Präsidentschaftswahl 2026 in Brasilien: Ein Land, unterschiedliche Erwartungen

Vier Jahre nach dem knappen Wahlausgang zwischen Luiz Inácio Lula da Silva und Jair Bolsonaro entscheidet Brasilien erneut über seine politische Zukunft. Bei der Präsidentschaftswahl am 4. Oktober stehen zwölf Kandidaten zur Auswahl. Im Mittelpunkt des Rennens befinden sich Amtsinhaber Lula von der Arbeiterpartei PT und Senator Flávio Bolsonaro von der Liberalen Partei PL. Beide führen die Umfragen an und vertreten unterschiedliche Vorstellungen von der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und aussenpolitischen Entwicklung des Landes.

Lula und Flávio Bolsonaro im Porträt – Grafik mithilfe einer KI erstellt

Lula steht für einen Kurs links der Mitte und strebt seine vierte Amtszeit an. Sollte er gewählt werden und diese vollständig absolvieren, hätte er Brasilien insgesamt 16 Jahre als Präsident geführt. Flávio Bolsonaro, der älteste Sohn des früheren Präsidenten, baut auf das konservative und rechte Wählerlager, das bereits seinen Vater unterstützt hat. Seine Kandidatur verbindet den Anspruch auf einen politischen Wechsel mit der Fortführung der Bewegung seines Vaters.

Die am 3. Oktober veröffentlichte Datafolha-Erhebung weist Lula 45 Prozent und Flávio Bolsonaro 42 Prozent der gültigen Stimmen zu. Die Fehlermarge beträgt jeweils zwei Prozentpunkte. Das Institut bezeichnet die Konstellation deshalb als statistischen Gleichstand innerhalb der Fehlermarge, obwohl Lula rechnerisch vorne liegt. Befragt wurden am 2. und 3. Oktober insgesamt 4.006 Menschen in 122 Gemeinden.

Umfragen bilden die Stimmung zum Zeitpunkt der Befragung ab und sind keine Wahlergebnisse. Nach den letzten Erhebungen erscheint eine Stichwahl wahrscheinlich. Sie ist für den 25. Oktober vorgesehen, falls im ersten Wahlgang niemand mehr als die Hälfte der gültigen Stimmen erhält. Neben der Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft könnten die Wahlbeteiligung, kurzfristige Entscheidungen und die Ablehnung des jeweiligen Gegners den Ausgang beeinflussen.

Auch die Auseinandersetzung über Fernsehdebatten prägte die Schlussphase des Wahlkampfs. Die letzte vorgesehene Debatte bei TV Globo wurde nach gerichtlichen Entscheidungen über die Teilnahmebedingungen und den Ablauf abgesagt. Lula und Flávio Bolsonaro machten sich anschliessend gegenseitig dafür verantwortlich. Damit entfiel eine weitere Gelegenheit, die Kandidaten und ihre Programme unmittelbar miteinander zu vergleichen.

Für Lula ist die Wahl ein weiterer entscheidender Moment einer politischen Laufbahn, die Brasilien seit Jahrzehnten prägt. Seine Rückkehr ins Präsidentenamt im Jahr 2022 folgte auf eine Phase der Inhaftierung und des Ausschlusses von der Wahl 2018. Die damaligen Verurteilungen wurden später aufgehoben. Bei seiner erneuten Kandidatur besiegte er Jair Bolsonaro und trat Anfang 2023 seine dritte Amtszeit an.

Im aktuellen Wahlkampf verweist Lula auf seine Regierungserfahrung und die wirtschaftliche und soziale Bilanz seiner Amtszeit. Auf dem Arbeitsmarkt hat sich die Lage verbessert: Die Arbeitslosenquote betrug im Dreimonatszeitraum von Juni bis August 2026 nach Angaben des brasilianischen Statistikamts IBGE 5,3 Prozent. Für diesen Zeitraum ist das der niedrigste Wert der seit 2012 bestehenden Erhebungsreihe.

Zu den Veränderungen während seiner Amtszeit gehört auch die erweiterte Einkommensteuerbefreiung. Seit 2026 müssen Menschen mit einem monatlichen Einkommen bis 5.000 Reais keine Einkommensteuer mehr bezahlen. Diese Entlastung ist damit bereits geltende Regelung und nicht lediglich ein Wahlversprechen.

Verbesserungen bei Beschäftigung und Einkommen bedeuten allerdings nicht, dass sich alle Haushalte finanziell sicher fühlen. Schulden, Lebensmittelpreise und laufende Ausgaben bleiben wichtige Alltagsthemen. Zugleich muss sich die nächste Regierung mit der Entwicklung der öffentlichen Verschuldung auseinandersetzen. Die Kandidaten erkennen den finanzpolitischen Handlungsbedarf an, unterscheiden sich jedoch bei ihren Vorstellungen über Ausgaben, Einnahmen und die Rolle des Staates.

In der Schlussphase des Wahlkampfs rückten weitere Regierungsentscheidungen in den Vordergrund. Am 25. September unterzeichnete Lula eine vorläufige Massnahme zum Verbot der sogenannten «Bets», zu denen bestimmte Online-Wett- und Glücksspielangebote gehören. Nach Angaben der Regierung sollen die betroffenen Plattformen am 6. Oktober abgeschaltet werden. Die Massnahme darf deshalb nicht mit einem bereits vollständig umgesetzten Verbot gleichgesetzt werden.

