Gerechtigkeit nach 40 Jahren – Ein historischer Moment für die Avá-Canoeiro

Jahrzehnte nach dem Ende der Militärdiktatur hat der brasilianische Staat einen weiteren Schritt zur Aufarbeitung seiner Vergangenheit unternommen. In einer bewegenden Sitzung (02.07. 2026) der brasilianischen Amnestiekommission bat die Regierung das indigene Volk der Avá-Canoeiro vom Araguaia offiziell um Vergebung. Damit anerkannte der Staat erstmals ausdrücklich die schweren Menschenrechtsverletzungen, denen die kleine Volksgruppe während der Militärdiktatur zwischen 1964 und 1985 ausgesetzt war.

Ava-Canoeiro – Foto: Screenshot-Video

Für die heute auf weniger als 40 Menschen geschrumpfte Gemeinschaft bedeutet diese Entschuldigung weit mehr als eine symbolische Geste. Die Amnestiekommission des Ministeriums für Menschenrechte und Staatsbürgerschaft erklärte die Avá, wie das Volk ebenfalls genannt wird, zu kollektiv politisch Verfolgten. Die Präsidentin der Kommission, die pensionierte Bundesanwältin Ana Maria Lima de Oliveira, richtete sich direkt an die anwesenden Vertreter der Gemeinschaft.

Im Namen des brasilianischen Staates bat sie um Verzeihung für die Gräueltaten, die das diktatorische Regime den Avá-Canoeiro zugefügt habe. Gleichzeitig würdigte sie ihren jahrzehntelangen Widerstand und ihren Überlebenswillen. Ihr Kampf sei nicht vergeblich gewesen, erklärte sie vor den Angehörigen des Volkes, die eigens zur Sitzung nach Brasília gereist waren.

Die kollektive politische Amnestie ist in Brasilien ein vergleichsweise neues Instrument. Sie erkennt offiziell an, dass staatliche Behörden während der Militärherrschaft gezielt Gemeinschaften, soziale Bewegungen und ethnische Gruppen aus politischen Gründen verfolgt und in ihren Rechten verletzt haben. Nach Angaben des Menschenrechtsministeriums soll dieses Verfahren nicht nur historische Verantwortung übernehmen, sondern auch zur Wiedergutmachung beitragen und das demokratische Bekenntnis des Landes zu den Menschenrechten stärken.

Seit Einführung dieser Möglichkeit im Jahr 2023 wurden bereits mehrere Gemeinschaften rehabilitiert. Neben den Avá-Canoeiro erhielten unter anderem die indigenen Völker der Krenak und Guarani-Kaiowá, die Kaiowá aus dem Indigenengebiet Sucurui’y, während des Zweiten Weltkriegs verfolgte japanische Einwanderer und ihre Nachkommen, eine Bauernvereinigung aus Pedra Lisa, die Föderation der Favela-Vereinigungen des Bundesstaates Rio de Janeiro sowie die damalige chinesische diplomatische Mission entsprechende Anerkennungen.

Besonders belastend fällt der Bericht aus, auf den sich die Entscheidung der Kommission stützt. Der Berichterstatter Manoel Severino Moraes de Almeida verweist auf Dokumente der brasilianischen Indigenenbehörde Funai, die ein erschütterndes Bild zeichnen. Bereits zwischen den 1940er- und 1960er-Jahren seien die Avá-Canoeiro immer wieder Opfer brutaler Übergriffe von Grossgrundbesitzern geworden, welche die indigene Bevölkerung als Hindernis für die Ausweitung der Landwirtschaft betrachteten.

Nach einer Reihe von Massakern richtete die Funai 1971 eine sogenannte Kontaktfront ein. Offiziell sollte sie das Volk befrieden, tatsächlich seien dabei jedoch Methoden angewandt worden, die eher einer Verfolgung als einem Schutz entsprachen. Laut dem Bericht wurden Angehörige der Gemeinschaft aufgespürt, öffentlich herabgewürdigt, überwacht und gegen ihren Willen umgesiedelt. Dadurch verschärfte sich ihre ohnehin prekäre Situation zusätzlich.

