In einem abgelegenen Gebiet im Süden des brasilianischen Bundesstaates Bahia wurde ein bedeutender Schritt zur Bewahrung traditionellen Wissens unternommen: Ein Angehöriger des indigenen Volkes der Pataxó Hã-Hã-Hãe hat insgesamt 175 Heilpflanzen seines Territoriums systematisch katalogisiert – 150 davon mit spezifischem medizinischem Nutzen, insbesondere gegen Diabetes, Bluthochdruck und Wurmerkrankungen.

Ausgangspunkt der Forschung war das Ziel, natürliche Behandlungsmethoden für genau diese drei am häufigsten auftretenden Erkrankungen im Volk der Pataxó Hã-Hã-Hãe zu identifizieren. Was als persönliche Initiative begann, entwickelte sich zu einem formellen akademischen Forschungsprojekt im Rahmen eines Promotionsstudiums am Umwelt-, Chemie- und Pharmazeutischen Institut der Bundesuniversität São Paulo (Unifesp).
Dabei ging es nicht nur um medizinische Wirkstoffe. Im Zentrum der Studie stand auch das Wiederentdecken und Bewahren von verloren geglaubtem Wissen der Vorfahren, das über Generationen hinweg mündlich weitergegeben worden war und zunehmend in Vergessenheit geraten ist.
Besonders auffällig war, dass viele der heute genutzten Heilpflanzen nicht ursprünglich aus dem Gebiet stammen, sondern im Laufe der Zeit eingeführt wurden. Dies verweist auf eine erzwungene Entwurzelung, die das indigene Volk durch Landraub, Umweltzerstörung und Großgrundbesitz erlitten hat.
Die Geschichte des Forschungsgebietes, der Indigenen Terra Caramuru/Paraguassu, ist geprägt von Konflikten und Enteignung. Die 54.105 Hektar große Region wurde 1926 offiziell als indigenes Reservat anerkannt. Doch ab den 1940er-Jahren, mit dem Aufschwung der Kakaoindustrie, wurde das Gebiet von Großgrundbesitzern besetzt. In den 1970er-Jahren erklärte die Regierung von Bahia die Reserve gar für aufgelöst und vergab Landtitel an die Invasoren.
Erst nach langen juristischen Auseinandersetzungen konnte die Nationale Stiftung der Indigenen Völker (Funai) Anfang der 1980er-Jahre eine erneute Anerkennung der indigenen Rechte durchsetzen. Doch die Konflikte um Landbesitz dauern bis heute an.
Im Zuge der Forschung zeigte sich, wie sehr die ursprüngliche Vegetation bereits zerstört wurde. Viele der von älteren Gemeindemitgliedern überlieferten Pflanzen waren entweder nur schwer auffindbar – oder bereits ausgestorben. Der drastische Wandel in der Landschaft wurde besonders spürbar, als die vertriebene Bevölkerung in den 1980er-Jahren in ihr Gebiet zurückkehrte und anstelle von Wäldern nur noch Weiden vorfand.
Die Auswertung der Ergebnisse ergab, dass 43 der dokumentierten Pflanzen gezielt gegen Diabetes, Bluthochdruck oder Wurmerkrankungen eingesetzt werden. Gegen Wurmbefall nutzen die Pataxó Hã-Hã-Hãe vor allem den Mastruz (auch bekannt als mexikanischer Tee), gegen Diabetes die Moringa und zur Blutdrucksenkung das weitverbreitete Zitronengras.
Erstaunlich ist auch die wissenschaftliche Relevanz der Ergebnisse: 79 % der dokumentierten Pflanzen stimmen in ihrer traditionellen Anwendung mit aktuellen Erkenntnissen der modernen Phytotherapie überein.
Doch die Arbeit geht über die wissenschaftliche Dokumentation hinaus, sie ist auch ein kultureller Rettungsakt. Es gehe nicht nur darum, Wissen festzuhalten, sondern auch, es aktiv zurückzuholen, wie die betreuende Forscherin des Projekts betont. Vieles sei verloren gegangen – aber vieles lebe noch im kollektiven Gedächtnis des Volkes.
Die Studie soll in mehreren Publikationen münden:
Ein Fachbuch über die Forschung, ein Rezeptbuch für die sichere Anwendung der Heilpflanzen sowie eine audiovisuelle Dokumentation sind in Arbeit.
