Am Tag des Amazonas, der in Brasilien am 5. September begangen wird, richtet sich der Blick gewöhnlich auf die gewaltigen Dimensionen des grössten tropischen Regenwaldes der Erde. Doch in diesem Jahr geht es nicht allein um jene Flächen, die noch von dichtem Wald bedeckt sind. Im Mittelpunkt stehen auch Landschaften, die durch Viehzucht, Landwirtschaft, Bergbau, Feuer oder andere Eingriffe beschädigt wurden und nun eine neue Zukunft brauchen.

Besonders dringlich ist diese Aufgabe innerhalb indigener Territorien. Dort bedeutet Wiederherstellung weit mehr, als Setzlinge in den Boden zu bringen oder eine bestimmte Anzahl Hektaren wieder zu begrünen. Es geht um Quellen, die erneut Wasser führen sollen, um ausgelaugte Böden, die ihre Fruchtbarkeit zurückgewinnen müssen, und um Pflanzenarten, die für Ernährung, Medizin, Handwerk und Rituale unverzichtbar sind. Ebenso geht es um kulturelles Wissen, wirtschaftliche Perspektiven und die Fähigkeit der Gemeinschaften, selbst über die Entwicklung ihrer Gebiete zu entscheiden.
Damit verändert sich auch die Bedeutung des Wortes Wiederherstellung. Ein Wald ist nicht allein deshalb wiederhergestellt, weil auf Satellitenbildern neues Grün erscheint. Entscheidend ist, welche Pflanzen zurückkehren, welche Tiere wieder Nahrung und Schutz finden und ob die Menschen das Gebiet erneut auf traditionelle Weise nutzen können. Eine ökologisch intakte Landschaft muss auch als Lebensraum, Vorratskammer, Apotheke, Schule und kulturelles Gedächtnis funktionieren.
Die Debatte erhält zusätzliches Gewicht, weil Brasilien seine internationalen Verpflichtungen zur Wiederherstellung geschädigter Landschaften ausgeweitet hat. An der 17. Konferenz der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar verpflichtete sich das Land, bis 2030 mehr als 163’000 Quadratkilometer degradierter Flächen wiederherzustellen. Das entspricht über 16 Millionen Hektaren, einer Fläche, die deutlich grösser ist als England. Ein Teil dieser Anstrengungen soll indigene Territorien erreichen.
Wie gross das Potenzial ist, zeigen Daten des brasilianischen Erdbeobachtungsprogramms TerraClass. Für das Jahr 2022 wurden innerhalb der indigenen Gebiete Amazoniens rund 952’300 Hektaren degradierter Flächen ermittelt. Ein grosser Teil davon besteht aus Weideland. Innerhalb dieser erfassten Nutzungskategorien befinden sich zudem rund 24’400 Hektaren landwirtschaftlich genutzter Flächen und etwa 18’900 Hektaren, die vom Bergbau beansprucht werden.
Hinzu kommen ungefähr 840’500 Hektaren Sekundärvegetation. Dabei handelt es sich um Flächen, auf denen die ursprüngliche Vegetation entfernt oder stark verändert wurde, die Natur aber bereits begonnen hat, sich zu erneuern. Zusammengenommen ergibt sich in den indigenen Territorien Amazoniens ein Wiederherstellungspotenzial von rund 1,79 Millionen Hektaren. Diese Zahl ist keine blosse statistische Grösse. Hinter jedem Hektar stehen Wasserläufe, Böden, Pflanzen, Tiere und Gemeinschaften, deren Zukunft von der Qualität der Wiederherstellung abhängt.
Sekundärvegetation darf dabei nicht mit ursprünglichem Regenwald gleichgesetzt werden. Junge Wälder können wichtige ökologische Funktionen übernehmen, Kohlenstoff speichern, den Boden schützen und Lebensräume miteinander verbinden. Bis sie jedoch die Artenvielfalt, Struktur und Widerstandsfähigkeit eines über Jahrhunderte gewachsenen Waldes erreichen, können Jahrzehnte oder sogar wesentlich längere Zeiträume vergehen. Der Schutz bestehender Primärwälder bleibt deshalb unersetzlich. Wiederherstellung kann Zerstörung mildern, sie kann einen alten Wald jedoch nicht kurzfristig ersetzen.
Trotz illegaler Rodungen, Goldabbau, Bränden und des Vordringens der Viehzucht gehören indigene Territorien weiterhin zu den am besten erhaltenen Landschaften Brasiliens. Nach dem 2026 veröffentlichten Jahresbericht von Mapbiomas entfielen zwischen 2019 und 2025 lediglich 1,7 Prozent des gesamten in Brasilien registrierten Verlusts einheimischer Vegetation auf indigene Gebiete. Im Jahr 2025 gingen dort 12’593 Hektaren natürliche Vegetation verloren. Das waren 22 Prozent weniger als im Vorjahr. Gleichwohl wurde in beinahe einem Drittel der indigenen Territorien mindestens ein Rodungsereignis festgestellt. Die Zahlen belegen somit gleichzeitig die grosse Schutzwirkung dieser Gebiete und den anhaltenden Druck auf ihre Grenzen.
