Brasilien stemmt sich gegen die fortschreitende Wüstenbildung

Die fortschreitende Verödung fruchtbarer Böden entwickelt sich in Brasilien zu einer ernsten Gefahr für die Wasser- und Lebensmittelversorgung. Rund 39 Millionen Menschen leben bereits in Regionen, die von diesem Prozess bedroht sind. Betroffen sind unter anderem Kleinbauern und Bewohner des trockenen Hinterlandes, aber auch indigene Gemeinschaften, Quilombolas sowie die traditionellen Bevölkerungsgruppen des Cerrado, des Pantanal und der südbrasilianischen Pampa.

Die Dürre schreitet voran – Foto: Fernando Frazao/AgenciaBrasil

Auf den ersten Blick mag der Begriff Desertifikation im Zusammenhang mit Brasilien überraschen. Schliesslich besitzt das Land keine ausgedehnten Wüstenlandschaften wie die Atacama in Chile oder die Sahara im Norden Afrikas, wo extreme Trockenheit und anhaltender Wassermangel das Landschaftsbild prägen. Desertifikation bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass eine klassische Sandwüste entsteht. Gemeint ist vielmehr die schleichende Zerstörung ehemals fruchtbarer Böden, die dadurch immer weniger Wasser speichern und kaum noch Nahrung hervorbringen können.

Ausgelöst und beschleunigt wird diese Entwicklung vor allem durch menschliche Eingriffe. Abholzung, Überweidung, unangepasste Landwirtschaft, häufige Brände und eine zu intensive Nutzung der Böden zerstören die schützende Vegetationsdecke. Hinzu kommen steigende Temperaturen, unregelmässige Niederschläge und längere Dürreperioden. Je weiter die Schädigung voranschreitet, desto schwieriger wird es für ein Ökosystem, sich aus eigener Kraft zu erholen.

Nach den jüngsten verfügbaren Daten gelten etwa 18 Prozent des brasilianischen Staatsgebiets als Gebiete, die für Desertifikation anfällig sind. Die Suche nach wirksamen Gegenmassnahmen steht deshalb auch im Mittelpunkt der 17. Konferenz der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung, die vom 17. bis 28. August in der Mongolei stattfindet. Brasilien wird dort durch staatliche Stellen und Organisationen der Zivilgesellschaft vertreten.

Besonders hart trifft die Landdegradation sozial und wirtschaftlich benachteiligte Menschen sowie traditionelle Gemeinschaften. Sie sind unmittelbar von den natürlichen Ressourcen ihres Lebensraums abhängig und spüren als Erste, wenn Brunnen austrocknen, Weideflächen unbrauchbar werden oder die biologische Vielfalt abnimmt.

Die Folgen bleiben jedoch keineswegs auf ländliche Regionen beschränkt. Sinkende landwirtschaftliche Erträge verteuern Lebensmittel, Wasserknappheit belastet Städte und Gemeinden, und der Verlust von Vegetation verstärkt die lokale Hitze. Damit wird die Desertifikation zu einer Frage der Wasser- und Ernährungssicherheit für das gesamte Land.

Zwischen 2000 und 2020 vergrösserte sich die von Desertifikationsprozessen betroffene Fläche Brasiliens von 1,35 Millionen auf 1,51 Millionen Quadratkilometer. Der Zuwachs von rund 170 000 Quadratkilometern entspricht ungefähr der gemeinsamen Fläche der Bundesstaaten Pernambuco, Paraíba und Alagoas.

Am stärksten betroffen sind die neun Bundesstaaten des Nordostens. Gefährdete Gebiete finden sich jedoch auch im Norden von Minas Gerais und Espírito Santo, im Nordosten des Bundesstaates Rio de Janeiro sowie im Nordwesten von Mato Grosso do Sul. Dort herrschen überwiegend trocken-subhumide, semiaride oder aride Klimabedingungen.

Die Einteilung richtet sich nach dem Verhältnis von Niederschlag zu möglicher Verdunstung, dem sogenannten Ariditätsindex. In trocken-subhumiden Regionen liegt dieser Wert zwischen 0,50 und 0,65, in semiariden Gebieten zwischen 0,20 und 0,50 und in ariden Zonen zwischen 0,05 und 0,20. Erst unterhalb von 0,05 spricht die Wissenschaft von einem hyperariden Wüstenklima. Ein solches Klima existiert in Brasilien bislang nicht.

Eine beunruhigende Schwelle wurde dennoch bereits überschritten. Im Jahr 2023 identifizierten brasilianische Forschungs- und Katastrophenschutzinstitutionen erstmals eine aride Klimazone innerhalb des Landes. Sie erstreckt sich über rund 6000 Quadratkilometer zwischen Pernambuco und Bahia. Die Feststellung zeigt, wie stark sich die klimatischen Bedingungen in Teilen des Nordostens bereits verändert haben.

