Wenn Sprachen verstummen, verstummt die Welt – und wie wir sie wieder hörbar machen

Im Jahr 2019 bekam das Anliegen, indigene Sprachen zu schützen, zu stärken und wiederzubeleben, weltweite Aufmerksamkeit. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen erklärte die Jahre von 2022 bis 2032 zur Internationalen Dekade der indigenen Sprachen. Damit wurde anerkannt, wie wichtig diese Sprachen nicht nur für die Gemeinschaften selbst sind, sondern auch für das kulturelle Erbe der gesamten Menschheit.

Indigene Sprachen durch Multimedia stärken – Grafik erstellt mithilfe einer KI

Ziel dieser Initiative ist es, das Bewusstsein dafür zu schärfen, welche Rolle indigene Sprachen für das Leben und Wohlbefinden vieler Völker spielen. Gleichzeitig soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass ein grosser Teil der weltweit rund 7’600 Sprachen (Brasilien hat aktuell rund 200 Sprachen) gefährdet ist. Viele von ihnen werden nur noch innerhalb einzelner Gemeinschaften als Muttersprache weitergegeben und könnten in naher Zukunft verschwinden, wenn keine Gegenmassnahmen ergriffen werden

Indigene Sprachen tragen mehr als nur Wörter. Sie tragen Erinnerungen, Wege durch den Wald, die Namen der Flüsse, die Stimmen der Ahnen. Wenn eine Sprache verstummt, verschwindet nicht nur eine Art zu sprechen, sondern eine ganze Weise, die Welt zu verstehen. In den letzten Jahren ist weltweit deutlicher geworden, wie dringend es ist, diese Stimmen zu bewahren.

Der internationale Rahmen, der diesem Anliegen nun mehr Gewicht gibt, hat vielen Gemeinschaften Rückenwind verschafft. Doch für uns ist das keine neue Einsicht. Wir wissen seit Generationen, was auf dem Spiel steht. Viele der Sprachen stehen am Rand des Verschwindens. In manchen Dörfern sprechen nur noch die Ältesten die Sprache ihrer Kindheit.

Mit ihnen droht ein Wissen zu gehen, das sich nicht einfach übersetzen lässt. Es geht um Heilpflanzen, um das Verhalten von Tieren, um den Rhythmus der Jahreszeiten, um Rituale, die Körper und Gemeinschaft zusammenhalten. Dieses Wissen ist nicht isoliert, es lebt in der Sprache selbst.

Untersuchungen aus verschiedenen Regionen der Welt zeigen, wie eng Sprache und Wissen verbunden sind. Ein grosser Teil des Wissens über Heilpflanzen ist jeweils an eine einzige Sprache gebunden. Wenn diese Sprache verloren geht, verschwindet oft auch das Wissen, selbst wenn die Pflanzen weiterhin existieren. Das bedeutet, dass der Verlust von Sprachen manchmal tiefgreifendere Folgen hat als der Verlust von Arten.

Auch in den Wäldern, die viele von uns Heimat nennen, ist diese Bedrohung spürbar. Dort lebt eine grosse Vielfalt an Völkern und Sprachen, doch der Druck von aussen wächst: wirtschaftlich, ökologisch, sozial. Viele Gemeinschaften kämpfen gleichzeitig um ihr Land und um ihre Stimme. Die Zahlen zur sprachlichen Vielfalt schwanken, je nachdem, wie gezählt wird. Manche Sprachen leben nur noch in der Erinnerung, andere werden gerade erst wiederbelebt.

In dieser Situation entstehen neue Wege, altes Wissen zu bewahren. Einer davon sind Wörterbücher, die nicht mehr nur aus gedruckten Seiten bestehen. Sie sprechen, zeigen, erinnern. In ihnen hört man die Aussprache, sieht Gesten, erkennt den Zusammenhang, in dem ein Wort lebt. Solche Werkzeuge entstehen oft in Zusammenarbeit zwischen Gemeinschaften und Forschenden, doch entscheidend ist, dass die Stimmen der Sprecherinnen und Sprecher selbst im Zentrum stehen.

Diese digitalen Wörterbücher enthalten Tonaufnahmen, Bilder und Videos. Sie zeigen nicht nur, wie ein Wort klingt, sondern auch, wie es gebraucht wird. Ein Begriff für eine Pflanze steht nicht allein, sondern eingebettet in Geschichten, in Heilmethoden, in den Alltag. So wird das Wörterbuch zu mehr als einem Nachschlagewerk. Es wird zu einem Ort des Weitergebens.

Auch die Technik findet langsam ihren Weg in abgelegene Regionen. Smartphones und Computer sind nicht überall selbstverständlich, aber sie sind zunehmend Teil des Alltags. Das eröffnet neue Möglichkeiten, besonders für junge Menschen, die zwischen Welten aufwachsen. Sie können die Sprache ihrer Grosseltern hören, üben und weitertragen, auch wenn sie nicht jeden Tag mit ihnen zusammen sind.

Doch Technik allein reicht nicht. Eine Sprache lebt nur, wenn sie gesprochen wird, wenn Kinder sie lernen, wenn sie im Alltag Platz hat. Die digitalen Werkzeuge können unterstützen, aber sie ersetzen nicht das Gespräch am Feuer, das gemeinsame Lachen, das Erzählen.
Was heute entsteht, ist ein Versuch, beides zu verbinden: die alten Wege des Weitergebens und die neuen Möglichkeiten der Dokumentation. Es ist kein einfacher Weg, aber ein notwendiger. Denn jede Sprache, die weiterlebt, hält ein Stück Welt lebendig.

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