Wenn der Schutz des Amazonas an der Wahlurne beginnt

Der Tag des Amazonas fällt 2026 in eine politisch besonders entscheidende Zeit. Am 5. September, knapp einen Monat vor den brasilianischen Wahlen, geht es deshalb nicht allein um die Würdigung des grössten tropischen Regenwaldes der Erde. Der Gedenktag wird zu einem landesweiten Aufruf, den Schutz des Amazonas bei der Stimmabgabe mitzudenken. Die zentrale Botschaft lautet: Jede Stimme für den Amazonas zählt.

Regenwald, illegale Waldrodung – Foto: AgenciaBrasil

Diese Verbindung steht im Mittelpunkt der fünften Ausgabe der Kulturaktion «Amazônia de Pé» (Für einen stehenden Amazonaswald). Unter dem Leitgedanken «Politik beginnt im Territorium» finden zwischen dem 3. und 6. September mehr als 300 Veranstaltungen in allen 26 Bundesstaaten und im Bundesdistrikt statt. Musik, regionale Küche, Theater, Kunst, Umweltbildung und öffentliche Debatten sollen Menschen zusammenbringen, die den Amazonas aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Einige leben mitten im Regenwald, andere Tausende Kilometer entfernt in den grossen Städten des Südens und Südostens.

Gerade darin liegt die politische Bedeutung der Aktion. Sie richtet sich nicht nur an überzeugte Umweltschützerinnen und Umweltschützer. Sie will auch jene erreichen, die den Amazonas noch immer als weit entfernte Region wahrnehmen, deren Probleme mit ihrem eigenen Alltag wenig zu tun hätten. Doch Entscheidungen über den Regenwald betreffen das gesamte Land. Sie wirken sich auf das Klima, den Wasserhaushalt, die Landwirtschaft, die Energieversorgung, die Artenvielfalt und die Lebensbedingungen von Millionen Menschen aus.

Am 4. Oktober treffen die Stimmberechtigten sechs Entscheidungen. Sie wählen den Präsidenten und den Vizepräsidenten der Republik, die Gouverneure und deren Stellvertretungen, 54 Mitglieder des Senats, 513 Bundesabgeordnete sowie die Abgeordneten der Bundesstaaten und des Bundesdistrikts. Da 2026 zwei der jeweils drei Senatssitze pro Bundesstaat und Bundesdistrikt neu vergeben werden, besitzt diese Wahl eine besondere Tragweite. Ein möglicher zweiter Wahlgang findet am 25. Oktober statt.

Er betrifft ausschliesslich die Präsidentschaft und jene Gouverneurswahlen, bei denen im ersten Durchgang niemand die absolute Mehrheit der gültigen Stimmen erreicht. Diese Angaben werden vom brasilianischen Wahlgericht bestätigt. Bei Umweltfragen zählt dabei nicht nur das Ergebnis der Präsidentschaftswahl. Der Präsident bestimmt zwar die grundsätzliche Richtung der nationalen Umwelt-, Klima- und Wirtschaftspolitik.

Er entscheidet über die politische Führung der Ministerien, legt Prioritäten für Bundesbehörden fest und beeinflusst, wie konsequent illegale Abholzung, Landraub, unerlaubter Bergbau und Umweltverbrechen bekämpft werden. Ohne ausreichende Haushaltsmittel, Personal und politische Rückendeckung können selbst gut ausgestattete Gesetze ihre Wirkung verlieren.

Ebenso wichtig ist der Nationalkongress. Abgeordnete und Senatoren beraten über Gesetze, kontrollieren die Regierung und entscheiden über den Bundeshaushalt. Damit bestimmen sie mit, ob Umweltbehörden, wissenschaftliche Institute und Programme zum Schutz indigener Territorien über die notwendigen Mittel verfügen. Im Parlament wird auch darüber entschieden, ob bestehende Schutzbestimmungen gestärkt, abgeschwächt oder durch Ausnahmeregelungen ausgehöhlt werden.

