Als die Zahlen veröffentlicht wurden, war das Leben längst dabei, sich zu behaupten. Im Oktober 2025 gab das brasilianische Statistikamt bekannt, dass es im Land mehr indigene Völker gibt als bisher angenommen. Unter den 86 neu identifizierten Gruppen tauchte ein Name nach Jahrzehnten der Stille wieder auf: das Volk der Lanawa.

Hinter der Zahl von 64 Menschen verbirgt sich eine unterbrochene Geschichte. Und zugleich eine, die wieder aufgenommen wird. Über Jahre hinweg lebte dieses Volk ausserhalb offizieller Erfassung, in die Unsichtbarkeit gedrängt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Epidemien, erzwungene Vertreibungen und die Last von Vorurteilen.
Um zu überleben, sahen sich viele gezwungen, ihre Identität zu verbergen oder sogar abzulehnen. Sie hörten auf, ihre Sprache zu sprechen, ihre Rituale zu leben, sich als Teil einer Gemeinschaft zu begreifen. Und doch blieb etwas bestehen. Bewahrte Samen, leise weitergegebene Erinnerungen, familiäre Bindungen, Lebensweisen, die die Zeit überdauerten, ohne einen offiziellen Namen zu tragen.
Die Geschichte der Lanawa beginnt mit dem Zusammenfinden von Überlebenden der Völker Bahuana und Ciriano. Beide litten unter Gelbfieber, fanden jedoch entlang des Flusses Demini, eines Nebenflusses des Rio Negro im Amazonasgebiet, neue Wege, ihr Leben zu ordnen. Inmitten von Bewegungen und Bündnissen entstand dort eine neue Identität. Nicht als Bruch, sondern als mögliche Fortsetzung.
Heute hat diese Kontinuität ein Gesicht und einen Namen. Die Anführerin Alvanira Soares Palmela setzt sich dafür ein, die Kultur ihres Volkes lebendig zu halten. Ihr Name in ihrer eigenen Sprache, „Binwa“, bedeutet „Tapir“. Passender könnte es kaum sein, denn dieses Tier gilt als „Gärtner“ des Waldes und spielt eine wichtige Rolle für das Gleichgewicht und die Erneuerung der Ökosysteme.
Mit 54 Jahren führt sie Familien ihres Volkes, die ausserhalb des traditionellen Territoriums leben, in der Gemeinschaft Maku-Itá, in Novo Airão, in der Region Anavilhanas am Rio Negro, rund 195 Kilometer von Manaus entfernt. Dort, zwischen Häusern, Feldern und Pfaden, wird Identität im Alltag gepflegt. Sie wird gesät, genährt und weitergetragen.
Der Kampf ist auch ein persönlicher. Ihre Mutter, eine der letzten direkten Nachfahrinnen der Ursprünge dieses Volkes, zeigt inzwischen Anzeichen von Alzheimer. Mit 82 Jahren lebt sie im Haus der Anführerin, doch die Erinnerungen, die zur Geschichte der Lanawa beitragen könnten, schwinden. Bekannt ist, dass sie schon als Kind aus ihrer Familie herausgerissen und in ein Kloster gebracht wurde, wo sie jahrelang fern ihrer eigenen Kultur lebte.
Auch die wiederholten Ortswechsel haben Spuren hinterlassen. Sie führten dazu, dass Gegenstände und Bräuche verloren gingen. In dem Gebiet, das sie heute bewohnen, erinnert nur noch ein einziges Objekt an das frühere Leben am Fluss Demini: ein hölzerner Mörser, gezeichnet mehr von der Zeit als vom Gebrauch.
Doch das Vergessen gehört nicht nur der Vergangenheit an. Dieser Prozess zieht sich durch Generationen. Von den Kindern der Anführerin hält nur eine Tochter die Traditionen des Volkes aufrecht. Adriane Lanawa ist stellvertretende Anführerin und lebt vom gemeindebasierten Tourismus. Sie trägt dazu bei, Besucherinnen und Besuchern einen Einblick in die Geschichte ihres Volkes zu geben.
Die anderen Kinder wuchsen zwischen Stadt, Schule und Kirchen auf, in denen traditionelles Wissen mitunter als falsch oder gar als „Sünde“ bezeichnet wurde. Der Bruch ist kein Einzelfall, sondern Teil eines grösseren Prozesses, der Körper, Territorien und auch das Denken prägt.
Die Anerkennung im Zensus ist ein Meilenstein, doch sie markiert nicht den Anfang dieser Geschichte. Lange bevor sie in den Statistiken auftauchten, kämpften die Lanawa darum, ihre Existenz zu behaupten. Weniger in Dokumenten oder vor Gericht als im Alltag selbst lebt und besteht diese Identität.
Denn in einem Kontext von Jahrhunderten der Kolonisierung war Existenz nie selbstverständlich. Sie musste gepflanzt werden. Und ihr Fortbestehen verlangt stetige Aufmerksamkeit und Pflege. Wie etwas, das weiterwächst, obwohl es immer wieder beschnitten und beinahe mit der Wurzel ausgerissen wurde.
Original: Raphael Alves, AmazoniaReal
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