Die Panará geben dem verborgenen Leben des Waldes einen Namen

Im indigenen Territorium der Panará im brasilianischen Amazonasgebiet entsteht ein aussergewöhnlich umfassendes Verzeichnis der dort lebenden Tier- und Pflanzenarten. Das Projekt verbindet das über Generationen weitergegebene Wissen der indigenen Bevölkerung mit den Methoden moderner Feldforschung. Auf einer Fläche von rund 500’000 Hektaren an der Grenze zwischen den Bundesstaaten Pará und Mato Grosso wurden bereits nahezu 15’000 einzelne Tiere, Pflanzen und andere Organismen erfasst.

Gemeinsam für den Schutz Anazoniens – Grafik mithilfe einer KI erstellt

Das Gebiet gehört zu den ökologisch wertvollsten, zugleich aber auch gefährdetsten Landschaften Amazoniens. Illegaler Goldabbau, unkontrollierte wirtschaftliche Aktivitäten und die fortschreitende Zerstörung angrenzender Waldflächen erhöhen den Druck auf die natürlichen Lebensräume. Das Arteninventar soll deshalb weit mehr sein als eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme. Es schafft eine Grundlage, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen, Schutzmassnahmen gezielter zu planen und die Rechte der Panará an ihrem traditionellen Territorium zu stärken.

Getragen wird die Initiative von einer Naturschutzorganisation gemeinsam mit einem regionalen Netzwerk, der indigenen Vertretung der Panará, öffentlichen Universitäten und weiteren gesellschaftlichen Organisationen. Indigene Forschende und Fachleute aus den Hochschulen arbeiten dabei gleichberechtigt zusammen. Auf langen Expeditionen durch den Wald dokumentieren sie Arten, sammeln Proben und installieren technische Geräte. Auch Wasserproben aus dem Rriri werden untersucht. Der Fluss durchquert das indigene Territorium und mündet später in den Xingu, einen der grossen Nebenflüsse des Amazonas.

Die Zusammenarbeit zeigt, wie wirkungsvoll sich unterschiedliche Wissensformen ergänzen können. Während die Hochschulen technisches Fachwissen, wissenschaftliche Verfahren und Instrumente zur systematischen Erfassung bereitstellen, besitzen die Panará eine äusserst genaue Kenntnis ihres Lebensraums.

Sie lesen Spuren im Waldboden, erkennen Veränderungen an Pflanzen und wissen, welche Früchte, Samen oder Blätter bestimmten Tieren als Nahrung dienen. Sie kennen deren bevorzugte Wege, Aufenthaltsorte und Verhaltensweisen, oft auch zu verschiedenen Jahreszeiten. Kein wissenschaftliches Messgerät kann diese über viele Generationen erworbene Erfahrung vollständig ersetzen.

Für die Forschung ist sie von unschätzbarem Wert, weil sie Zusammenhänge sichtbar macht, die bei kurzen Expeditionen leicht unbemerkt bleiben. Gleichzeitig ermöglicht die moderne Technik, Beobachtungen dauerhaft zu dokumentieren, räumlich einzuordnen und mit anderen wissenschaftlichen Daten zu vergleichen.

Für die Feldarbeit wurden indigene Teilnehmende im Umgang mit GPS-Geräten und einer Anwendung zur digitalen Erfassung von Arten geschult. Hinzu kam die Installation von Fotofallen, die durch Bewegung oder die Körperwärme vorbeiziehender Tiere ausgelöst werden. Diese Kameras bleiben über längere Zeiträume im Wald und nehmen auch nachts oder an schwer zugänglichen Stellen Bilder auf.