Für eine erfolgreiche Wiederherstellung reicht es deshalb nicht, Flächen auf Karten zu markieren und technische Ziele festzulegen. Die Bewohnerinnen und Bewohner müssen von Anfang an bestimmen können, was wiederhergestellt wird, aus welchem Grund dies geschieht und welcher Nutzen daraus entstehen soll. Wenn indigene Gemeinschaften die Führung übernehmen, erscheint das Territorium nicht länger als abstrakte Fläche mit beschädigter Vegetation. Es wird als Geflecht aus Menschen, Wasser, Wald, Ernährung, Spiritualität und überlieferten Lebensweisen verstanden.
Die entscheidenden Fragen lauten dann nicht nur, wie viele Bäume gepflanzt wurden oder wie viele Hektaren eine grüne Färbung zurückgewonnen haben. Ebenso wichtig ist, welche Arten für die jeweilige Gemeinschaft Bedeutung besitzen, welche traditionellen Nahrungsmittel fehlen, wo Heilpflanzen verschwunden sind und welche Gebiete für die Wasserversorgung oder kulturelle Praktiken besonders wertvoll sind. Wiederherstellung wird damit zu einem Instrument, das die territoriale Verwaltung und die Selbstbestimmung stärken kann.
Eine der schwierigsten Aufgaben besteht darin, Prioritäten festzulegen. Die am stärksten geschädigte Fläche ist nicht zwangsläufig jene, deren Wiederherstellung einer Gemeinschaft den grössten Nutzen bringt. Ein kleiner beeinträchtigter Quellbereich kann für die Trinkwasserversorgung bedeutender sein als ein wesentlich grösseres ehemaliges Weidegebiet. Ein zerstörter Uferwald kann entscheidend dafür sein, ob ein Bach während der Trockenzeit Wasser führt, sich Fische vermehren und angrenzende Böden bei Starkregen erhalten bleiben.
Um solche Zusammenhänge sichtbar zu machen, entwickelte die brasilianische Behörde für indigene Angelegenheiten gemeinsam mit indigenen Organisationen, Fachinstitutionen und einem britischen Klimaprogramm ein integriertes Informationssystem. Es verbindet Daten zu Bodendegradation, Wassersicherheit, biologischer Vielfalt, Klimaveränderungen, Feuergefahr, territorialer Verwaltung, Nachhaltigkeit, Bildung und Gesundheit.
Das System arbeitet mit einer multikriteriellen Analyse. Je nach Ziel eines Projekts lassen sich einzelne Faktoren unterschiedlich gewichten. Soll vor allem die Wasserversorgung verbessert werden, erhalten degradierte Quellgebiete, Flussoberläufe und Uferwälder eine hohe Bedeutung. In Regionen mit wachsender Brandgefahr kann dagegen die Anfälligkeit für Feuer stärker gewichtet werden. Bei grosser Ernährungsunsicherheit können Flächen in den Vordergrund rücken, auf denen sich einheimische Nutzpflanzen, Waldgärten oder andere sozial und wirtschaftlich wichtige Produktionsformen wiederbeleben lassen.
Aus den ausgewählten Faktoren entsteht ein vergleichender Index, der Hinweise darauf gibt, welche Territorien für ein bestimmtes Vorhaben besonders relevant sein könnten. Das ist vor allem dann hilfreich, wenn öffentliche Mittel, internationale Klimafonds oder private Investitionen für Wiederherstellungsprojekte bereitgestellt werden und nachvollziehbare Kriterien für ihre Verteilung erforderlich sind.
Doch auch das präziseste Modell darf nicht an die Stelle der Entscheidung einer Gemeinschaft treten. Schlägt eine mathematische Auswertung ein bestimmtes Territorium für ein Projekt vor, bedeutet dies noch lange nicht, dass die Massnahme dort automatisch umgesetzt werden darf. Wenn die lokale Gemeinschaft andere Prioritäten hat, das Vorhaben ablehnt oder die Bedingungen für eine sichere Durchführung nicht gegeben sind, muss diese Entscheidung respektiert werden. Daten können Orientierung bieten, aber keine Zustimmung ersetzen.
Von besonderer Bedeutung ist das Wissen, das in den Dörfern über Generationen weitergegeben wird. Dazu gehören Kenntnisse über Saatgut, einheimische Baumarten, Fruchtzeiten, Niederschlagszyklen, Bodenpflege, Heilpflanzen sowie geeignete Zeitpunkte für Aussaat und Ernte. Viele dieser Kenntnisse sind eng mit der Beobachtung von Tieren, Insekten, Flussständen, Winden und der Blüte bestimmter Pflanzen verbunden. Sie beruhen auf langfristigen Erfahrungen mit einem Ökosystem, dessen Zusammenhänge sich nicht vollständig in Tabellen oder Satellitendaten abbilden lassen.