Eine einzelne Abstimmung im Kongress kann Folgen für Schutzgebiete, Umweltgenehmigungen, indigene Landrechte, Bergbauvorhaben oder die Nutzung öffentlichen Landes haben. Deshalb reicht es nicht, bei der Wahlentscheidung allein auf die Präsidentschaftskandidaturen zu achten. Wer den Amazonas schützen will, muss auch die Positionen der Bewerberinnen und Bewerber für Senat und Abgeordnetenkammer prüfen.

Die Gouverneurswahlen sind ebenfalls von unmittelbarer Bedeutung. Die Bundesstaaten tragen Verantwortung für Teile der Umweltaufsicht, für regionale Infrastruktur, Sicherheitsorgane, Raumplanung und wirtschaftliche Entwicklungsprogramme. Sie können Kontrollen unterstützen, Schutzgebiete sichern und nachhaltige Wirtschaftsformen fördern. Sie können aber auch Projekte vorantreiben, die neue Strassen, Bergbaugebiete, Häfen oder landwirtschaftliche Expansionszonen in bisher wenig erschlossene Regionen bringen.

Gerade neue Verkehrswege zeigen, wie eng politische Entscheidungen und Waldverlust miteinander verbunden sein können. Wo Strassen ohne wirksame Planung und Kontrolle in den Regenwald vordringen, folgen häufig Landspekulation, illegale Besetzung öffentlichen Bodens, Holzeinschlag, Viehzucht und weitere Rodungen. Infrastruktur ist deshalb niemals nur eine technische Frage. Entscheidend ist, wo gebaut wird, wer davon profitiert, welche Umweltprüfungen vorgenommen werden und ob die betroffenen Gemeinschaften tatsächlich angehört werden.

Auch die Abgeordneten der Bundesstaaten spielen eine Rolle. Sie entscheiden über regionale Gesetze und Haushalte und kontrollieren die jeweiligen Regierungen. Damit beeinflussen sie, wie entschlossen ein Bundesstaat gegen illegale Rodungen vorgeht, welche wirtschaftlichen Tätigkeiten gefördert werden und welchen Stellenwert indigene Völker, traditionelle Gemeinschaften, Flussbewohner und Kleinbauern in der regionalen Politik erhalten. Der Schutz des Amazonas ist deshalb keine einzelne politische Massnahme, über die nur in Brasília entschieden wird. Er entsteht aus einem Geflecht von Gesetzen, Haushalten, Kontrollen und lokalen Entscheidungen.

Eine Regierung kann Schutzgebiete ausweisen, während eine andere deren Überwachung finanziell schwächt. Ein Parlament kann strengere Regeln beschliessen oder bestehende Bestimmungen lockern. Eine Regionalregierung kann nachhaltige Produktion fördern oder wirtschaftliche Expansion ohne ausreichende Kontrolle zulassen. Politische Fortschritte können über Jahre aufgebaut und innerhalb kurzer Zeit wieder zunichtegemacht werden.

Genau an diesem Punkt verbindet sich der Tag des Amazonas mit den Wahlen von 2026. Die Kulturaktion erinnert daran, dass Umweltpolitik nicht erst nach der Wahl beginnt. Sie beginnt bereits bei der Prüfung der Kandidaturen: Welche konkreten Ziele nennen sie für die Verringerung der Entwaldung? Unterstützen sie die Abgrenzung und den Schutz indigener Territorien? Befürworten sie ausreichend finanzierte Umweltbehörden? Wie stehen sie zu illegalem Bergbau, Landraub und der Vergabe öffentlichen Landes? Welche wirtschaftlichen Alternativen bieten sie der Bevölkerung, die vom Wald lebt?