Gerade bei scheuen, nachtaktiven oder nur selten beobachteten Säugetieren erwies sich diese Technik als besonders wertvoll. Die Aufnahmen zeigten Tiere, die selbst erfahrene Bewohnerinnen und Bewohner des Gebiets kaum zu Gesicht bekommen. Dadurch konnte die bestehende Kenntnis über die Fauna erweitert und mit eindeutig dokumentierten Nachweisen ergänzt werden. Die Technologie trat dabei nicht an die Stelle des indigenen Wissens. Sie wurde zu einem zusätzlichen Werkzeug, das dieses Wissen bestätigt, vertieft und für die weitere Forschung nutzbar macht.

Eine besondere Bedeutung hat die Beteiligung indigener Frauen. Eine Forscherin wurde von den Mitgliedern ihrer Dorfgemeinschaft ausgewählt, um an den Expeditionen teilzunehmen. Nach ihrer Rückkehr berichtete sie den anderen Frauen regelmässig von der Arbeit im Wald, dem Einsatz der Kameras und der digitalen Dokumentation. Das Interesse war gross. Ihre Erfahrungen zeigen, dass sich künftig weitere Panará-Frauen an solchen Projekten beteiligen könnten.

Diese Beteiligung ist nicht nur eine Frage der Gleichberechtigung. Frauen verfügen in vielen indigenen Gemeinschaften über eigenes, spezialisiertes Wissen zu Nahrungspflanzen, Heilmitteln, Saatgut, Sammelgebieten und jahreszeitlichen Veränderungen. Wird dieses Wissen in die Forschung einbezogen, entsteht ein vollständigeres Bild der biologischen Vielfalt und ihrer Bedeutung für das tägliche Leben.

Bislang wurden 602 verschiedene Arten von Pflanzen, Tieren und Insekten dokumentiert. Unter ihnen befinden sich 27 Arten, die als vom Aussterben bedroht oder besonders stark gefährdet gelten. Jeder dieser Nachweise erhöht die Bedeutung des Territoriums für den regionalen und internationalen Artenschutz. Zugleich belegt das Inventar, dass indigene Gebiete wichtige Rückzugsräume für Arten sind, die in anderen Teilen Amazoniens bereits selten geworden sind.

Besondere Aufmerksamkeit gilt einem Baum, den die Panará seit Langem kennen und mit einem eigenen Namen bezeichnen. Für die akademische Botanik könnte es sich hingegen um eine bisher noch nicht wissenschaftlich beschriebene Art handeln. Während einer Expedition wurde der Baum markiert, fotografiert und beprobt. Eine endgültige Bestimmung ist jedoch noch nicht möglich.

Für eine zuverlässige botanische Einordnung müssen weitere Proben gesammelt werden, insbesondere während der Blütezeit. Blüten, Früchte, Blätter, Rinde und andere Merkmale sind häufig entscheidend, um verwandte Baumarten voneinander zu unterscheiden. Erst nach einer gründlichen Untersuchung und der Überprüfung durch spezialisierte Botanikerinnen und Botaniker lässt sich feststellen, ob tatsächlich eine neue Art vorliegt.

Der Fall verdeutlicht ein grundsätzliches Spannungsfeld: Eine Art kann für die Wissenschaft neu sein, ohne für die Menschen neu zu sein, die seit Jahrhunderten mit ihr leben. Der Baum ist den Panará bereits vertraut und besitzt in ihrem Wissenssystem einen Namen und vermutlich auch eine ökologische oder kulturelle Bedeutung. Eine mögliche wissenschaftliche Erstbeschreibung wäre daher keine Entdeckung eines zuvor unbekannten Lebewesens im eigentlichen Sinn. Sie wäre vielmehr die formelle Aufnahme einer längst bekannten Art in das akademische Klassifikationssystem.

Die Forschungsarbeiten mussten vorerst unterbrochen werden, weil die finanziellen Mittel für eine weitere Expeditionsrunde fehlen. Das Inventar ist deshalb noch nicht abgeschlossen. Im Wald wurden immer wieder Spuren weiterer Tiere entdeckt, deren Laufwege sich teilweise deutlich erkennen liessen. Diese Beobachtungen deuten darauf hin, dass die tatsächliche Artenvielfalt des Gebiets noch erheblich grösser ist als die bisherige Dokumentation vermuten lässt.

