Gebiet des «Mannes aus dem Loch» soll unter vollständigen Schutz gestellt werden

Mitten im Süden des brasilianischen Bundesstaates Rondônia entsteht ein Nationalpark, der mehr ist als nur ein neues Schutzgebiet auf der Landkarte. Das Areal Tanaru, einst Lebensraum des letzten Überlebenden eines ausgelöschten indigenen Volkes, soll künftig als streng geschütztes Gebiet ausgewiesen werden. Damit reagiert der Staat verspätet auf ein Verbrechen, das nie vollständig aufgearbeitet wurde.

Eine Schutzunterkunft “Tapiri” – Foto: Archiv Funai

Nach dem Tod des Mannes, der jahrzehntelang allein in freiwilliger Isolation lebte, war das rund 8000 Hektar grosse Waldgebiet ohne klaren Status. Viehzüchter, Sojaproduzenten, Holzfäller und Goldsucher erhöhten rasch den Druck. Das Land war nie offiziell als indigenes Territorium anerkannt worden. Mit dem Tod seines letzten Bewohners schien es schutzlos.

Der Mann, der international als «Mann aus dem Loch» bekannt wurde, hatte nach dem Massaker an seinem Volk jeden Kontakt zur Aussenwelt verweigert und lebte in einem seiner Tapiri.* Seinen Beinamen erhielt er, weil er in den traditionellen Hütten, die er im Gebiet errichtete, tiefe Gruben aushob. Über 26 Jahre entzog er sich jeder Annäherung. Von 1996 bis zu seinem Tod im Jahr 2022 lebte er allein im Wald entlang des Flusses Tanaru im Einzugsgebiet des Rio Madeira.

Die geplante Einrichtung des Nationalparks der indigenen Völker von Tanaru gilt als historischer Erfolg der indigenen Bewegung. Grundlage ist eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, der auf Antrag der landesweiten Dachorganisation indigener Gemeinschaften tätig wurde. Das Verfahren zielte darauf ab, die schweren Versäumnisse des Staates im Umgang mit isolierten und erst kürzlich kontaktierten Völkern zu korrigieren.

Eine klassische Demarkierung als indigenes Territorium war rechtlich nicht mehr möglich, da heute keine Gemeinschaft mehr dort lebt. Deshalb fiel die Wahl auf die strengste Kategorie eines Schutzgebiets. In einem Nationalpark sind wirtschaftliche Nutzungen wie Bergbau, Abholzung oder intensive Landwirtschaft grundsätzlich ausgeschlossen. Forschung und naturverträglicher Tourismus bleiben unter strengen Auflagen erlaubt.

Die Verwaltung soll gemeinschaftlich erfolgen. Neben der Umweltbehörde Instituto Chico Mendes de Conservação da Biodiversidade sind die Indigenenbehörde Fundação Nacional dos Povos Indígenas sowie die Denkmalschutzbehörde Instituto do Patrimônio Histórico e Artístico Nacional eingebunden. Ziel ist ein Modell, das ökologische, kulturelle und historische Aspekte gleichermassen berücksichtigt.

Indigene Organisationen drängen darauf, im künftigen Verwaltungsrat mit verbindlicher Stimme vertreten zu sein. Sie fordern zudem ein Ausbildungs- und Erinnerungszentrum innerhalb des Parks. Dort soll an das ausgelöschte Volk erinnert und über die Geschichte staatlicher Gewalt informiert werden. Archäologische Eingriffe rund um das Grab des letzten Bewohners lehnen sie ab. Die Grabstätte selbst soll dauerhaft für Besucher gesperrt bleiben, mit einer mindestens 50 Meter breiten Schutzzone.

Der Prozess zur Parkgründung läuft seit September 2025. Nach einer öffentlichen Anhörung im Februar 2026 wird der Vorschlag nun von Umweltministerium und weiteren Ressorts geprüft. Erst danach entscheidet die Präsidentschaft per Dekret. Ursprünglich hatte die indigene Bewegung gehofft, die Unterzeichnung würde symbolträchtig am nationalen Tag der indigenen Völker (19.04.) erfolgen. Ein Termin steht bislang nicht fest.

