Lange bevor europäische Kolonisatoren den Süden des heutigen Brasiliens erreichten, hatte das Volk der Guarani eine vielfältige Lebensweise entwickelt, in der Landwirtschaft, Waldnutzung, Gemeinschaft und Spiritualität eng miteinander verbunden waren. Neue archäologische Untersuchungen im Bundesstaat Rio Grande do Sul ermöglichen nun einen genaueren Einblick in ihren Alltag. Sie zeigen, welche Pflanzen angebaut und gesammelt wurden, wie Mahlzeiten und Zeremonien miteinander verknüpft waren und wie bewusst die Menschen mit ihrer natürlichen Umgebung umgingen.

Am Ufer des Rio Forqueta entdeckten Forschende insgesamt 472 verkohlte Pflanzenreste. Der untersuchte Siedlungsplatz war über einen aussergewöhnlich langen Zeitraum bewohnt, ungefähr vom frühen 14. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Unter den geborgenen Überresten befanden sich Körner, Samen, Bruchstücke von Maiskolben sowie Spuren von Bohnen, Maniok und verschiedenen einheimischen Pflanzenarten. Besonders auffällig ist die grosse Menge an Mais. Rund drei Viertel der identifizierten Pflanzenreste stammen von diesem Getreide.
Mais war demnach ein zentraler Bestandteil der Ernährung, besass jedoch zugleich eine weitreichende gesellschaftliche und religiöse Bedeutung. Er wurde nicht nur gekocht oder zu anderen Speisen verarbeitet, sondern diente auch als Grundlage für fermentierte Getränke, die bei gemeinschaftlichen Festen und Übergangsritualen ausgeschenkt wurden.
Die Untersuchungen ergaben, dass die Guarani mindestens drei unterschiedliche Maissorten anbauten. Diese Vielfalt deutet auf fundierte Kenntnisse im Pflanzenbau hin. Die Menschen mussten Saatgut gezielt auswählen, Sorten voneinander unterscheiden und den Anbau an unterschiedliche Böden, Jahreszeiten und Verwendungszwecke anpassen. Landwirtschaft war damit keine einfache Form der Selbstversorgung, sondern beruhte auf einem über Generationen weitergegebenen Wissen.
Mais, Bohnen und Maniok gehörten ursprünglich zu Kulturpflanzen, deren Domestizierung in anderen Regionen Südamerikas begonnen hatte. Einige dieser Pflanzen gelangten vermutlich aus dem Amazonasraum über grosse Entfernungen bis in den Süden des Kontinents. Ihre Verbreitung erfolgte nicht in einem einzigen Schritt. Saatgut, Knollen und Anbautechniken wurden wahrscheinlich über Jahrhunderte hinweg von Gemeinschaft zu Gemeinschaft weitergegeben. Die Pflanzen erzählen deshalb auch von alten Kontaktnetzen, Wanderungsbewegungen und einem intensiven Austausch von Wissen.
Insgesamt konnten mindestens 13 Pflanzenarten bestimmt werden. Neben angebauten Nahrungspflanzen fanden sich Samen und Pflanzenteile einheimischer Arten wie Jerivá-Palme, Seidenwollbaum und Timbaúva. Hinzu kamen Spuren weiterer Waldpflanzen und Farne. Manche wurden gegessen, andere lieferten Fasern, Heilmittel oder Hilfsstoffe für den Fischfang. Einzelne Arten waren zudem mit Erzählungen über Herkunft, Identität und die spirituelle Ordnung der Welt verbunden.
Der Mais nahm innerhalb dieses komplexen Systems eine besondere Stellung ein. Eine jährliche Feier war seiner Ernte und religiösen Würdigung gewidmet. Auch beim Übergang von Jungen ins Erwachsenenleben spielte er eine wichtige Rolle. Für solche Anlässe wurden fermentierte Maisgetränke hergestellt und in eigens dafür vorgesehenen Keramikgefässen gereicht. Bestandteil der Zeremonien war ausserdem das Einsetzen eines aus Quarz gefertigten Lippenornaments. Solche Handlungen machten persönliche Veränderungen für die gesamte Gemeinschaft sichtbar und verbanden das Heranwachsen des Einzelnen mit gemeinsamen Traditionen.
Die räumliche Gliederung der ehemaligen Siedlung bestätigt, dass Ernährung, Zusammenleben und religiöse Praktiken eng aufeinander abgestimmt waren. Bei den Ausgrabungen liessen sich zwei deutlich unterschiedliche Bereiche erkennen. In einem Teil lagen zahlreiche Keramikscherben, Steinwerkzeuge und Tierknochen. Er wird als frühere Ablagefläche für Abfälle gedeutet und gibt vor allem Hinweise auf alltägliche Tätigkeiten.