Auch die geplante Bereitstellung bestimmter Medikamente zur Behandlung von Adipositas im öffentlichen Gesundheitssystem SUS wurde diskutiert. Hier müssen politische Ankündigungen, fachliche Prüfung und tatsächliche Versorgung auseinandergehalten werden. Das Gesundheitsministerium hatte im September die zuständige Fachkommission aufgefordert, ein Anwendungsprotokoll für Menschen mit Adipositas auszuarbeiten. Daraus lässt sich noch keine flächendeckende Verfügbarkeit ableiten.

Flávio Bolsonaro setzt dem die Forderung nach einem politischen Wechsel entgegen. Öffentliche Sicherheit, wirtschaftliche Fragen und Veränderungen im Staatsapparat gehören zu den Schwerpunkten seines Programms. Beim Kampf gegen organisierte Kriminalität fordert er unter anderem zusätzliche Gefängnisplätze. Seine Vorschläge zielen auf eine stärkere staatliche Durchsetzung gegenüber kriminellen Organisationen.

Die öffentliche Sicherheit ist zugleich ein wichtiges Thema für Lula. Während Flávio Bolsonaro eine Einstufung krimineller Gruppierungen als Terrororganisationen befürwortet, setzt Lulas Programm unter anderem auf die Bekämpfung ihrer Finanzströme und der Geldwäsche. Beide Kandidaten betrachten die organisierte Kriminalität als zentrale Herausforderung, unterscheiden sich aber bei den vorgesehenen Instrumenten.

Politisch bleibt Flávio Bolsonaro eng mit seinem Vater verbunden. Jair Bolsonaro wurde wegen des Versuchs verurteilt, den Ausgang der Wahl von 2022 umzustossen. Er befindet sich derzeit unter Hausarrest. Die aktuelle Form des Hausarrests geht auf eine aus gesundheitlichen Gründen gewährte Entscheidung vom März 2026 zurück und wurde später aufrechterhalten. Die frühere Formulierung «seit dem vergangenen Jahr unter Hausarrest» bildet diesen Verlauf daher nicht ausreichend genau ab.

Eine weitere Belastung des Wahlkampfs sind die Ermittlungen im Zusammenhang mit der Banco Master. Gegen Flávio Bolsonaro wird wegen des Verdachts auf Korruption und Geldwäsche ermittelt. Ein Teil der Untersuchung betrifft die Finanzierung des Films «Dark Horse» über seinen Vater und Kontakte zum Bankier Daniel Vorcaro. Flávio Bolsonaro hat eingeräumt, finanzielle Unterstützung für das Filmprojekt gesucht zu haben, bestreitet jedoch rechtswidriges Verhalten. Ermittlungen sind keine Verurteilung; für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

Die Vorgänge um die Bank betreffen zudem mögliche Verbindungen zu weiteren Politikern, Amtsträgern und Mitgliedern des Obersten Bundesgerichts. Damit ist die Unabhängigkeit staatlicher Institutionen selbst zu einem Wahlkampfthema geworden. Eine sachliche Bewertung muss zwischen dokumentierten Kontakten, politischen Anschuldigungen, laufenden Untersuchungen und gerichtlich festgestellten Verstössen unterscheiden.

Neben der Präsidentschaft wird auch über die künftigen parlamentarischen Mehrheiten entschieden. Neu besetzt werden sämtliche 513 Sitze der Abgeordnetenkammer und 54 der insgesamt 81 Senatssitze. Die Zusammensetzung beider Kammern wird wesentlich beeinflussen, welche Vorhaben der nächste Präsident durchsetzen kann.

Besondere Bedeutung hat der Senat bei der Besetzung des Obersten Bundesgerichts. Während der nächsten Präsidentschaftsperiode von 2027 bis 2030 erreichen voraussichtlich drei Richter die Altersgrenze von 75 Jahren. Daraus ergeben sich drei regulär absehbare Neubesetzungen. Eine vierte Ernennung wäre möglich, falls die seit dem Rücktritt von Luís Barroso offene Stelle bis zum Amtswechsel unbesetzt bleibt. Vier Ernennungen sind somit keine feststehende Folge des Wahlkalenders.

Die übrigen Präsidentschaftskandidaten liegen in der letzten Datafolha-Erhebung deutlich hinter den beiden Favoriten. Ronaldo Caiado von der PSD erreicht vier Prozent, Renan Santos von Missão und Augusto Cury von Avante jeweils drei Prozent sowie Romeu Zema von Novo ein Prozent der gültigen Stimmen. Zusammen kommen diese vier Bewerber auf elf Prozent.

Ihre Wählerinnen und Wähler könnten in einer Stichwahl dennoch entscheidend werden. Dann müssten Lula und Flávio Bolsonaro über ihre bisherigen Unterstützerkreise hinaus überzeugen. Für beide stellt sich damit dieselbe Aufgabe: konkrete Antworten auf die wirtschaftlichen, sozialen und institutionellen Herausforderungen zu geben und Vertrauen auch bei Menschen zu gewinnen, die sich im ersten Wahlgang für einen anderen Kandidaten entschieden haben.

Dieser Artikel ist mithilfe von KI entstanden

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