Brasiliens Indigene zwischen Gewalt, Landraub und staatlicher Vernachlässigung

Die Gewalt gegen indigene Gemeinschaften in Brasilien hat 2025 erneut ein erschreckendes Ausmass erreicht. Nach Angaben des Indigenenmissionsrates Cimi wurden innerhalb eines Jahres mindestens 258 indigene Menschen ermordet. Damit lag die Zahl deutlich über den 211 registrierten Tötungsdelikten des Vorjahres. Besonders betroffen waren die Bundesstaaten Roraima mit 82, Amazonas mit 47 und Mato Grosso do Sul mit 37 Fällen. Grundlage der Erhebung sind unter anderem das brasilianische Informationssystem zur Sterblichkeit, Daten der bundesstaatlichen Gesundheitsbehörden sowie Angaben des Sondersekretariats für indigene Gesundheitsversorgung.

Protest Indigener in Brasilia – Foto: Marcelo Camargo – Foto: Agência/Brasil

Der Bericht über die Gewalt gegen die indigenen Völker Brasiliens zeichnet ein bedrückendes Gesamtbild. Die Unsicherheit in vielen Territorien nahm weiter zu. Indigene Gemeinschaften wurden im Kampf um ihr angestammtes Land angegriffen, während sich ihre soziale und gesundheitliche Verwundbarkeit verschärfte. Zugleich hielten illegale Landnahmen, die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und andere Übergriffe auf indigene Gebiete an.

In allen drei untersuchten Bereichen wurde eine Zunahme festgestellt: bei der Gewalt gegen Personen, bei Angriffen auf Land und Eigentum sowie bei Rechtsverletzungen infolge staatlicher Untätigkeit. Gleichzeitig stiegen die Zahlen der territorialen Konflikte, der Morde, der Suizide und der Todesfälle unter Kleinkindern.

Wie unmittelbar der Kampf um Land mit körperlicher Gewalt verbunden ist, zeigte sich bereits in den ersten Tagen des Jahres 2025. Vier Angehörige der Avá-Guarani wurden bei einem Angriff im indigenen Territorium Tekoha Guasu Guavirá im Westen des Bundesstaates Paraná angeschossen. Das Gebiet befindet sich noch immer im Demarkationsverfahren und ist seit Jahren Schauplatz erbitterter Besitzkonflikte. Ein Betroffener wurde an der Wirbelsäule getroffen und verlor die Bewegungsfähigkeit seiner Beine.

Im März wurde ein Indigener aus dem Volk der Pataxó in Barra Velha do Monte Pascoal im äussersten Süden Bahias getötet. Auch dieser Mord stand im Zusammenhang mit dem langwierigen Kampf um die offizielle Anerkennung des indigenen Landes. Im November traf die Gewalt den Indigenen aus dem Volk der Guarani-Kaiowá. Er wurde in Tekoha Pyelito Kue innerhalb des indigenen Territoriums Iguatemipegua I in Mato Grosso do Sul getötet, ebenfalls vor dem Hintergrund eines ungelösten Territorialkonflikts.

Besonders schwer wiegt, dass sich diese Fälle in indigenen Gebieten ereigneten, die vom brasilianischen Staat bereits offiziell abgegrenzt worden waren. Dennoch sind die Demarkationsverfahren dort seit mehr als zehn Jahren nicht abgeschlossen. Die staatliche Anerkennung auf dem Papier bietet den Gemeinschaften deshalb noch keinen ausreichenden Schutz vor bewaffneten Angriffen, Vertreibung und wirtschaftlichen Interessen.

Während indigene Völker in noch nicht vollständig anerkannten Gebieten unter Gewalt und extremer Unsicherheit leiden, dauern auch in bereits demarkierten Territorien die Aktivitäten illegaler Eindringlinge an. Die von der Bundesregierung durchgeführten Räumungsoperationen konnten diese Übergriffe bislang nicht vollständig beenden. Viele Einsätze erfolgten erst aufgrund gerichtlicher Anordnungen des Obersten Bundesgerichts.

Nach Einschätzung des Berichts lassen sich die 2025 registrierten Gewalttaten nicht von den politischen und juristischen Angriffen auf indigene Landrechte trennen. Im Zentrum steht weiterhin das Gesetz 14.701 aus dem Jahr 2023, das die umstrittene Stichtagsregel, den sogenannten «Marco Temporal», gesetzlich verankern soll. Nach dieser Auslegung könnten indigene Gemeinschaften grundsätzlich nur Anspruch auf Gebiete erheben, die sie am 5. Oktober 1988, dem Tag des Inkrafttretens der brasilianischen Verfassung, nachweislich bewohnten oder um die sie damals bereits stritten.