Der zweite Bereich enthielt verzierte Keramik und 21 Lippenornamente. Die Zusammensetzung der Funde spricht dafür, dass dieser Platz für gemeinschaftliche Zusammenkünfte, Feste und Zeremonien genutzt wurde. Auch dort kamen verkohlte Pflanzenreste zum Vorschein. Dies lässt vermuten, dass bei besonderen Anlässen bestimmte Speisen und Getränke in grösseren Mengen zubereitet und gemeinsam konsumiert wurden. Nahrungsmittel dienten somit nicht allein dazu, Hunger zu stillen. Sie schufen Gemeinschaft, begleiteten wichtige Lebensabschnitte und machten religiöse Vorstellungen erfahrbar.
Die Funde vermitteln zugleich ein differenziertes Bild vom Umgang der Guarani mit dem Wald. Landwirtschaft und das Sammeln wild wachsender Pflanzen bildeten keine getrennten Bereiche. Beides ergänzte sich innerhalb einer Landschaft, die gezielt genutzt, gepflegt und verändert wurde. Die Guarani legten Felder an, bewahrten jedoch gleichzeitig das Wissen über die Eigenschaften zahlreicher Waldpflanzen.
Der Seidenwollbaum lieferte verwertbare Fasern, während bestimmte Blätter als Nahrung genutzt werden konnten. Die Timbaúva wurde im Fischfang eingesetzt, weil ihre Inhaltsstoffe Fische in begrenzten Gewässerabschnitten betäuben konnten. Darüber hinaus besass sie medizinische Bedeutung. Die Jerivá-Palme lieferte essbare Früchte und andere nutzbare Materialien, hatte aber auch eine spirituelle Funktion. Ihr Vorkommen konnte die Wahl geeigneter Anbauplätze beeinflussen und war mit überlieferten Erzählungen verbunden.
Dieses Wissen beruhte auf langfristiger Beobachtung. Die Menschen mussten erkennen, wann eine Pflanze Früchte trug, welche Standorte sie bevorzugte, wie sie verarbeitet werden konnte und in welcher Menge ihre Nutzung vertretbar war. Die archäologischen Spuren widersprechen damit der überholten Vorstellung, indigene Gemeinschaften hätten vor der Kolonisation lediglich von einer weitgehend unberührten Natur gelebt. Vielmehr gestalteten sie ihre Umwelt aktiv, ohne Landwirtschaft und Wald zwangsläufig als Gegensätze zu betrachten.
Die bislang nachgewiesene Zahl von Pflanzenarten dürfte nur einen kleinen Ausschnitt des tatsächlichen Spektrums darstellen. Verkohlte Überreste bleiben vor allem dann erhalten, wenn Pflanzenteile mit Feuer in Berührung kamen. Viele Wurzeln, Knollen, Früchte, Blätter und Heilpflanzen hinterlassen dagegen kaum sichtbare Spuren. Auch die untersuchte Fläche und die jeweiligen Erhaltungsbedingungen beeinflussen, was Jahrhunderte später noch gefunden werden kann.
Künftige Untersuchungen sollen deshalb winzige mineralische Pflanzenbestandteile und erhaltene Stärkekörner analysieren. Solche Methoden können selbst dann Hinweise auf bestimmte Arten liefern, wenn Samen oder grössere Pflanzenteile längst vergangen sind. Besonders bei Maniok, anderen Wurzeln und Knollen könnte sich das bisherige Bild dadurch erheblich erweitern. Schon die vorliegenden Funde zeigen jedoch eine hoch entwickelte Gesellschaft, die Saatgut auswählte, Kulturpflanzen über grosse Distanzen weitergab und den Wald mit umfangreichem ökologischem Wissen nutzte.
Ernährung, Landwirtschaft und religiöse Rituale waren Teile derselben kulturellen Ordnung. Der Mais stand dabei im Mittelpunkt: als Grundnahrungsmittel, als Getränk, als Gegenstand gemeinschaftlicher Feste und als Symbol für Wachstum, Zugehörigkeit und den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt. Die verkohlten Körner und Samen sind deshalb weit mehr als unscheinbare Überreste vergangener Mahlzeiten.
Sie bewahren Spuren eines Wissenssystems, das über viele Generationen weitergegeben wurde. Zugleich machen sie deutlich, dass die Geschichte des südlichen Brasiliens nicht erst mit der europäischen Kolonisation begann. Lange zuvor bestanden dort organisierte Gemeinschaften mit differenzierten Anbaumethoden, weitreichenden Austauschbeziehungen und einem verantwortungsvollen Umgang mit der biologischen Vielfalt ihrer Umgebung.
