Gesundheitsfachkräfte überwinden enorme Hürden bei Impfkampagnen in indigenen Gebieten

Im Zuständigkeitsbereich des Sonderbezirks für indigene Gesundheit Alto Rio Purus, einer dezentralen Einheit des brasilianischen Gesundheitssystems SUS, leben rund 11’000 Angehörige der indigenen Völker Apurinã, Jamamadi, Jaminawa, Kaxarari, Kaxinawá, Huni Kuin, Madiha, Kulina und Manchineri.

Impfung der Indigenen in den Dörfern – Foto: Marcelo Seabra/AgenciaPara

Die Region umfasst 155 Dörfer mit jeweils zwischen 30 und 300 Einwohnern. Dort werden Sprachen aus drei unterschiedlichen Sprachfamilien gesprochen, teils neben Portugiesisch, teils als einziges Verständigungsmittel innerhalb der Gemeinschaften.

Die Wege in die abgelegenen Regionen sind oft beschwerlich. Je nach Lage der Dörfer im Bundesstaat Acre, Amazonas oder Rondônia gelangen die Teams bei gutem Wetter mit Geländewagen oder Boot ans Ziel. Verschlechtern sich die Bedingungen, bleiben häufig nur Quads, kleine Boote oder Helikopter als Transportmittel.

Hinzu kommen kulturelle Besonderheiten. Die Gesundheitsversorgung ist dezentral organisiert und orientiert sich an den Traditionen und Überzeugungen der jeweiligen Gemeinschaften. Wer dort arbeitet, muss die sozialen Strukturen genau kennen. Manche Gruppen treffen Entscheidungen gemeinschaftlich und verlangen lange Gespräche, bevor medizinische Massnahmen akzeptiert werden. Andere sind politisch streng hierarchisch organisiert. Absprachen mit den falschen Autoritäten können dazu führen, dass Vereinbarungen später keinerlei Gültigkeit mehr haben.

Für die Gesundheitsdienste bedeutet das: Ohne kulturelles Verständnis funktioniert selbst die beste Impfstrategie nicht. Trotz aller Hindernisse erreichen die mobilen Teams die Dörfer regelmässig. Da es unmöglich ist, in jeder Siedlung eine feste Gesundheitsstation zu betreiben, dienen regionale Basisstationen als Ausgangspunkt. Von dort aus brechen die Fachkräfte zu oft wochenlangen Einsätzen auf und verbringen bis zu 40 Tage unterwegs.

Die Isolation der Gemeinden erschwert nicht nur die Anreise, sondern auch die Lagerung der Impfstoffe. Die Präparate müssen konstant zwischen zwei und acht Grad gekühlt werden, damit sie wirksam bleiben. Gefrieranlagen auf Booten, Kühlboxen und Eisbehälter sichern die Kühlkette während der gesamten Reise.

Grundlage jeder Impfkampagne ist ein detailliertes Impfregister. Darin sind sämtliche Familien der Region erfasst. Die Teams prüfen vor jeder Reise genau, wer welche Impfung benötigt und wie viele Dosen in jedes Dorf transportiert werden müssen. Geimpft wird meist an zentralen Treffpunkten innerhalb der Gemeinden. Falls nötig, gehen die Fachkräfte jedoch auch von Haus zu Haus und suchen gezielt Personen auf, die Termine verpasst haben.

Die Planung solcher Einsätze verlangt äusserste Präzision. Anders als in Städten, wo Menschen Gesundheitszentren aufsuchen, müssen Impfstoffe in den indigenen Gebieten zu den Menschen gebracht werden. Jede Route wird deshalb im Voraus genau kalkuliert: Dauer der Transporte, verfügbare Kühltechnik und Wetterbedingungen entscheiden darüber, ob ein Einsatz gelingt.

Anfang Mai trafen sich in Rio Branco im Bundesstaat Acre Gesundheitsfachkräfte zu einer Schulung für Einsätze in indigenen und schwer erreichbaren Regionen. Dort wurden aktuelle technische Richtlinien zur Lagerung, Verabreichung und Entsorgung von Impfstoffen vermittelt. Ebenso wichtig war jedoch die Kommunikation mit der Bevölkerung.

Teil der Ausbildung waren deshalb auch Grundlagen der Immunologie und Informationen über mögliche Nebenwirkungen von Impfungen. Fachkräfte sollen erklären können, weshalb Reaktionen nach einer Impfung auftreten und warum sie meist Teil eines Schutzmechanismus gegen deutlich schwerere Erkrankungen sind.

Impfung der Indigenen in den Dörfern – Foto: Marcelo Seabra/AgenciaPara

Besonders entscheidend sei dabei die Art der Kommunikation. In indigenen Gebieten lasse sich medizinische Versorgung nicht einfach anordnen. Stattdessen setzen die Teams auf Gesprächsrunden mit den Dorfgemeinschaften, in denen erklärt wird, wie Impfstoffe wirken und weshalb bestimmte Krankheiten für die Bevölkerung ein erhöhtes Risiko darstellen.

Organisiert wird die Schulung vom Pharmaunternehmen MSD, das mehrere Impfstoffe für das brasilianische Impfprogramm liefert. Ziel sei es, medizinische Standards auch in abgelegenen Regionen zu vereinheitlichen und gleichzeitig an die lokalen Gegebenheiten anzupassen.

Das brasilianische Impfprogramm gehört zu den umfangreichsten weltweit und umfasst inzwischen mehr als 20 Impfstoffe. Laufend kommen neue Präparate hinzu, zuletzt gegen Denguefieber und das Respiratorische Synzytial-Virus. Für besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen wie indigene Gemeinschaften gelten teilweise eigene Impfpläne. So werden sie jährlich unabhängig vom Alter gegen Influenza und Covid-19 geimpft.

Wie wichtig diese Massnahmen sind, zeigte sich im vergangenen Jahr während einer extremen Dürre im Amazonasgebiet. Wegen des niedrigen Wasserstands konnten selbst Gesundheitsboote viele Orte nicht mehr erreichen. In einem Dorf kam es daraufhin zu einem Influenza-Ausbruch, bei dem zwei Kinder starben.

Daraufhin organisierten Behörden und Gesundheitsdienste einen Notfalleinsatz. Impfstoffe wurden per Flugzeug in die Region gebracht, medizinische Teams aus anderen Stützpunkten zusammengezogen und die letzten Wege mit kleinen Holzkanus zurückgelegt. Ziel war es, eine weitere Ausbreitung zu verhindern, denn in isolierten Gemeinden kann ein solcher Ausbruch verheerende Folgen haben.

Neben Influenza und Covid-19 werden indigene Bevölkerungsgruppen, Flussgemeinschaften und ländliche Regionen inzwischen auch gegen Tollwut geimpft. Das Risiko einer Infektion nach Bissen von Wildtieren gilt dort als besonders hoch.

Für viele Gesundheitsfachkräfte bedeutet die Arbeit enorme persönliche Belastungen. Sie verbringen oft mehr als einen Monat fern von ihren Familien und reisen tagelang über Flüsse und unwegsames Gelände. Dennoch beschreiben viele ihre Einsätze als zutiefst erfüllend.

Wer in den indigenen Territorien arbeite, sei dort immer Gast, sagt eine Teilnehmerin der Schulung. Deshalb brauche es Respekt gegenüber den Lebensweisen der Gemeinschaften. Eine Impfung sei dort weit mehr als nur eine medizinische Massnahme. Sie bedeute die Chance auf ein gesundes und sicheres Leben.

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