Eine Fortsetzung wäre nicht nur für die Erfassung weiterer Arten wichtig. Langfristige Untersuchungen könnten auch zeigen, wie sich Tierbestände, Vegetation und Wasserqualität verändern. Gerade angesichts des Klimawandels, zunehmender Dürren, Waldbrände und illegaler Eingriffe sind solche Vergleichsdaten von grosser Bedeutung. Ohne eine solide Ausgangsbasis lässt sich später nur schwer beurteilen, welche Arten zurückgegangen sind oder welche Lebensräume dauerhaft Schaden genommen haben.

Nach Abschluss des Inventars sollen die Ergebnisse von den indigenen Forschenden geprüft und anschliessend im brasilianischen Informationssystem für biologische Vielfalt veröffentlicht werden. Diese staatliche Plattform bündelt Nachweise über das Vorkommen von Arten, biologische Sammlungen und wissenschaftliche Datensätze. Die offene Bereitstellung kann den Naturschutz und die Forschung unterstützen, erfordert jedoch klare Regeln zum Schutz indigenen Wissens.

Entscheidend ist deshalb, dass die Panará nicht lediglich als Helferinnen und Helfer im Gelände erscheinen. Sie sollen als Urheber und Träger des eingebrachten Wissens verzeichnet werden. Greifen andere Institutionen später auf die Informationen zurück, müssen die indigenen Forschenden und ihre Gemeinschaft einbezogen werden. Damit soll verhindert werden, dass traditionelles Wissen ohne Zustimmung übernommen, aus seinem kulturellen Zusammenhang gelöst oder von Dritten wirtschaftlich genutzt wird.

Auch für wissenschaftliche Veröffentlichungen wurde ein eigenes Freigabeverfahren entwickelt. Nichtindigene Forschende erklären der Gemeinschaft in verständlichen Video- oder Audioaufnahmen, welche Daten sie verwenden möchten, welches Ziel ihre Publikation verfolgt und wie die Ergebnisse dargestellt werden sollen. Die Panará können die Inhalte prüfen, ihre Sichtweise ergänzen und auf problematische Aussagen reagieren. Erst danach wird eine Veröffentlichung für den akademischen Bereich freigegeben.

Dieses Vorgehen berücksichtigt die mündliche Tradition der Panará. Schriftliche Fachtexte allein würden vielen Mitgliedern der Gemeinschaft keinen ausreichenden Zugang zu den geplanten Publikationen ermöglichen. Audio- und Videoerklärungen schaffen dagegen eine Form der Verständigung, die kulturell vertrauter ist und eine echte Mitsprache ermöglicht.

Das Arteninventar im Territorium der Panará zeigt damit einen Weg, wie Forschung im Amazonasgebiet respektvoller und zugleich genauer werden kann. Indigene Menschen werden nicht nur befragt oder als ortskundige Begleiter eingesetzt, sondern gestalten die wissenschaftliche Arbeit mit, kontrollieren die Verwendung ihrer Kenntnisse und treten als deren Urheber auf.

Für den Schutz Amazoniens ist dieser Ansatz von grundlegender Bedeutung. Niemand kennt die feinen Veränderungen des Waldes besser als die Menschen, die dort seit Generationen leben. Wenn ihre Erfahrung mit moderner Technik und sorgfältiger wissenschaftlicher Dokumentation verbunden wird, entsteht eine besonders starke Grundlage für den Erhalt der biologischen Vielfalt.

Jede erfasste Spur, jede Wasserprobe und jede Aufnahme einer Fotofalle erzählt dabei einen Teil derselben Geschichte: Der Regenwald ist kein unbewohnter Naturraum, sondern eine lebendige, kulturell geprägte Landschaft, deren Zukunft eng mit den Rechten und dem Wissen ihrer indigenen Bevölkerung verbunden ist.

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