Führende Stimmen indigener Völker forderten auf einer Veranstaltung in der Grünen Zone der COP30 in Belém, dass das Leid und die Trauer, die durch Eindringlinge verursacht werden, endlich auch rechtlich anerkannt werden. Denn die Folgen gehen weit über ökologische und soziale Schäden hinaus – sie zerstören Leben, schüren Angst und rauben den Menschen ihre spirituelle Kraft.

Mit der Würde und Klarheit eines international anerkannten Führers sprach Häuptling Raoni Metuktire: „Die Holzfäller, die Goldsucher, sie vernichten alles, was die Wälder ausmacht. Wir müssen zusammenstehen im Kampf gegen jene, die alles zerstören wollen, was dieses Universum trägt.“
Rings um ihn lauschten Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Ethnien seinen Worten, übersetzt aus der Sprache der Kayapó. Raoni erinnerte daran, dass der weiße Mann die Geister nicht achte und dadurch Kriege und Gewalt entfessele, die das Gleichgewicht der Welt bedrohen. „Der Mensch muss Respekt haben vor den Geistern und ihren Wohnorten, in den Bergen, auf den Hügeln. Wir dürfen sie nicht vertreiben, um ihren Platz einzunehmen.“
Am zweiten Tag der COP30 fand in der Grünen Zone der Círculo dos Povos statt – das „Kreis der Völker“-Forum. Dort wurde das Thema „Klimagesundheit: Umwelt- und spirituelle Schäden durch Ausbeutung und den Abbau seltener Erden“ diskutiert. Immer wieder wurde die fortschreitende Zerstörung des Regenwalds und die anhaltenden Verletzungen indigener Rechte angeprangert. Die Stimmung war angespannt, aber auch zutiefst bewegt.
Die Realität vieler Gemeinschaften ist von Übergriffen geprägt, durch illegale Goldgräber, Holzfäller und Agrarkonzerne, die ohne Rücksicht vordringen. Neben dem Verlust von Land und Kultur leidet auch ihre spirituelle Gesundheit – ein Schmerz, den die Mehrheitsgesellschaft kaum wahrnimmt.
Lucimara Patté, Sprecherin des Nationalen Netzwerks Indigener Frauen, brachte es auf den Punkt: „Unsere Gesundheit umfasst weit mehr als den Körper, sie betrifft auch die Seele. Wenn unsere Territorien krank werden, wenn unsere Führungspersonen leiden, können unsere Ahnen ihr Wissen und unsere Kultur nicht weitergeben.“
Sie warnte vor den verführerischen Versprechen der Unternehmen, die in die Gebiete drängen: angeblich ohne Folgen, in Wahrheit jedoch mit verheerenden Konsequenzen. „Sie zerstören nicht nur die Natur, sondern auch unsere Kultur, unsere Identität, unser Sein“.
Patté machte zudem auf die wachsende seelische Not unter jungen Indigenen aufmerksam: „Unsere Jugendlichen erkranken psychisch, innerhalb wie außerhalb unserer Territorien. Uns werden grundlegende Rechte wie freie und informierte Konsultation verweigert. Aber wir Frauen stehen an vorderster Front, geben unser Wissen weiter, damit unsere Kinder weiterkämpfen können.“

Die Abgeordnete Célia Xakriabá (Psol-MG) sprach offen aus, was viele denken: „Der Bergbau und der illegale Goldabbau töten nicht nur unsere Körper, unsere Flüsse und Samen, sondern auch unseren Geist, unsere Lebensweise, unsere Art zu jagen, zu heilen und miteinander zu leben.“
Sie prangerte an, dass es im brasilianischen Recht keine Anerkennung spiritueller Schäden gibt, ein blinder Fleck, der das Leid der Gemeinschaften weiter vertieft. „Die Zahl der Suizide unter indigenen Jugendlichen ist gestiegen. Und man fragt: Warum nehmen sie sich das Leben? Weil der Goldabbau an unserem Geist rüttelt, an unserer Seele“, sagte sie eindringlich.
Auch der indigene Jurist Ricardo Terena kritisierte den sogenannten Fortschritt Brasiliens, der auf Kosten der indigenen Völker gehe: „Dieser ‚Entwicklungsweg‘ hatte seinen Preis, unsere Territorien, unsere Gemeinschaften, das Leben unserer Vorfahren“. Er warf großen Bergbaukonzernen vor, ihre Eingriffe mit vermeintlichen Vorteilen wie Arbeitsplätzen oder sozialen Projekten zu legitimieren, während sie in Wahrheit nur ihre koloniale Logik fortsetzten.
„Die Kolonisierung endet nicht, sie setzt sich heute fort, und sie kostet das Leben unserer Angehörigen.“
Die Krankenschwester Clara Opoxina, die seit 13 Jahren im Yanomami-Gebiet arbeitet, berichtete von tiefgreifenden Veränderungen: „Als ich anfing, litten viele an Malaria und Unterernährung. Heute kommt die seelische und spirituelle Krankheit hinzu und die Gemeinschaften können ihre Rituale kaum noch durchführen.“
Mangels Nahrung, so erklärte sie, könnten selbst die traditionellen Zeremonien für die Verstorbenen nicht mehr stattfinden. „Ohne das rituelle Fest, das den Geist auf seine Reise begleitet, bleiben die Menschen seelisch krank.“
Aus Mato Grosso do Sul berichtete die Anführerin Lileia Guarani Kaiowá von einem Leben unter Dauerbedrohung. In ihrer Gemeinschaft Laranjeira Ñanderu werden Gebetshäuser niedergebrannt, es gibt Mordanschläge. Angst und Anspannung prägen den Alltag. „Wir sind ein traditionelles Volk, unsere Kultur und unser spirituelles Leben hängen von der Natur ab. Wir schützen den Wald und das Wasser, obwohl sie auf unserem Land zerstört werden.“
Ihre Worte zeigten, wie eng Spiritualität und Natur verwoben sind: „Wenn wir eine Pflanze nutzen, sprechen wir mit ihr. Wir fragen den Baum, wofür seine Rinde gut ist, welches Heilmittel er uns schenkt“. Die Berichte der Anwesenden verdeutlichten eindrucksvoll, dass der Kampf um Landrechte, der Schutz der Umwelt und das spirituelle Gleichgewicht untrennbar miteinander verbunden sind, auch wenn das vielen Brasilianerinnen und Brasilianern schwer begreiflich erscheint.
Ein besonders bewegendes Beispiel nannte Megaron Txucarramãe, Neffe von Raoni: Als 2006 ein Flugzeug der Gol Linhas Aéreas über dem Gebiet der Kayapó abstürzte und 154 Menschen starben, halfen seine Krieger bei der Bergung. Vier Jahre später bat die Fluggesellschaft um Unterstützung, um die Wrackteile zu entfernen – die Kayapó lehnten ab.
„Wir sagten: An diesem Ort rühren wir nichts an. Wir jagen dort nicht, wir pflanzen dort nicht. Dieser Ort ist heilig. Dort ruhen die Geister der Toten.“ Der Absturzort, tief im Wald, rund 30 Kilometer von Peixoto de Azevedo (MT) entfernt, wurde zu einem Tabuplatz, einem heiligen Raum innerhalb des Territoriums Capoto-Jarinã.
„Das ist ein Grab in unserem Land. Es tut weh. Diese Menschen waren keine Verwandten von uns, aber wir haben geweint. Wir haben Mitgefühl – menschliches Mitgefühl. Wir sind Menschen“, sagte Megaron leise.
Original: Giovanny Vera, AmazoniaReal
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