Brasilien liegt auf einem Kontinent, der für seine mächtigen und teilweise hochaktiven Vulkane bekannt ist. Doch während entlang der Anden regelmässig Magma aufsteigt, Asche ausgestossen wird und die Erde bebt, herrscht im grössten Land Südamerikas seit sehr langer Zeit vulkanische Ruhe.

Brasilien besitzt nach heutigem wissenschaftlichem Kenntnisstand weder aktive noch ruhende Vulkane. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Land keine vulkanische Vergangenheit hat. Im Gegenteil: Gewaltige Lavaausbrüche, aufsteigendes Magma und die Entstehung vulkanischer Inseln haben seine Landschaft über Millionen Jahre hinweg entscheidend geprägt.
Die aktiven Vulkane Südamerikas konzentrieren sich fast vollständig auf die Anden. In Chile, Argentinien, Bolivien, Peru, Ecuador und Kolumbien schiebt sich ozeanische Erdkruste unter die Südamerikanische Platte. Entlang dieser Plattengrenze liegen bekannte Vulkane wie Villarrica, Láscar, Ubinas, Cotopaxi und Nevado del Ruiz. Brasilien befindet sich dagegen weit im Innern der Südamerikanischen Platte und damit fern von der heute aktiven Subduktionszone.
Die vulkanische Geschichte des Landes reicht dennoch weit zurück. Besonders eindrucksvolle Spuren finden sich im Süden Brasiliens. Als der frühere Grosskontinent Gondwana auseinanderbrach und sich Südamerika von Afrika trennte, gelangten vor rund 137 bis 134 Millionen Jahren gewaltige Mengen Magma an die Erdoberfläche.
Die Lava trat vielerorts nicht aus einzelnen kegelförmigen Vulkanen aus, sondern strömte durch lange Spalten in der Erdkruste. Schicht um Schicht entstanden mächtige Basaltdecken, die heute zur Serra-Geral-Gruppe gehören. Deshalb sind in Südbrasilien kaum klassische Vulkankegel mit deutlich sichtbaren Kratern erhalten.
Die wichtigsten Zeugnisse liegen im Gestein: in erstarrten Lavaströmen, Basaltschichten, ehemaligen Magmagängen und Resten alter Förderschlote. Über Millionen Jahre haben Regen, Flüsse, Wind und chemische Verwitterung die ursprünglichen vulkanischen Formen abgetragen und neu gestaltet.
Wesentlich jünger sind die Spuren im Nordosten. Im Bundesstaat Rio Grande do Norte kam es noch vor etwa neun bis sieben Millionen Jahren zu vulkanischer Aktivität. Zu den untersuchten Formationen gehören Caracarazinho, Cabugizinho da Arara, Serra Preta de Bodó und Cabelo de Negro. Sie gelten als die jüngsten bekannten Zeugnisse des Vulkanismus auf dem brasilianischen Festland. Auch der markante Pico do Cabugi erinnert an diese Epoche, ist jedoch längst erloschen.
Besonders gut lässt sich das vulkanische Erbe auf den brasilianischen Atlantikinseln erkennen. Fernando de Noronha ist der über den Meeresspiegel ragende Teil eines wesentlich grösseren untermeerischen Gebirgskomplexes. Der Archipel entstand in mehreren vulkanischen Phasen. Lava, Asche, Gesteinstrümmer und in Förderschloten erstarrtes Magma formten die Grundlage jener Landschaft, die heute für ihre steilen Felsen, Buchten und markanten Gipfel bekannt ist.

Noch weiter draussen im Südatlantik liegen Trindade und Martin Vaz. Auch sie sind vulkanischen Ursprungs. Auf Trindade befindet sich mit dem Paredão einer der jüngsten bekannten erloschenen Vulkane Brasiliens. Seine letzte Aktivität wird auf ungefähr 200’000 Jahre vor unserer Zeit geschätzt, wobei diese Datierung mit Unsicherheiten verbunden ist. Für Martin Vaz wurden vulkanische Gesteine auf ein Alter zwischen etwa 721’000 und 336’000 Jahren datiert.
Für keine dieser Inseln ist eine Eruption während des Holozäns bestätigt. Diese geologische Epoche begann vor rund 11’700 Jahren und dauert bis heute an. Brasilien verfügt somit über keine Vulkane, die nach international gebräuchlicher wissenschaftlicher Einteilung als holozän aktiv gelten.
Die geologische Ruhe der Gegenwart verdeckt eine bewegte Vergangenheit. Im Süden erzählen ausgedehnte Basaltschichten vom Auseinanderbrechen Gondwanas und von der Öffnung des Südatlantiks. Im Nordosten zeugen alte vulkanische Körper von späteren Magmaaufstiegen. Fernando de Noronha, Trindade und Martin Vaz zeigen, wie vulkanische Kräfte ganze Inseln aus dem Meer entstehen liessen.
Auf die Frage, ob Brasilien Vulkane besitzt, gibt es deshalb eine klare, aber zweigeteilte Antwort: Aktive oder ruhende Vulkane sind heute nicht bekannt. Spuren früherer Eruptionen finden sich dagegen in zahlreichen Regionen des Landes und auf seinen Atlantikinseln. Die Lava fliesst längst nicht mehr, doch das vulkanische Erbe ist in den Gesteinen und einigen der eindrucksvollsten Landschaften Brasiliens bis heute sichtbar.
