In seiner 22. Ausgabe steht das Acampamento Terra Livre 2026 ganz im Zeichen des Widerstands gegen den Bergbau in indigenen Gebieten und der Stärkung indigener Vertretung in der brasilianischen Politik. Aus Protest gegen gross angelegte Wirtschaftsprojekte, die traditionelle Lebensweisen und Territorien bedrohen, versammeln sich über 7’000 Indigene aus rund 200 verschiedenen Völkern in Brasília (DF).

Das Acampamento Terra Livre 2026 gilt als wichtigste landesweite Plattform für die politische Koordination indigener Gemeinschaften. Unter dem Motto „Unsere Zukunft steht nicht zum Verkauf: Wir selbst sind die Antwort“ begann die Veranstaltung am 5. April und dauert bis zum 11. April. Das Treffen findet als mehrtägige Besetzung im Eixo Cultural Ibero-Americano statt, dem früheren Sitz der Funarte.
Seit 2004 wird die jährliche Versammlung von der Articulação dos Povos Indígenas do Brasil organisiert. Im Laufe der Jahre ist das Camp zu einem Symbol des gemeinsamen Widerstands indigener Basisbewegungen aus allen Biomen und Regionen des Landes geworden. Auch wenn historische Kernforderungen wie die Anerkennung und der Schutz indigener Gebiete weiterhin präsent sind, liegt der Fokus 2026 deutlich auf dem Kampf um territoriale Rechte angesichts grossflächiger Rohstoff- und Infrastrukturprojekte.
Nach Angaben der Organisation werden Bergbauprojekte, Eisenbahn- und Wasserstrassen, Wasserkraftwerke, Strassen und Stromtrassen oft ohne freie, vorherige und informierte Konsultation umgesetzt, wie sie das Übereinkommen 169 der Internationalen Arbeitsorganisation vorschreibt. Diese Missachtung internationaler Standards steht im Zentrum der Kritik.
In der Region Médio Xingu im Bundesstaat Pará halten indigene Frauen seit 42 Tagen eine Besetzung aufrecht. Sie protestieren gegen die Wiederaufnahme eines Goldprojekts eines kanadischen Bergbauunternehmens in der Volta Grande do Xingu, in unmittelbarer Nähe ihrer Territorien. Frauen verschiedener Völker werfen dem Projekt vor, ihre Souveränität zu untergraben.
Seit dem 23. Februar besetzen sie die Regionalstelle der staatlichen Indigenenbehörde in Altamira, weil sie bei der Projektplanung nicht angehört worden seien.
Eine der führenden Stimmen der Bewegung, Angehörige des Volkes Juruna aus dem indigenen Gebiet Paquiçamba, reiste mit weiteren Vertreterinnen nach Brasília, um im Rahmen des Camps Unterstützung zu mobilisieren. Sie machte deutlich, dass der Protest nun auf nationaler Ebene sichtbar gemacht werde. Ziel sei es, die Umweltlizenz des Unternehmens aufheben zu lassen und den Fluss Xingu vor weiteren Schäden zu schützen.
Während des Camps intensivieren die Aktivistinnen ihre politische Arbeit. Sie führen Gespräche, nehmen an Plenarsitzungen teil und üben Druck auf die Bundesregierung aus, damit die Genehmigung des Projekts ausgesetzt wird. Symbolfiguren des Widerstands sind ebenfalls in Brasília präsent und verleihen dem Anliegen zusätzliche Aufmerksamkeit.
Minerallobby in der Kritik
Am 8. April stellte die Organisation den Bericht „Entlarvung der Minerallobby in indigenen Gebieten Brasiliens“ vor. Die Studie legt dar, wie Teile des Rohstoffsektors die globale Klimadebatte nutzen, um den Abbau in angestammten Gebieten zu legitimieren. Indigene Territorien würden dabei als vermeintliche „Opferzonen“ dargestellt, die im Namen der Energiewende erschlossen werden müssten.
Der Bericht thematisiert Strategien des Greenwashings grosser Bergbaukonzerne. Besonders sogenannte kritische Mineralien wie Lithium, Nickel, Kupfer und Kobalt werden häufig als unverzichtbar für Dekarbonisierung und grüne Industrialisierung präsentiert. Diese Argumentation diene jedoch dazu, die Ausweitung der Rohstoffgrenze auf ökologisch sensible und indigene Gebiete zu rechtfertigen. Tatsächlich, so die Analyse, setze sich ein koloniales Muster der Ausbeutung fort.
Die Einflussnahme der Branche erfolge koordiniert in Exekutive, Legislative und Judikative. Genannt werden unter anderem personelle Wechsel zwischen öffentlichen Ämtern und Unternehmensinteressen sowie parlamentarische Gruppen, die Gesetzesinitiativen im Sinne des Sektors vorantreiben.
Auch internationale Branchenverbände würden Investitionen in Milliardenhöhe anpreisen, während ökologische Folgekosten ausgeblendet blieben. Im Senat gilt eine eigens eingerichtete Arbeitsgruppe zum Bergbau in indigenen Gebieten als Ausdruck dieser institutionellen Verankerung. Sie soll bis Ende Mai einen Vorschlag zur Regulierung des Rohstoffabbaus in solchen Territorien vorlegen.