Diese Regelung ignoriert jedoch, dass zahlreiche indigene Völker vor diesem Datum gewaltsam vertrieben worden waren und deshalb gar nicht auf ihrem traditionellen Land leben konnten. Mehrere Anträge, mit denen die Verfassungsmässigkeit des Gesetzes überprüft werden sollte, blieben dem Bericht zufolge bis Dezember 2025 ohne abschliessende Entscheidung des Obersten Bundesgerichts.

Das Gesetz geht zudem über die Stichtagsregel hinaus. Es enthält Bestimmungen, die Demarkationsverfahren zusätzlich erschweren und die wirtschaftliche Nutzung indigener Gebiete durch Dritte erleichtern könnten. Gleichzeitig wächst der Druck, den Bergbau in diesen Territorien zu erlauben. Hinzu kommen grosse Infrastrukturvorhaben für den Transport von Getreide und Erz sowie Pläne zur Förderung von Erdgas und Erdöl in Regionen, in denen indigene Gemeinschaften unmittelbar von den ökologischen und sozialen Folgen betroffen wären.

Insgesamt verzeichnete der Bericht 1’276 Fälle von Gewalt gegen das indigene Eigentum und die territorialen Rechte. Davon entfielen 897 Fälle auf staatliche Untätigkeit oder erhebliche Verzögerungen bei der rechtlichen Anerkennung von Land. Weitere 169 Fälle betrafen unmittelbare Konflikte um Territorialrechte. In 210 Fällen ging es um Landbesetzungen, die illegale Ausbeutung von Bodenschätzen, Holz, Wildtieren oder anderen natürlichen Ressourcen sowie um unterschiedliche Formen der Beschädigung indigenen Eigentums.

Von den insgesamt 1’443 offiziell erfassten indigenen Territorien und Landforderungen in Brasilien warten 897 noch auf mindestens einen notwendigen Verwaltungsschritt. Bei 582 dieser Gebiete wurde bislang nicht einmal eine konkrete Massnahme eingeleitet, um das eigentliche Demarkationsverfahren zu beginnen. Hinter diesen Zahlen stehen Gemeinschaften, die häufig seit Generationen auf die rechtliche Anerkennung und den wirksamen Schutz ihrer Heimat warten.

Dennoch gab es 2025 einzelne Fortschritte. Für neun indigene Gebiete veröffentlichte die Nationale Stiftung der indigenen Völker, Funai, die ausführlichen Berichte zur Identifizierung und Abgrenzung. Das Justizministerium erliess zehn sogenannte deklaratorische Verordnungen. Sieben Territorien wurden durch den Präsidenten endgültig bestätigt, fünf weitere als Eigentum des Bundes registriert. Damit wurde deren rechtliches Anerkennungsverfahren abgeschlossen.

Darüber hinaus setzte die Funai mindestens 16 technische Arbeitsgruppen zur Abgrenzung indigener Gebiete ein und richtete zehn indigene Reservate ein. Der Bericht erkennt diese Schritte ausdrücklich als wichtig an, macht jedoch ebenso deutlich, dass sie gemessen am tatsächlichen Bedarf nicht ausreichen. Gerade dort, wo Konflikte besonders gefährlich und indigene Gemeinschaften akut bedroht sind, kamen die Verfahren kaum oder gar nicht voran. Die Bundesregierung begründete diesen Stillstand vielfach mit der ungeklärten juristischen Lage rund um die Demarkationen.

Neben Mord, Vertreibung und Landraub offenbart die Untersuchung eine weitere, oft weniger sichtbare Krise. Im Jahr 2025 wurden 215 Suizide unter Angehörigen indigener Völker registriert. Im Vorjahr waren es 208 gewesen. Die höchsten Zahlen meldeten Amazonas mit 77, Mato Grosso do Sul mit 42 und Roraima mit 37 Fällen.

Besonders alarmierend ist das niedrige Alter vieler Betroffener. 41 Prozent der registrierten Suizide entfielen auf indigene Menschen zwischen 20 und 29 Jahren. Weitere 34 Prozent betrafen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis zum Alter von 19 Jahren. Damit waren drei Viertel der erfassten Opfer höchstens 29 Jahre alt.

Die Zahlen verweisen auf eine tiefgreifende soziale und psychische Not, die vielerorts mit territorialer Unsicherheit, Perspektivlosigkeit, Diskriminierung, kultureller Entwurzelung und unzureichendem Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung verbunden ist.

Ebenfalls gestiegen ist die Sterblichkeit unter indigenen Kleinkindern. Insgesamt wurden 1’024 Todesfälle bei Babys und Kindern bis zum Alter von vier Jahren erfasst. 2024 waren es 922 gewesen. Die höchsten Werte verzeichneten Amazonas mit 306, Roraima mit 158 und Mato Grosso mit 123 verstorbenen Kindern.

