Blutige Schatten über dem Amazonas: Zahl ermordeter Indigener verdoppelt sich

Die Gewalt gegen indigene Gemeinschaften im brasilianischen Amazonasgebiet hat eine neue, erschütternde Dimension erreicht. Was seit Jahren als schwelender Konflikt in den Tiefen des Regenwaldes gärt, entwickelt sich zunehmend zu einer humanitären Krise. Der jüngst veröffentlichte Atlas der Gewalt 2026 zeichnet ein düsteres Bild: Im Bundesstaat Amazonas hat sich die Zahl der ermordeten Indigenen innerhalb eines einzigen Jahres verdoppelt.

Infografik zu Gewalt gegen Indigene – Grafik mithilfe einer KI erstellt

Die Studie, die vom Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (Ipea) und dem Brasilianischen Forum für Öffentliche Sicherheit (FBSP) vorgestellt wurde, zeigt einen dramatischen Anstieg der tödlichen Gewalt. Während im Jahr 2023 noch 36 indigene Menschen Opfer von Tötungsdelikten wurden, waren es 2024 bereits 73. Hinter diesen Zahlen stehen Familien, Dörfer und Kulturen, die zunehmend unter Druck geraten.

Nach Einschätzung der Forschenden ist die Eskalation eng mit dem Vordringen organisierter Kriminalität in entlegene Regionen des Amazonas verbunden. Kriminelle Netzwerke, darunter auch das berüchtigte Primeiro Comando da Capital (PCC), kämpfen um die Kontrolle über traditionelle indigene Gebiete. Im Zentrum stehen lukrative illegale Geschäfte wie Goldabbau, Holzraub, Drogenhandel und weitere Umweltverbrechen. Gleichzeitig verschärfen jahrzehntealte Landkonflikte und der wachsende Druck auf geschützte Territorien die Lage zusätzlich.

Besonders alarmierend ist die Entwicklung der Gewaltquote. Die Zahl der Tötungsdelikte gegen Indigene stieg im Bundesstaat Amazonas von 21,4 auf 47,8 Fälle pro 100’000 Einwohner. Dies entspricht einer Zunahme von mehr als 123 Prozent innerhalb eines Jahres. Damit zählt die Region inzwischen zu den gefährlichsten Orten Brasiliens für die ursprünglichen Völker des Landes.

Die Tragweite dieser Entwicklung wird noch deutlicher, wenn man die Bevölkerungsstruktur betrachtet. Laut der letzten Volkszählung leben im Bundesstaat Amazonas rund 491’000 Menschen, die sich als indigene Angehörige deklarieren. Das entspricht beinahe einem Drittel der gesamten indigenen Bevölkerung Brasiliens.

Doch die Krise beschränkt sich nicht auf Amazonas. Über die gesamte Nordregion hinweg, zu der auch Acre, Amapá, Rondônia, Roraima und Pará gehören, verdichten sich die Anzeichen eines systematischen Versagens beim Schutz indigener Gemeinschaften. Die Region ist geprägt von territorialen Konflikten, illegalem Bergbau, Drogenhandel und ökologischen Auseinandersetzungen, die sich immer häufiger direkt auf traditionellem indigenem Land abspielen.

In Roraima erreichte die Mordrate unter Indigenen 2024 erschreckende 172,9 Tötungsdelikte pro 100’000 Einwohner. Zwar liegt dieser Wert unter dem Rekordniveau von 246,4 im Vorjahr, dennoch gehört er weiterhin zu den höchsten des Landes. Insgesamt wurden dort 60 indigene Menschen ermordet.

Auch Acre verzeichnete einen deutlichen Anstieg. Die Zahl der getöteten Indigenen verdoppelte sich von drei auf sechs Fälle. Pará hingegen bildet eine seltene Ausnahme. Dort ging die Mordrate über einen Zeitraum von zehn Jahren deutlich zurück. Dennoch warnen Forschende davor, diesen Trend als endgültige Entspannung zu interpretieren. Die Gewaltentwicklung bleibe fragil und könne jederzeit wieder an Dynamik gewinnen.

Der Anthropologe Frederico Augusto Barbosa da Silva, einer der Autoren der Studie, weist darauf hin, dass jede Region ihre eigenen Konfliktmuster aufweist. Während in Roraima insbesondere der illegale Goldabbau als Brandbeschleuniger wirkt, sei es im Amazonas vor allem die jüngste Expansion krimineller Organisationen, die die Gewalt antreibe. Die unterschiedlichen Ursachen verlangten daher auch unterschiedliche Lösungsansätze.