Im Zentrum dieser Entwicklung steht die Caatinga. Unter den sechs grossen Biomen Brasiliens weist sie die schwersten Formen der Bodenschädigung auf. Rund elf Prozent ihrer Fläche, etwa 100 000 Quadratkilometer, befinden sich in einem kritischen oder stark degradierten Zustand. Gleichzeitig sind bereits ungefähr 42,6 Prozent der ursprünglichen Vegetation verschwunden.

Dabei ist die Caatinga weit mehr als eine trockene, von Dornsträuchern geprägte Landschaft. Sie ist das einzige ausschliesslich brasilianische Biom und beherbergt eine aussergewöhnliche Vielfalt an Pflanzen und Tieren, von denen zahlreiche Arten nirgendwo sonst auf der Erde vorkommen. Ihre Vegetation hat sich über lange Zeiträume an Hitze, unregelmässige Niederschläge und monatelange Trockenperioden angepasst. Viele Pflanzen werfen während der Trockenzeit ihre Blätter ab, speichern Wasser in Wurzeln oder Stämmen und treiben innerhalb kurzer Zeit wieder aus, sobald der Regen zurückkehrt.

Diese Widerstandskraft macht die Caatinga auch für den globalen Klimaschutz bedeutend. Langjährige Untersuchungen, an denen mehr als 30 Universitäten und Forschungseinrichtungen beteiligt sind, zeigen, dass das Biom Kohlenstoff mit einer Effizienz von rund 58 Prozent nutzt. Damit übertrifft es nach den vorliegenden Ergebnissen die übrigen brasilianischen Biome.

Der grösste Schatz liegt unsichtbar unter der Oberfläche. Rund 72 Prozent des gebundenen Kohlenstoffs sind im Boden gespeichert. In einzelnen Berechnungen entspricht dies etwa 125 Tonnen pro Hektar. Die Caatinga ist damit nicht nur eine aktive Kohlenstoffsenke, sondern zugleich ein gewaltiger natürlicher Langzeitspeicher. Ihre Böden bewahren Kohlenstoff, Feuchtigkeit, Nährstoffe und biologisches Leben selbst unter ausgesprochen trockenen Bedingungen.

Eine 2025 in der Fachzeitschrift «Science of the Total Environment» veröffentlichte Untersuchung unterstrich diese Rolle. Demnach entfiel allein im Jahr 2022 ungefähr die Hälfte der gesamten Netto-Kohlenstoffaufnahme Brasiliens auf die Caatinga. Das Biom glich damit einen erheblichen Teil der nationalen Treibhausgasemissionen aus.

Brasilianische Fachleute setzen sich deshalb dafür ein, dass die Caatinga im wissenschaftlichen Abschlussdokument der UN-Konferenz ausdrücklich erwähnt wird. Fehlt diese Anerkennung, könnte das tropische Trockengebiet bis 2030 im offiziellen wissenschaftlichen Rahmen der internationalen Konvention unzureichend berücksichtigt bleiben. Dabei ist die Caatinga nicht die Ursache des Problems, sondern ein wesentlicher Bestandteil seiner Lösung. Voraussetzung ist allerdings, dass ihre Vegetation erhalten bleibt und geschädigte Flächen wiederhergestellt werden.

Brasilien trat 1997 der UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung bei und verpflichtete sich damit, Landdegradation zu verhindern und bereits entstandene Schäden rückgängig zu machen. Im März 2026 wurde ein nationaler Aktionsplan für den Zeitraum von 2025 bis 2043 offiziell vorgestellt. Er behandelt Desertifikation nicht als isoliertes Umweltproblem, sondern verbindet Bodenschutz mit Bildung, Gesundheit, sozialer Unterstützung, Infrastruktur, Wasserversorgung, wirtschaftlicher Teilhabe und technologischer Innovation.

Wassermangel in Minas Gerais – Foto: Manoel Marques/Imprensa MG

Im Juni 2026 kam ein weiteres Programm hinzu, das in den kommenden 20 Jahren zehn Millionen Hektaren geschädigter Flächen in der Caatinga ökologisch und wirtschaftlich wieder nutzbar machen soll. Im Mittelpunkt stehen die Sicherung der Wasserversorgung, die Anpassung an den Klimawandel und eine Wiederherstellung, von der auch die örtliche Bevölkerung leben kann.

Dieser Ansatz beschränkt sich nicht auf das Pflanzen von Bäumen. Er berücksichtigt den physikalischen Zustand des Bodens, die Landwirtschaft, die Wasserspeicherung und die traditionelle Nutzung der biologischen Vielfalt. Das Wissen der lokalen Gemeinschaften spielt dabei eine zentrale Rolle. Über Generationen haben sie Methoden entwickelt, um Regenwasser aufzufangen, angepasste Nutzpflanzen anzubauen, Vieh zu halten und gleichzeitig die empfindliche Vegetation zu bewahren.