Besonders schwer wog die Zwangsumsiedlung auf die Ilha do Bananal im Bundesstaat Tocantins. Dort mussten die Avá-Canoeiro als kleine Minderheit mit den Javaé zusammenleben, einem Volk, das seit langer Zeit als ihr historischer Rivale gilt. Nach Einschätzung des Berichterstatters führte diese Entscheidung zu einer dauerhaften sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ausgrenzung der Avá-Canoeiro. Die Folgen seien bis heute spürbar und hätten ihre traditionelle Lebensweise sowie ihre gesellschaftliche Organisation nachhaltig beschädigt.

Im Zuge der Entscheidung übernahm die Kommission zudem Empfehlungen der Bundesstaatsanwaltschaft. Dazu gehört insbesondere der Abschluss der Räumung nicht indigener Siedler aus dem rund 29’000 Hektaren grossen indigenen Gebiet Taego Ãwa am mittleren Lauf des Araguaia-Flusses im Bundesstaat Tocantins. Das Gebiet wurde erst 2016 offiziell als traditionelles Siedlungsgebiet der Avá-Canoeiro anerkannt. Die vollständige Umsetzung dieser Anerkennung steht jedoch weiterhin aus.

Den emotionalsten Moment der Sitzung prägte Kamutaja Silva Ãwa, Präsidentin der Vereinigung des Ãwa-Volkes. Sichtlich bewegt bezeichnete sie die Entscheidung als historischen Meilenstein. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass eine offizielle Entschuldigung die jahrzehntelangen Leiden nicht ungeschehen machen könne.

Sie schilderte ihre Kindheit ausserhalb des angestammten Territoriums und sprach von Hunger, Ausgrenzung und alltäglicher Diskriminierung. Es sei schmerzhaft gewesen, als indigene Schülerin in einer von Nicht-Indigenen geprägten Umgebung aufzuwachsen und ständig Ablehnung zu erfahren. Besonders eindrücklich beschrieb sie das Schicksal ihrer Mutter Kawkamy Ãwa, die als Angehörige der älteren Generation unter den Folgen der Gewalt bis heute leide.

Ihr sei eine unbeschwerte Kindheit genommen worden, zudem sei sie Opfer körperlicher Gewalt geworden. Diese traumatischen Erfahrungen würden bis heute an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Trotz der offiziellen Anerkennung übte Kamutaja deutliche Kritik am brasilianischen Staat. Die Entschuldigung sei zwar wichtig, ändere jedoch nichts an den aktuellen Schwierigkeiten. Noch immer scheitere ihr Volk regelmässig an bürokratischen Hürden, wenn es um den Zugang zu öffentlichen Leistungen gehe.

Da die Avá-Canoeiro die kleinste indigene Gemeinschaft im Bundesstaat Tocantins sind, würden Anträge häufig mit der Begründung abgelehnt, ihre Bevölkerungszahl sei zu gering. Gerade darin sieht sie einen bitteren Widerspruch: Ein Volk, das durch jahrzehntelange Verfolgung nahezu ausgelöscht wurde, werde heute erneut durch staatliche Vorschriften benachteiligt.

Die offizielle Bitte um Vergebung markiert deshalb zwar einen wichtigen historischen Schritt. Sie zeigt, dass Brasilien bereit ist, sich mit den dunkelsten Kapiteln seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Gleichzeitig macht der Fall der Avá-Canoeiro deutlich, dass Anerkennung allein nicht genügt.

Solange indigene Gemeinschaften trotz verfassungsmässiger Rechte weiterhin mit bürokratischen Hindernissen, unvollständigem Landrechtsschutz und eingeschränktem Zugang zu staatlichen Leistungen kämpfen müssen, bleibt die historische Aufarbeitung unvollendet. Worte der Entschuldigung entfalten ihre volle Bedeutung erst dann, wenn ihnen dauerhaft konkrete politische und gesellschaftliche Konsequenzen folgen.


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Ava-Canoeiro – der Untergang eines indigenen Volkes » hier
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