Bis zur endgültigen Entscheidung bleibt eine bestehende Nutzungssperre in Kraft. Sie geht auf Schutzverordnungen zurück, die seit den 1990er Jahren erlassen wurden, um den letzten Überlebenden vor Eindringlingen zu schützen. Damals hatten staatliche Stellen wiederholt das Betreten des Gebiets untersagt. Dennoch kam es immer wieder zu illegalen Vorstössen.

Die Region, bekannt als Zone Sul, ist geprägt von grossflächiger Viehzucht und Sojaanbau. Seit der Militärdiktatur wurden dort Siedlungsprojekte gefördert, häufig ohne Rücksicht auf bestehende indigene Gebiete. In diesem Kontext kam es auch zum Massaker, das das Volk von Tanaru auslöschte. Der letzte Überlebende blieb zurück, ohne dass Sprache, Name oder genaue Herkunft seines Volkes dokumentiert wurden. Mit seinem Tod verschwanden unwiederbringliche Zeugnisse kultureller Identität.

Am Tag seiner Beerdigung im November 2022 drangen erneut Farmer in das Gebiet ein, sogar bis zu der Hütte, in der er bestattet wurde. Bis heute werden illegale Landnahme, Holzschlag und die Ausweitung von Weideflächen gemeldet. Umwelt- und Indigenenorganisationen warnen, dass ohne konsequente Überwachung auch ein Nationalpark auf dem Papier wenig bewirken würde.

In der brasilianischen Amazonasregion leben nach Schätzungen mindestens hundert isolierte indigene Gruppen. Sie sind das Resultat jahrhundertelanger Gewalt, Vertreibung und der fortschreitenden Zerstörung ihrer Lebensräume. Der Fall Tanaru steht exemplarisch für dieses Kapitel der Geschichte.

Mit der Umwandlung des Gebiets in einen Nationalpark soll aus einem Ort der Auslöschung ein Raum des Schutzes und der Erinnerung werden. Indigene Vertreter betonen jedoch, dass das Gebiet unabhängig von seiner künftigen rechtlichen Kategorie immer indigenes Land bleibe. Sie fordern deshalb einen doppelten Schutzstatus: als Naturschutzgebiet und als historisch anerkanntes indigenes Territorium.

Ob der neue Park tatsächlich ein wirksamer Schutzwall gegen wirtschaftliche Interessen wird, hängt nun von politischem Willen, ausreichenden Ressourcen und dauerhafter Kontrolle ab. Für viele ist klar: Die Geschichte von Tanaru darf sich nicht wiederholen.

Ein Tapiri* ist eine einfache, traditionelle Schutzunterkunft indigener Gemeinschaften im brasilianischen Amazonasgebiet. Dabei handelt es sich meist um eine kleine, offene Hütte aus Naturmaterialien wie Holzstämmen, Palmblättern und Lianen. Die Konstruktion ist schlicht: ein Gerüst aus Ästen, darüber ein Dach aus grossen Blättern, das vor Regen und Sonne schützt. Wände gibt es oft keine oder nur teilweise. Ein Tapiri ist nicht als dauerhaftes Haus gedacht, sondern als temporärer Rückzugsort im Wald.

Im Gebiet von Tanaru im Bundesstaat Rondônia wurden mehr als fünfzig solcher Tapiris dokumentiert. Der letzte Bewohner des Territoriums nutzte sie als wechselnde Wohnorte innerhalb seines Rückzugsgebiets. Charakteristisch war, dass er im Inneren vieler dieser Hütten tiefe, senkrechte Gruben aushob. Diese Gruben gaben ihm später seinen Beinamen.

Tapiris erfüllen je nach Kontext unterschiedliche Funktionen. Sie dienen als Schlafplatz, als Unterstand während der Jagd oder beim Sammeln, als Schutz in der Regenzeit oder als kurzfristiges Lager. In einigen Kulturen haben sie zusätzlich eine symbolische oder rituelle Bedeutung, etwa als Ort für bestimmte Handlungen oder als Teil territorialer Markierungen.

Im Fall von Tanaru gelten die erhaltenen Tapiris heute als sensible Zeugnisse einer ausgelöschten Kultur. Deshalb fordern indigene Organisationen, diese Orte besonders zu schützen und den Zugang stark zu begrenzen.

Original: Nicoly Ambrosio, AmazoniaReal

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