Eine indigene Sprecherin aus dem Amazonasgebiet betonte während einer Plenarsitzung, dass der Widerstand gegen die Ausbeutung auch verhindern solle, dass sich die Geschichte von Gewalt und Vertreibung wiederhole. Die Demarkation traditioneller Gebiete sei nachweislich der wirksamste Schutz für Umwelt und Klima. Eine Energiewende dürfe nicht auf Kosten indigener Leben stattfinden.
Protest gegen den Nationalkongress
Ein zentraler Höhepunkt war die Demonstration unter dem Motto „Kongress, Feind der Völker: Unsere Zukunft steht nicht zum Verkauf“. Tausende zogen entlang der Esplanada dos Ministérios und kritisierten Gesetzesinitiativen, die Demarkationen einschränken und wirtschaftliche Nutzung indigener Gebiete ermöglichen würden.
Nach Angaben der Organisation sind mindestens sechs Gesetzesvorhaben im Nationalkongress anhängig, die als schädlich für indigene Rechte gelten. Dazu zählt ein Verfassungsänderungsvorschlag zur sogenannten Stichtagsregelung, welche die Anerkennung von Gebieten an einen historischen Zeitpunkt knüpfen würde. Mehrere weitere Initiativen zielen darauf ab, bereits demarkierte Territorien wieder in Frage zu stellen oder die wirtschaftliche Nutzung des Untergrunds zu erlauben.
Kritisiert wird zudem, dass zentrale Schritte im Demarkationsverfahren verändert werden sollen. So könnte die abschliessende Anerkennung künftig vom Parlament abhängig gemacht werden, was politische Hürden erhöhen würde.
Demarkationen kommen nur langsam voran
Im Wahlkampf 2022 hatte der Präsident zugesichert, die Anerkennung ausstehender indigener Gebiete bis Ende 2026 zu beschleunigen. Zwischen Januar 2023 und April 2026 wurden jedoch lediglich 20 Territorien offiziell homologiert. Gleichzeitig warten laut einer Liste der Organisation noch 76 Gebiete auf den letzten formellen Schritt, während 110 weitere bereits entscheidende Verwaltungsphasen durchlaufen haben.
Vertreterinnen indigener Organisationen äusserten den Wunsch, dass künftige Ausgaben des Camps nicht mehr von unerfüllten Demarkationsforderungen geprägt sein müssten, sondern von erreichten Garantien.
Stärkung der „Bancada do Cocar“
Ein weiteres zentrales Anliegen ist die stärkere politische Vertretung indigener Kandidatinnen und Kandidaten bei den Wahlen 2026. Durch Vorträge, Debatten und Mobilisierungen soll die sogenannte „Bancada do Cocar“ (Bancada do Cocar lässt sich wörtlich als „Kopfschmuck-Fraktion“ oder freier als „indigene Parlamentsfraktion“) übersetzen.

Erstmals sollen indigene Kandidaturen proportional Zugang zu Wahlkampffinanzierung und Sendezeit erhalten. Zudem fordert die Bewegung Quotenregelungen, ähnlich wie sie bereits für Frauen und Schwarze gelten. Ziel ist es, in Parlamenten und Institutionen genügend Einfluss zu gewinnen, um grundlegende Rechte zu sichern und die Zukunft indigener Territorien politisch abzusichern.
In diesem Zusammenhang kam es zu personellen Veränderungen in der Bundesregierung. Die bisherige Ministerin für indigene Völker legte ihr Amt nieder, um bei den Wahlen 2026 anzutreten. Ihre Nachfolge übernahm ein indigener Jurist mit Erfahrung in Verfahren vor nationalen und internationalen Gerichten. Auch an der Spitze der staatlichen Indigenenbehörde wurde eine neue Präsidentin ernannt. Mehrere indigene Abgeordnete kündigten ebenfalls an, erneut zu kandidieren.
Das Acampamento Terra Livre 2026 zeigt damit nicht nur Widerstand gegen konkrete Projekte, sondern auch eine strategische Neuausrichtung. Neben Protest und juristischen Auseinandersetzungen setzt die Bewegung verstärkt auf institutionelle Präsenz. Der Kampf um Territorien, Umwelt und Selbstbestimmung wird zunehmend auch innerhalb der politischen Strukturen geführt.
Original: Nicoly Ambrosio, AmazoniaReal
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