«Poranga Marandúa»: Indigene Stimmen verändern Brasiliens Journalismus

Mit dem neuen Handbuch «Poranga Marandúa» haben indigene Medienschaffende in Brasilien ein bislang einzigartiges Instrument für eine respektvolle, präzise und antirassistische Berichterstattung geschaffen. Die Publikation wurde am Montag, 10. August, in der Abgeordnetenkammer in Brasília vorgestellt. Sie enthält Begriffe, journalistische Grundsätze und praktische Empfehlungen, die aus der Perspektive indigener Völker entwickelt wurden. Damit soll sie helfen, über indigene Gemeinschaften zu berichten, ohne überholte Klischees zu wiederholen, ihre kulturelle Vielfalt zu vereinfachen oder ihre Stimmen unsichtbar zu machen.

Indigenes Handbuch Poranga Marandúa – Foto: Dilvulgação

Das Handbuch ist das Ergebnis einer rund eineinhalbjährigen Zusammenarbeit, an der Angehörige von mehr als 40 indigenen Völkern beteiligt waren. Koordiniert wurde die Arbeit von der Brasilianischen Vereinigung indigener Journalistinnen und Journalisten, Abrinjor. Deren Generalkoordinatorin Luciene Kaxinawá betont, dass die Publikation die grosse Vielfalt der beteiligten Gemeinschaften in sich trage. Zugleich bekräftige sie den Anspruch, Kommunikation aus den eigenen Territorien, den eigenen Sprachen und den überlieferten Formen des Erzählens heraus zu gestalten.

Gerade dieser Ansatz verleiht dem Handbuch eine besondere Bedeutung. Indigene Kommunikation ist weit mehr als die blosse Weitergabe von Nachrichten. Sie ist eng mit dem Land, den Flüssen, den Wäldern, den Tieren und Pflanzen sowie mit dem Wissen der Vorfahren verbunden. Viele indigene Sprachen besitzen Begriffe für ökologische Zusammenhänge, Landschaften oder Verhaltensweisen von Tieren, für die es im Portugiesischen keine unmittelbare Entsprechung gibt.

Geht eine solche Sprache verloren oder wird sie aus der öffentlichen Kommunikation verdrängt, verschwindet deshalb nicht nur ein sprachliches Ausdrucksmittel, sondern auch ein Teil des Wissens über Brasiliens biologische und kulturelle Vielfalt. Die erste Ausgabe von «Poranga Marandúa» wurde vom indigenen Institut Kaingáng, Inka, redigiert und überprüft. Sie steht kostenlos im Internet zur Verfügung und richtet sich nicht ausschliesslich an indigene Medienschaffende. Das Werk soll Journalistinnen und Journalisten im ganzen Land bei ihrer täglichen Arbeit unterstützen und zugleich in der journalistischen Ausbildung eingesetzt werden.

Der Name des Handbuchs ist bewusst gewählt. «Poranga Marandúa» bedeutet in Nheengatu sinngemäss «gute Nachricht». Nheengatu gehört zum Tupi-Guarani-Zweig der grossen Tupí-Sprachfamilie und wird bis heute vor allem im Amazonasgebiet gesprochen. Die Bezeichnung steht damit nicht nur für die Veröffentlichung selbst, sondern auch für den Wunsch, indigene Sprachen als lebendige Träger von Geschichte, Identität und Wissen stärker in der brasilianischen Öffentlichkeit zu verankern.

Für Sônia Kaingáng, eine Pionierin des indigenen Journalismus und Kommunikatorin des Inka, ist die Publikation sowohl ein journalistisches Arbeitsmittel als auch ein Werkzeug der Bildung. Sie erinnert daran, dass indigene Medienschaffende ihren Platz in den Redaktionen, Institutionen und öffentlichen Debatten über den Weg der Bildung erkämpft haben. In einer Zeit, in der Teile der brasilianischen Gesellschaft einfache Antworten, Ausgrenzung oder Konfrontation bevorzugten, müsse die Bedeutung von Wissen, Lernen und kritischer Auseinandersetzung umso deutlicher hervorgehoben werden.

Auch die Forscherin und Kommunikationswissenschaftlerin Andreza Baré sieht einen grossen Handlungsbedarf an Universitäten und Journalistenschulen. Gerade akademisch ausgebildete Medienschaffende trügen häufig dazu bei, indigene Völker unsichtbar zu machen. Dies geschehe nicht immer bewusst, sondern oftmals durch ungenaue Begriffe, fehlendes historisches Wissen und eine Berichterstattung, in der über indigene Menschen gesprochen werde, ohne sie selbst zu Wort kommen zu lassen.

Das neue Handbuch bietet den Ausbildungsstätten deshalb die Möglichkeit, ihre Lehrpläne und Kursinhalte zu erweitern. Es kann als pädagogische Grundlage für eine antirassistische journalistische Sprache dienen, die nicht nur indigene Völker, sondern auch andere traditionelle Gemeinschaften Brasiliens respektvoll und differenziert darstellt. Dazu gehört, die jeweiligen Völker korrekt zu benennen, ihre unterschiedlichen Sprachen und Lebensweisen anzuerkennen und sie nicht als eine einzige, homogene Bevölkerungsgruppe zu behandeln.

Samela Sateré Mawé, Kommunikationsberaterin der Articulação dos Povos Indígenas do Brasil, Apib, verbindet mit der Veröffentlichung noch eine weitere Hoffnung. Das Handbuch soll mehr indigene Menschen dazu ermutigen, selbst Aufgaben in Medien, Redaktionen und den Kommunikationsabteilungen ihrer Interessenvertretungen zu übernehmen. Damit könnten sie nicht nur auf fehlerhafte Darstellungen reagieren, sondern eigene Themen setzen und selbst bestimmen, wie über ihre Gemeinschaften, Territorien und politischen Anliegen berichtet wird.

Für Samela Sateré Mawé öffnet «Poranga Marandúa» deshalb eine Tür in beide Richtungen: in die brasilianische Medienlandschaft und zugleich in die indigene Bewegung selbst. Indigene Journalistinnen und Journalisten sollen jene Räume besetzen können, in denen öffentliche Bilder entstehen und gesellschaftliche Debatten geprägt werden. Ihre zentrale Botschaft ist ebenso schlicht wie kraftvoll: Niemand könne besser über indigene Völker sprechen als die Menschen, die diesen Völkern selbst angehören.

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