Zwei Jahre nach der Räumung illegaler Siedler kehrt das indigene Volk der Parakanã schrittweise in sein Territorium im Südosten des brasilianischen Bundesstaates Pará zurück. Die gross angelegte Vertreibungsaktion wurde 2024 abgeschlossen. Doch auch wenn die letzten Eindringlinge offiziell das Gebiet verlassen haben, sind die Folgen jahrzehntelanger illegaler Besiedlung und Landnahme weiterhin spürbar.

Das rund 773’000 Hektar grosse Gebiet war in den 1990er Jahren ausgewiesen und 2007 rechtskräftig anerkannt worden. Trotzdem drangen über Jahre hinweg Viehzüchter und Landspekulanten ein. Sie rodeten weite Teile des Waldes, legten Weiden an, errichteten Infrastruktur. Zwischenzeitlich entstand mitten im Schutzgebiet eine Art Dorf mit Tankstelle, Geschäften und Kirchen. Mehr als 2’000 Nicht-Indigene lebten dort, dazu Zehntausende Rinder.
Erst eine gerichtliche Anordnung aus dem Jahr 2023 setzte die systematische Räumung mehrerer indigener Gebiete in der Amazonasregion in Gang. In dem betroffenen Territorium begann die sogenannte «Desintrusão» (die behördlich angeordnete Räumung illegaler Eindringlinge aus einem offiziell anerkannten Gebiet, meist aus indigenen Territorien oder Naturschutzgebieten) im Oktober desselben Jahres. Koordiniert wurde sie von zahlreichen Bundesbehörden. Insgesamt betrafen die Massnahmen neun Gebiete, in denen rund 60’000 Indigene leben.
Der Einsatz galt als besonders angespannt. Politischer Druck und Widerstand von Grossgrundbesitzern erschwerten das Vorgehen erheblich. Ein zentrales Problem war die schiere Menge an Vieh. Während ein Grossteil der schätzungsweise 50’000 Rinder von den Besitzern selbst abgezogen wurde, blieben nach offiziellen Erhebungen noch rund 1’300 Tiere an 43 Stellen innerhalb des Territoriums zurück. Sie weiden dort bis heute illegal.
Obwohl keine unbefugten Siedler mehr im Gebiet leben, dauern die staatlichen Einsätze an. Immer wieder kommt es zu Drohungen, Einschüchterungsversuchen und bewaffneten Angriffen. Kurz nach Abschluss der Räumung wurde ein Fahrzeug der indigenen Vertretung mit Kugeln durchsiebt. Der Fahrer konnte sich nur durch die Flucht in den Wald retten. Seit der Rückgabe des Gebiets wurden mehrere Dörfer angegriffen, ein Bewohner erlitt eine Schussverletzung am Bein.
Ein besonders einschneidendes Ereignis war die Ermordung eines Viehtreibers, der im Auftrag der Umweltbehörden an der Entfernung verbliebener Rinder beteiligt war. Der 38-Jährige, Vater eines Kleinkindes, wurde während eines Einsatzes getötet.
Die Bundespolizei nahm später einen Tatverdächtigen fest, die Ermittlungen laufen unter Verschluss. Vertreter des Indigenenministeriums sprechen von einem Angriff auf den Rechtsstaat, da der Mann im Rahmen einer gerichtlichen Anordnung tätig gewesen sei. Die ökologischen Schäden sind enorm. Das Gebiet gilt als das am stärksten entwaldete indigene Territorium im Amazonasraum. Nach Daten des nationalen Weltraumforschungsinstituts erreichte die Abholzung 2022 mit 102 Quadratkilometern ihren Höhepunkt.
Nach der Räumung ging sie um mehr als 90 Prozent zurück und lag 2025 noch bei 7,5 Quadratkilometern. Für die rund 1’400 Parakanã sind das mehr als Zahlen. Jäger berichten, dass sie früher oft ohne Beute zurückkehrten, weil Lärm, Rodungen und Weideflächen die Tiere vertrieben hatten. Inzwischen seien wieder Landschildkröten, Wildschweine und Vögel zu sehen.
Indigene Organisationen werten die Räumungen grundsätzlich als wichtigen Schritt. Sie ermöglichten es den Gemeinschaften, ihre Territorien wieder selbst zu verwalten und ökologische wie kulturelle Praktiken zu sichern. Entscheidend sei jedoch eine dauerhafte staatliche Präsenz. Ohne sie drohe eine erneute Invasion.
Das Justizministerium kündigte an, die Sicherheitskräfte in der Region weiter zu verstärken. Spezialisierte Einheiten, darunter auch Drohnenpiloten, seien bereits im Einsatz, weitere Verstärkungen seien vorgesehen.
Parallel dazu arbeiten die Parakanã an einem Schutzkonzept für ihr Gebiet und suchen Partner für die Wiederherstellung der zerstörten Flächen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Wiederaufforstung. Frauen aus den Dörfern wurden bereits geschult, Samen aufzubereiten und Setzlinge zu ziehen. Es ist ein leiser, mühsamer Neubeginn auf einem Land, das sie zwar offiziell zurückerhalten haben, das aber noch lange nicht zur Ruhe gekommen ist.
