreichsten Ökosysteme Amazoniens dauerhaft überleben kann. Die aktuellen Angaben zur befristeten Genehmigung und zu den Umweltauflagen wurden anhand der jüngsten Berichterstattung und der technischen Daten zur Anlage präzisiert.

Dieser Artikel ist mithilfe einer KI entstanden

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