Von den 1’024 Todesfällen galten 586 und damit rund 57 Prozent als grundsätzlich vermeidbar. Zu den häufig dokumentierten Ursachen gehörten Grippe und Lungenentzündung mit 104 Fällen, infektiöse Darmerkrankungen mit 85 Fällen sowie Mangelernährung mit 32 Fällen. Gerade in abgelegenen Territorien können Krankheiten, die bei rechtzeitiger Diagnose und ausreichender medizinischer Versorgung behandelbar wären, rasch lebensbedrohlich werden.

Der Bericht registrierte darüber hinaus 58 Fälle allgemeiner Vernachlässigung, 111 Fälle fehlender oder unzureichender Unterstützung im Bildungsbereich und 121 Fälle mangelhafter Gesundheitsversorgung. Hinzu kamen 62 Todesfälle wegen fehlender medizinischer Betreuung sowie 14 dokumentierte Fälle im Zusammenhang mit Alkohol und anderen Drogen. Insgesamt wurden in dieser Kategorie 366 Rechtsverletzungen und Versorgungsmängel erfasst.

In vielen Territorien fehlen Gesundheitsstationen, qualifizierte Fachkräfte, Medikamente und zuverlässige Transportmöglichkeiten für Notfälle. Ein wiederkehrendes Problem ist zudem der fehlende oder nur sehr eingeschränkte Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung. Die Folgen reichen von chronischen Erkrankungen bis zu wiederholten Infektionswellen, von denen Kinder, ältere Menschen und bereits geschwächte Personen besonders stark betroffen sind.

Verschärft wird die Lage durch die Belastung von Flüssen, Bächen und Grundwasser. In landwirtschaftlich intensiv genutzten Regionen gelangen Pestizide in Gewässer, die von indigenen Gemeinschaften zum Trinken, Kochen, Baden und Fischen verwendet werden. In Gebieten mit illegalem Goldabbau kontaminiert Quecksilber die Flüsse und reichert sich über Fische in der Nahrungskette an. Damit wird aus der Zerstörung der Umwelt unmittelbar eine Gefahr für die menschliche Gesundheit, die Ernährungssicherheit und die kulturelle Lebensweise ganzer Völker.

Im Bundesstaat Rio Grande do Sul, der in dieser Kategorie die meisten Fälle verzeichnete, trifft die mangelnde staatliche Unterstützung vor allem Gemeinschaften, die um die Rückgabe ihres traditionellen Landes kämpfen. Viele Familien leben in provisorischen Lagern an Strassenrändern, ohne ausreichenden Schutz vor Kälte, Hitze, Verkehr und Gewalt. Der fehlende Zugang zu Wasser, sanitären Anlagen, Gesundheitsversorgung und sicheren Unterkünften macht ihren Alltag zu einem ständigen Überlebenskampf.

Besonders verletzlich sind die indigenen Völker, die freiwillig isoliert leben und den Kontakt mit der Mehrheitsgesellschaft meiden. Der Bericht widmet ihnen ein eigenes Kapitel. Vor allem Gruppen, deren Existenz vom Staat noch nicht offiziell anerkannt wurde, verfügen über keinerlei wirksame Schutzpolitik. Sie leben in Gebieten, die durch Goldsucher, Holzfäller, Viehzüchter, Fischer und andere Eindringlinge zunehmend unter Druck geraten. Neben gewaltsamen Begegnungen stellen eingeschleppte Krankheiten eine tödliche Gefahr dar, weil isolierte Gemeinschaften gegen viele Infektionen kaum immunologischen Schutz besitzen.

Das Unterstützungsteam für freie Völker des Cimi führt 119 Hinweise auf isoliert lebende indigene Gruppen in Brasilien auf. Nur 28 davon wurden bislang von der Funai offiziell bestätigt. In 20 indigenen Territorien, in denen sich insgesamt 45 dieser registrierten isolierten Gruppen befinden könnten, wurden Fälle von Eindringen, illegaler Nutzung und Schädigung des Landes dokumentiert.

Der Bericht macht damit deutlich, dass Gewalt gegen indigene Völker weit mehr umfasst als bewaffnete Angriffe und Morde. Sie zeigt sich ebenso in verschleppten Demarkationsverfahren, vergifteten Flüssen, fehlender medizinischer Hilfe, vermeidbaren Todesfällen von Kindern und der Schutzlosigkeit isolierter Gemeinschaften.

Trotz einzelner Fortschritte bei der Anerkennung indigener Territorien bleibt die Kluft zwischen den verfassungsmässig garantierten Rechten und der Wirklichkeit in vielen Regionen Brasiliens erschreckend gross. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch, eine Familie und eine Gemeinschaft, deren Recht auf Land, Gesundheit, Sicherheit und kulturelle Selbstbestimmung nicht nur anerkannt, sondern wirksam geschützt werden muss.

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