Schon vor dem Beginn des neuen staatlichen Programms wurden mit solchen Verfahren rund 36 000 Hektaren unter Schutz gestellt und etwa 2000 Hektaren aktiv wiederhergestellt. Zudem entstanden 15 sogenannte Agrocaatinga-Systeme, 31 Bewirtschaftungspläne wurden umgesetzt und mehr als 280 Völker einheimischer Bienen in die Landschaft zurückgebracht. Die Rückkehr dieser Bestäuber ist ökologisch besonders wertvoll, weil zahlreiche Wild- und Nutzpflanzen von ihnen abhängig sind.

Eine angepasste Kombination aus Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Tierhaltung kann das verfügbare Futter für Nutztiere vervierfachen, ohne dafür die natürliche Vegetation vollständig zu roden. Agroforstsysteme erhöhten die pflanzliche Biomasse in untersuchten Projekten um etwa 85 Prozent. Gleichzeitig können sie jährlich bis zu 100 Tonnen Boden pro Hektar vor Erosion schützen. Fruchtwechsel und unterirdische Staudämme helfen zusätzlich, Wasser, Kohlenstoff und Nährstoffe im Boden zu halten.

Solche unterirdischen Dämme bestehen aus wasserdichten Barrieren, die quer zur natürlichen Fliessrichtung des Wassers in den Boden eingelassen werden. Sie verhindern, dass das Regenwasser ungenutzt in tieferen Schichten verschwindet oder rasch abfliesst. Dadurch bleibt der Boden länger feucht und kann selbst während trockener Perioden für den Anbau genutzt werden. Gerade für kleinbäuerliche Familien können solche vergleichsweise einfachen Techniken den Unterschied zwischen einer gesicherten Ernte und einem vollständigen Ernteausfall ausmachen.

Seit mehr als 25 Jahren entwickeln über 3000 zivilgesellschaftliche Organisationen im brasilianischen Trockengebiet gemeinsam Lösungen für das Leben mit dem semiariden Klima. Zu den bekanntesten Massnahmen gehören Zisternen und kleine Rückhaltebecken, in denen Regenwasser gesammelt wird. Das gespeicherte Wasser dient als Trinkwasser, versorgt Tiere und ermöglicht die Produktion von Lebensmitteln auch dann, wenn über Monate kaum Regen fällt.

Die Trockenheit wird immer sichtbarer – Foto: Fernando Frazao/ AgenciaBrasil

Daneben werden traditionelle Saatgutsorten erhalten und vermehrt, die mit hohen Temperaturen und geringen Niederschlägen besser zurechtkommen. Landwirtschaftliche Verfahren, welche die natürliche Vegetation einbeziehen, schützen den Boden und erhöhen langfristig seine Fruchtbarkeit. Familienbetriebe und agroökologische Projekte werden dadurch zu einem entscheidenden Teil der Wiederherstellung. Eine degradierte Landschaft lässt sich nicht allein durch grossflächiges Ausbringen von Saatgut aus der Luft zurückgewinnen. Nachhaltige Regeneration entsteht dort, wo Menschen dauerhaft leben, den Boden pflegen und ihre Produktion an die ökologischen Grenzen des Gebietes anpassen.

Der Kampf gegen die Desertifikation ist deshalb ebenso eine soziale wie eine ökologische Aufgabe. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Brasilien seine ambitionierten Pläne in der nötigen Grössenordnung umsetzen kann. Entscheidend sind eine langfristige Finanzierung, wissenschaftliche Begleitung, verlässliche staatliche Programme und die Beteiligung der Menschen vor Ort. Gelingt dies, könnte die Caatinga beweisen, dass selbst schwer geschädigte Trockengebiete wieder Wasser speichern, Kohlenstoff binden und Nahrung hervorbringen können.

Es geht dabei nicht nur um die Rettung einer einzigartigen Landschaft. Es geht um die Lebensgrundlage von Millionen Menschen, um die Stabilität der brasilianischen Lebensmittelproduktion und um ein natürliches Bollwerk gegen die fortschreitende Erderwärmung. Jeder erhaltene Boden, jede geschützte Wasserquelle und jede zurückkehrende heimische Pflanzen- oder Tierart stärkt die Widerstandskraft eines Landes, dessen ökologische Zukunft weit über die Grenzen der gefährdeten Regionen hinausreicht.


Zeca-Vater_150-mit-Ausrufezeichen
Mehr über das Biom Caatinga finden Sie » hier
© 2003-2026 BrasilienPortal by sabiá brasilinfo
Reproduktion der Inhalte strengstens untersagt.
Aus unserer Redaktion

Letzte News