Mit Händen, die von schwarzer Farbe aus Jenipapo-Früchten bedeckt sind, führt die 26-jährige Nhak Krere Xikrin eine schmale, feine Holzleiste wie einen Pinsel über die Haut. Seit ihrer Ankunft beim Acampamento Terra Livre in Brasília in dieser Woche fällt es ihr schwer, sich auf Portugiesisch auszudrücken. Ihre Körpermalerei hingegen spricht für sich.

Wer Interesse zeigt, dem öffnet sie eine Mappe und präsentiert über 200 Motive, die Gesichter, Arme oder Beine schmücken können. Nhak Krere Xikrin lebt im Dorf Ô-Ôdja im Südosten des Bundesstaates Pará. Die Techniken hat sie von ihrer Mutter und Grossmutter gelernt. Dieses Wissen gehört der ganzen Gemeinschaft. «Meinen Töchtern werde ich es auch beibringen», sagt sie überzeugt.
Künstlerische Ausdrucksformen aus indigenen Gemeinschaften des ganzen Landes prägen die Wege des Camps. Mehr als 6000 Menschen aus allen fünf Regionen Brasiliens sind angereist. Im Zentrum stehen Forderungen nach der Umsetzung der Landdemarkationen und nach weiteren öffentlichen Massnahmen. Doch die Kunst ist dabei weit mehr als Dekoration.
Sichtbarkeit
Ob Körperbemalung mit Jenipapo-Farbe oder kunstvoll gefertigtes Handwerk, all diese Ausdrucksformen stehen für den Wunsch nach Sichtbarkeit. Sie verweisen auf überliefertes Wissen und auf eine Lebensweise, die auf Respekt gegenüber der Natur gründet. Im Bereich der kulturellen Vorführzelte erklärt eine Gruppe von Kunsthandwerkern aus dem Dorf Afukuri in der Gemeinde Querência im Bundesstaat Mato Grosso, Region Alto Xingu, dass sie ihre Arbeiten nach der Rückkehr auch über soziale Netzwerke präsentieren werden.
Die digitale Präsenz ist für viele zu einem zusätzlichen Weg geworden, ihre Kultur zu zeigen und ihre Produkte zu verkaufen. Der 40-jährige indigene Anführer Geraldo Kuikoro betont, dass das Kunsthandwerk für die 88 Familien seines Dorfes inzwischen eine wichtige Einkommensquelle darstellt.
Die traditionelle Landwirtschaft gerät zunehmend unter Druck, weil sich grosse Farmbetriebe immer weiter nähern. Pestizide gelangen bis auf die Maniokfelder der indigenen Gemeinschaft. Gleichzeitig machen sich die Folgen des Klimawandels deutlich bemerkbar. «Früher haben wir Anfang August Maniok gepflanzt, weil es in diesem Monat regelmässig geregnet hat. Heute beginnt die Regenzeit oft erst im Oktober», erklärt er.
Kunst als Identität
Die wachsende Bedrohung durch nicht indigene Eindringlinge hat dazu geführt, dass Kunst für viele Gemeinschaften mehr ist als ästhetischer Ausdruck. Der 35-jährige Kunsthandwerker Ontxa Mehinako aus dem Dorf Utawana lebt in einer Gemeinschaft mit rund 300 Menschen, von denen sich die meisten selbst als Künstler verstehen. Mit 18 Jahren begann er zu schnitzen. «Durch die Kunst erzähle ich die Geschichte meines Volkes», sagt er.
In seinen Holzarbeiten erscheinen Tiere aus der Umgebung seines Dorfes: Ameisenbären, Jaguare, Capybaras, Nasenbären, Tapire und Aras. «Wir arbeiten, um zu bewahren», erklärt er. Mit den Kunstwerken seines Volkes, darunter Matten aus Buriti-Fasern oder Kopfschmuck aus Vogelfedern, möchte er den Anliegen seiner Gemeinschaft landesweit Gehör verschaffen. «Das ist Kunst des Widerstands», sagt er.
Schutz
Die 26-jährige Kunsthandwerkerin Jaqueline Kalapalo lebt mit 52 Familien in einem Dorf im Alto Xingu in Mato Grosso. Ihr Stand liegt nahe beim Ausgang des Camps, was viele nicht indigene Besucher anzieht. Sie erkundigen sich nach ihren Ohrringen und nach einer Halskette aus Schneckenschalen, die für sie den Kreislauf des Lebens symbolisiert.
Nebenan präsentiert der 54-jährige Mazinho Naruvôtu stolz seine Werke aus Sucupira-Holz. Besonders eindrücklich sind seine Darstellungen von Falken, die er als «Häuptlinge» der Natur bezeichnet. Einige seiner Arbeiten entstehen in mehr als zwei Monaten intensiver Arbeit, vom groben Schnitzen über das Schleifen bis hin zur Bemalung.
Sie kosten über 3000 Reais. «Ich arbeite jeden Tag von 8 Uhr bis 17.40 Uhr ohne Unterbruch. Es erfüllt mich mit Stolz, euch das zu zeigen», sagt der Kunsthandwerker aus dem Indigenen Territorium Pequizal do Naruvôtu.
An unserer Seite»
Gegenüber von Mazinhos Holzskulpturen bietet die 22-jährige Raira Kamayurá Armbänder aus farbigen Garnen an, gefertigt in unterschiedlichen Mustern und Breiten. Sie freut sich, wenn auch Nicht-Indigene ihre Stücke tragen. “Jede Person, die unsere Arbeiten trägt, zeigt, dass sie in unserem Kampf an unserer Seite steht», sagt sie.”

In jedem ihrer Stücke stecken Symbole für den Schutz der Umwelt. Zugleich beklagt sie, dass nicht indigene Eindringlinge die Flüsse in der Nähe ihrer Gemeinschaft verschmutzt haben. Ihr Dorf ist nur über den Fluss oder per Flugzeug erreichbar. Um nach Brasília zu gelangen, mussten die Vertreter der Kamayurá fast eine Stunde mit dem Boot fahren, bevor sie eine Strasse erreichten.
«Noch immer gibt es Goldsucher in unserer Nähe, und das bringt viele Probleme», berichtet sie. In ihrem Dorf in Mato Grosso leben 50 Familien, die viel zu erzählen haben. Auch durch ihre Kunst».