In zahlreichen Gemeinschaften nehmen indigene Frauen dabei eine tragende Rolle ein. Sie bauen Nahrungsmittel an, sammeln und bewahren Saatgut, kennen Nutz- und Heilpflanzen und vermitteln dieses Wissen an Kinder und Jugendliche. Wenn ihre Erfahrung in Wiederherstellungsprojekte einfliesst, können traditionelle Arten zurückkehren, die Ernährung vielfältiger und die Abhängigkeit von zugekauften Lebensmitteln geringer werden. Gleichzeitig wächst die Widerstandsfähigkeit gegenüber Dürren, Überschwemmungen und anderen Folgen des Klimawandels.
Traditionelles und wissenschaftlich-technisches Wissen müssen sich nicht gegenseitig ausschliessen. Satellitenbilder können zeigen, wo die Vegetation zurückgeht oder sich Brände häufen. Bodenanalysen können Belastungen und Nährstoffmangel sichtbar machen. Hydrologische Modelle helfen, gefährdete Einzugsgebiete zu erkennen. Die Menschen vor Ort wissen dagegen, welche Quelle früher ganzjährig Wasser führte, wo bestimmte Fische laichten, welche Früchte Wildtiere anzogen und welche Pflanzen auf einem bestimmten Boden zuverlässig gedeihen. Erst im Zusammenspiel dieser Kenntnisse entstehen Lösungen, die ökologisch sinnvoll und kulturell verankert sind.
Wiederherstellung kann daher auch bedeuten, Saatgutbanken aufzubauen, traditionelle Waldgärten neu anzulegen und einheimische Obst-, Nuss- und Heilpflanzen zurückzubringen. Sie kann lokale Baumschulen, gemeinschaftlich organisierte Sammelgebiete und nachhaltige Wertschöpfung fördern. Produkte aus einheimischen Pflanzen können Einkommen schaffen, sofern Nutzung und Vermarktung unter der Kontrolle der Gemeinschaften bleiben und die natürlichen Bestände nicht erneut unter Druck geraten.
Ebenso entscheidend ist die Rückkehr der Tierwelt. Wo Ufergehölze und Waldkorridore wieder wachsen, finden Vögel, Affen, Insekten und andere Tiere erneut Nahrung und geschützte Wege zwischen voneinander getrennten Waldflächen. Viele von ihnen tragen Samen über grosse Entfernungen und unterstützen damit die natürliche Erneuerung. Restaurierte Landschaften werden so nicht einfach bepflanzt. Sie beginnen wieder, ihre eigenen ökologischen Prozesse zu entwickeln.
Keine Wiederherstellung kann jedoch dauerhaft erfolgreich sein, wenn gleichzeitig neue Schäden entstehen. Illegaler Bergbau, wiederkehrende Brände, die Ausweitung von Weideflächen und unkontrollierte Eingriffe in Flussläufe treffen jedes Territorium auf andere Weise. Deshalb müssen Restaurierung, Überwachung, Brandvorbeugung, Schutz der Grenzen und eine starke territoriale Verwaltung zusammen gedacht werden.
Das brasilianische Informationssystem berücksichtigt aus diesem Grund auch bestehende Pläne zur territorialen und ökologischen Verwaltung, die Verfügbarkeit von Wasser, klimatische Risiken und die gesundheitliche Situation der Bevölkerung. Damit steht es im Einklang mit der nationalen Politik für das Umwelt- und Territorialmanagement indigener Gebiete und dem brasilianischen Plan zur Wiederherstellung einheimischer Vegetation. Dieser sieht vor, bis 2030 zwölf Millionen Hektaren wiederherzustellen.
Ob diese ambitionierten Ziele erreicht werden, hängt nicht allein von Finanzmitteln, technischen Methoden und politischen Zusagen ab. Entscheidend ist, ob die Programme langfristig angelegt sind, die Ursachen der Zerstörung bekämpfen und die Rechte der betroffenen Völker achten. Wiederherstellung darf nicht zu einem von aussen gesteuerten Projekt werden, das nach wenigen Pflanzaktionen endet. Sie benötigt kontinuierliche Pflege, lokale Strukturen und eine gesicherte Finanzierung über viele Jahre.
Ein Territorium mit einer starken gemeinschaftlichen Verwaltung kann seine natürlichen Ressourcen besser schützen, äusserem Druck entschlossener begegnen und schneller auf klimatische Veränderungen reagieren. Der Tag des Amazonas erinnert deshalb nicht nur an die Schönheit und biologische Vielfalt des Regenwaldes. Er macht deutlich, dass die Zukunft dieser Landschaft eng mit den Menschen verbunden ist, die sie seit Generationen kennen, nutzen und bewahren.
Die Wiederherstellung degradierter indigener Gebiete ist damit zugleich eine ökologische, soziale und kulturelle Aufgabe. Wo Quellen zurückkehren, traditionelle Pflanzen wieder wachsen und Tiere erneut Lebensraum finden, können auch Ernährungssicherheit, Wissen und Selbstbestimmung gestärkt werden. Der Wald wird nicht bloss grüner. Er wird wieder zu einem lebendigen Territorium, in dem Natur und menschliche Gemeinschaft einander tragen.