Solche Fragen sind wichtiger als allgemeine Bekenntnisse zum Umweltschutz. In einem Wahlkampf kann beinahe jede Kandidatur erklären, den Amazonas bewahren zu wollen. Entscheidend ist jedoch, ob Programme, frühere Abstimmungen, politische Bündnisse und Haushaltsvorschläge zu diesem Versprechen passen. Der Schutz des Regenwaldes lässt sich nicht allein an Wahlkampfslogans messen. Er zeigt sich in konkreten Entscheidungen über Geld, Land, Rechte und staatliche Kontrolle.

Die Veranstaltungen rund um den 5. September schaffen dafür einen öffentlichen Raum. Kultur vermittelt, was politische Statistiken allein oft nicht erreichen. Musik, Erzählungen, Kunst und regionale Küche machen sichtbar, dass der Amazonas kein menschenleerer Naturraum ist. Er ist Heimat indigener Völker, traditioneller Gemeinschaften und einer vielfältigen städtischen und ländlichen Bevölkerung. Ihre Kenntnisse, Erfahrungen und Zukunftsvorstellungen gehören in die politische Debatte.

Die Aktion stellt damit auch die Frage, wer in Brasilien an Entscheidungen über den Amazonas beteiligt wird. Menschen, die im Wald und an den Flüssen leben, schützen ihre Gebiete häufig unter schwierigen und bisweilen gefährlichen Bedingungen. Dennoch werden ihre Stimmen bei grossen Infrastruktur-, Bergbau- und Entwicklungsprojekten nicht immer angemessen berücksichtigt. Politische Teilhabe bedeutet deshalb mehr als den Gang zur Wahlurne. Sie umfasst Mitsprache, transparente Verfahren, Zugang zu Informationen und die Achtung verfassungsmässiger Rechte.

Der Tag des Amazonas wird in diesem Wahljahr folglich zu mehr als einem symbolischen Gedenktag. Zwischen Konzerten, regionalen Speisen, künstlerischen Darbietungen und öffentlichen Gesprächen steht eine nüchterne Erkenntnis im Mittelpunkt: Die Zukunft des Regenwaldes wird nicht nur in Schutzstationen, Forschungslaboren oder auf internationalen Klimakonferenzen entschieden. Sie wird ebenso in Ministerien, Parlamenten, Behörden, Gerichten, Gouverneurspalästen und an der Wahlurne bestimmt.

Die zeitliche Nähe ist dabei von besonderer Aussagekraft. Der 5. September eröffnet die letzten Wochen vor dem ersten Wahlgang, also jene Phase, in der viele Menschen ihre endgültige Entscheidung treffen. Die landesweite Mobilisierung will diesen Moment nutzen, um den Amazonas aus der Randlage mancher Wahlprogramme ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung zu rücken. Nach Angaben der Organisatoren soll die Wahlbevölkerung ausdrücklich dazu angeregt werden, von den Kandidaturen überprüfbare Verpflichtungen zum Schutz des Waldes und seiner Bevölkerung zu verlangen.

Jede politische Entscheidung kann darüber mitbestimmen, ob Flüsse sauber bleiben, Waldflächen geschützt werden, Tiere ihre Lebensräume behalten und traditionelle Gemeinschaften ihre Zukunft selbst gestalten können. Der Amazonas braucht wissenschaftliche Überwachung, wirksame Kontrollen und eine Justiz, die Umweltverbrechen konsequent verfolgt. Er braucht zugleich wirtschaftliche Perspektiven, die Einkommen schaffen, ohne den Wald dafür zerstören zu müssen.

Vor allem aber braucht er Bürgerinnen und Bürger, die erkennen, dass Umweltpolitik keine Nebensache ist. Sie entscheidet darüber, welches Entwicklungsmodell Brasilien verfolgt, wie öffentliche Güter genutzt werden und welche Lebensgrundlagen kommenden Generationen erhalten bleiben. Darin liegt die eigentliche Botschaft dieses 5. September: Wer am 4. Oktober über die politische Zukunft Brasiliens abstimmt, entscheidet immer auch über die Zukunft des Amazonas.

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