Tatsächlich wurden Verbindungen zwischen kriminellen Gruppierungen und illegalen Goldminen bereits vor Jahren dokumentiert. Besonders das Gebiet der Yanomami geriet dadurch immer stärker unter Druck. Dort führten die Aktivitäten illegaler Goldsucher nicht nur zu Umweltzerstörung und Krankheiten, sondern auch zu einer zunehmenden Militarisierung des Konflikts.

Angesichts der eskalierenden Lage unterzeichneten das Ministerium für Indigene Völker, das Justizministerium und die Nationale Stiftung für Indigene Völker (Funai) im Mai eine gemeinsame Vereinbarung zur Bekämpfung organisierter Kriminalität in indigenen Gebieten. Das Programm „Sicheres Territorium, souveräner Amazonas“ soll zunächst mit umgerechnet rund 209 Millionen Reais ausgestattet werden und konzentriert sich auf besonders gefährdete Regionen in mehreren Bundesstaaten.

Der Minister für Indigene Völker, Eloy Terena, betonte dabei die Verantwortung des brasilianischen Staates. Indigene Territorien seien öffentliches Eigentum der Nation und müssten entsprechend geschützt werden. Indigene Organisationen warnen jedoch, dass Sicherheitsmassnahmen allein nicht ausreichen werden. Die Dachorganisation der Indigenen Völker des brasilianischen Amazonasgebiets (Coiab) beschreibt eine Realität permanenter Bedrohung.

Viele Gemeinschaften lebten unter dem Druck von Landinvasionen, Einschüchterungen, Verfolgung und systematischen Rechtsverletzungen. Ursache seien mangelnde staatliche Kontrolle und die oftmals jahrelange Verzögerung bei der offiziellen Anerkennung indigener Territorien.

Wie brutal diese Gewalt sein kann, zeigt das Schicksal von Tadeo Madija Kulina. Der Angehörige des Kulina-Volkes war Anfang 2024 gemeinsam mit seiner hochschwangeren Ehefrau aus einem abgelegenen Dorf nach Manaus gereist. Das Paar sprach kein Portugiesisch und kannte die Millionenstadt nicht. Wenige Tage nach seiner Ankunft verschwand Tadeo spurlos.

Seine Angehörigen suchten verzweifelt nach ihm. Schliesslich fanden sie seinen Leichnam im Institut für Rechtsmedizin von Manaus. Er war zu Tode geprügelt worden. Der Fall löste landesweit Bestürzung aus und wurde später auf Druck der öffentlichen Verteidigung erneut untersucht. Für viele indigene Gemeinschaften steht das Verbrechen symbolisch für eine Gewalt, die oft unsichtbar bleibt und deren Opfer nur selten Gerechtigkeit erfahren.

Trotz eines langfristigen Rückgangs der Gewalt seit 2014 warnen die Forschenden vor vorschnellem Optimismus. Die Mordrate unter Indigenen liegt weiterhin deutlich über dem brasilianischen Durchschnitt. Im Jahr 2024 wurden landesweit 24,6 indigene Menschen pro 100’000 Einwohner ermordet. Die nationale Durchschnittsrate lag bei 20,1.

Nach Ansicht von Frederico Augusto Barbosa da Silva reicht die Erklärung dafür weit in die Vergangenheit zurück. Jahrzehntelange politische Entscheidungen hätten Schutzmechanismen geschwächt und indigene Rechte untergraben. Die Folgen dieser Entwicklung seien bis heute spürbar und hätten insbesondere in den Jahren 2022 und 2023 eine neue Welle der Gewalt begünstigt.

Die Studie konzentriert sich dabei vor allem auf Konflikte innerhalb indigener Territorien. Dort treffen Landraub, illegaler Bergbau, Umweltkriminalität und wirtschaftliche Interessen auf Gemeinschaften, deren Lebensgrundlagen unmittelbar vom Schutz ihres Landes abhängen.

Die zentrale Erkenntnis des Berichts ist ebenso klar wie beunruhigend: Trotz staatlicher Initiativen und wachsender internationaler Aufmerksamkeit bleibt das Risiko, als indigener Mensch in Teilen des Amazonas Opfer tödlicher Gewalt zu werden, deutlich höher als für die übrige Bevölkerung.

Hinter den Statistiken verbirgt sich ein Kampf um Land, Ressourcen und Macht, dessen Frontlinien immer tiefer in das Herz des grössten Regenwaldes der Erde vordringen. Und für viele indigene Gemeinschaften stellt sich längst nicht mehr die Frage, ob die Gewalt ihre Dörfer erreicht, sondern wann.

Original: Nicoly Ambrosio, AmazoniaReal

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