Ein Weltwunder übernimmt Verantwortung für das Klima

Das Wahrzeichen hoch über Rio de Janeiro will künftig nicht nur Millionen Menschen aus aller Welt anziehen, sondern auch die ökologischen Folgen des stetig wachsenden Besucherstroms deutlich verringern. Die für den Christus-Erlöser auf dem Corcovado zuständige Verwaltung hat dazu am Freitag, dem 21. August, eine Vereinbarung unterzeichnet, mit der ein internationales Zertifizierungsverfahren für klimaverträglicheren Tourismus eingeleitet wird.

Christus der Erlöser – Foto: sabiá brasilinfo

Im ersten Schritt soll genau ermittelt werden, welche Umweltbelastungen durch den Betrieb des Monuments und die zahlreichen Besuche entstehen. Untersucht werden unter anderem der Energieverbrauch, die An- und Abreise der Gäste, Transporte auf den Corcovado, die Abfallentsorgung sowie weitere indirekte Emissionsquellen. Auf Grundlage dieser Bestandsaufnahme sollen konkrete Massnahmen entwickelt werden, um den Ausstoss von Treibhausgasen zu vermeiden, zu reduzieren und verbleibende Emissionen auszugleichen.

Die Herausforderung ist beträchtlich. Im Jahr 2025 besuchten rund 1,5 Millionen Menschen das Monument, so viele wie nie zuvor. Allein am 1. Januar wurden etwa 20’000 Gäste gezählt. Der Christus-Erlöser gehört damit nicht nur zu den bekanntesten Symbolen Brasiliens, sondern auch zu den brasilianischen Sehenswürdigkeiten, nach denen im Ausland besonders häufig gesucht wird.

Bis zu seinem hundertjährigen Bestehen im Jahr 2031 könnte das Monument eine von zwei internationalen Klimazertifizierungen erhalten. Eine Klimaneutralitätsbescheinigung würde bestätigen, dass sämtliche erfassten Emissionen vollständig ausgeglichen werden. Eine klimapositiv ausgerichtete Zertifizierung ginge noch einen Schritt weiter: In diesem Fall müssten die erzielten Einsparungen und Kompensationen die verursachten Emissionen übertreffen, sodass unter dem Strich ein messbarer Nutzen für das Klima entsteht.

Eine besondere Rolle spielt dabei die Natur rund um den Corcovado. Das Monument steht im Nationalpark Tijuca, mitten in einem der bedeutendsten städtischen Waldgebiete der Welt. Die dort erhaltenen und wiederaufgeforsteten Flächen des Atlantischen Regenwaldes nehmen Kohlendioxid auf, regulieren das lokale Klima und bieten zahlreichen Tier- und Pflanzenarten einen wertvollen Lebensraum. In diesem Waldgebiet leben unter anderem Kapuzineraffen, Nasenbären, Gürteltiere, Faultiere, Tukane und eine grosse Vielfalt weiterer Vögel, Reptilien, Amphibien und Insekten.

Im Rahmen des Zertifizierungsprozesses soll deshalb auch berechnet werden, wie viel Kohlenstoff die umliegenden Waldflächen binden können. Diese Leistung des Waldes darf jedoch nicht als Freipass für unveränderte Emissionen verstanden werden. Entscheidend wird sein, Belastungen möglichst bereits an ihrer Quelle zu verhindern. Dazu können ein effizienterer Energieeinsatz, klimafreundlichere Verkehrslösungen, weniger Abfall, eine bessere Besucherlenkung und der verantwortungsvolle Umgang mit Wasser und natürlichen Ressourcen gehören.

Aus den gesammelten Daten soll ein eigener Klimaaktionsplan entstehen. Er wird kurz- und mittelfristige Massnahmen festlegen und zeigen, wie die mit dem Tourismus verbundenen Treibhausgasemissionen schrittweise reduziert und ausgeglichen werden können. Zugleich soll aufgearbeitet werden, welche Umweltbelastungen sich während der fast hundertjährigen Geschichte des Monuments angesammelt haben.

Technische Unterstützung erhält die Verwaltung von einem international tätigen Unternehmen, das Nachhaltigkeitsverpflichtungen von Organisationen und Reisezielen prüft. Dieses soll die Ausarbeitung des Umwelt- und Klimaplans begleiten und nach Finanzierungsmöglichkeiten für die vorgesehenen Projekte suchen. Für die Verwaltung des Heiligtums sollen dadurch keine direkten Kosten entstehen.

Die Zusammenarbeit reicht inzwischen über Brasilien hinaus. Auch Machu Picchu in Peru, eines der wichtigsten Reiseziele Südamerikas und ebenfalls eine der sieben neuen Weltwunderstätten, arbeitet mit derselben Organisation an seiner klimatischen Ausrichtung. Gleichzeitig haben die Verantwortlichen beider Sehenswürdigkeiten eine Partnerschaft vereinbart, die den Austausch über nachhaltigen Tourismus, Denkmalschutz sowie die kulturelle und historische Bedeutung der beiden Orte fördern soll.

Die Verbindung zwischen dem Christus-Erlöser und der Inkastätte ist als Partnerschaft zweier bedeutender Kulturerbestätten angelegt. Geplant sind gemeinsame Informations- und Sozialkampagnen, eine abgestimmte internationale Präsentation sowie der Austausch praktischer Erfahrungen. Auch Nachbildungen der beiden Monumente sollen an den jeweiligen Partnerorten gezeigt werden. Damit soll die Zusammenarbeit nicht auf symbolische Gesten beschränkt bleiben, sondern zu konkreten Projekten führen und zugleich die Beziehungen zwischen Brasilien und Peru vertiefen.

Für den Christus-Erlöser ist eine solche Verbindung nicht neu. Das Monument auf dem Corcovado unterhält bereits Partnerschaften mit religiösen Stätten und Christusfiguren in Portugal, Italien und Spanien sowie mit mehreren Heiligtümern und Monumenten in verschiedenen Regionen Brasiliens. Die Zusammenarbeit mit Machu Picchu erhält jedoch durch den gemeinsamen Schwerpunkt auf Klimaschutz und nachhaltigem Tourismus eine besondere Bedeutung.

Der geplante Klimaaktionsplan berührt damit weit mehr als die Zukunft einer berühmten Sehenswürdigkeit. Der Corcovado liegt in einem empfindlichen Naturraum, in dem dichter Atlantischer Regenwald unmittelbar an eine Millionenmetropole grenzt. Gelingt es, die hohen Besucherzahlen mit wirksamem Natur- und Klimaschutz zu verbinden, könnte das Wahrzeichen zeigen, wie stark frequentierte Reiseziele ihre Verantwortung gegenüber Landschaft, Artenvielfalt und kommenden Generationen ernst nehmen können.


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