Ab dem 26. August erzählt eine Ausstellung im Parque Zoobotânico des Museu Paraense Emílio Goeldi in Belém eine Geschichte, die weit über den Rahmen eines Museums hinausreicht. Im Mittelpunkt stehen die indigenen Völker der Katxuyana und Kahyana, ihre jahrzehntelange Vertreibung, ihre kulturelle Widerstandskraft und die Rückkehr in ein angestammtes Gebiet, mit dem sie trotz räumlicher Trennung stets verbunden blieben.

Die Ausstellung trägt den Namen «Katxar kum neero | Nossos lugares verdadeiros», auf Deutsch «Unsere wahren Orte». Fotografien, persönliche Berichte, historische Dokumente und kunstvoll gefertigte Gegenstände zeichnen die Entwicklung seit den 1960er-Jahren nach. Viele der gezeigten Erinnerungsstücke waren über Jahrzehnte verstreut. Sie stammen aus einer Zeit, in der indigene Familien auseinandergerissen, in andere Regionen gebracht oder daran gehindert wurden, in ihrem traditionellen Lebensraum zu bleiben.
Die Ausstellung macht sichtbar, was sich in amtlichen Akten und historischen Jahreszahlen nur unvollständig erfassen lässt: die Folgen der Trennung von einem Gebiet, das für die Katxuyana und Kahyana nicht bloss Wohnort oder wirtschaftliche Lebensgrundlage ist. Das Land, die Flüsse, die Tiere, die Pflanzen und die Orte der Vorfahren bilden ein zusammenhängendes Geflecht aus Wissen, Spiritualität, gesellschaftlicher Ordnung und persönlicher Zugehörigkeit.
Für die beteiligten Gemeinschaften ist die Schau deshalb weit mehr als eine rückblickende Dokumentation. Sie bietet ihnen die Möglichkeit, die eigene Geschichte aus ihrer Perspektive zu erzählen. Angela Kaxuyana von der Associação Indígena Kaxuyana, Tunayana e Kahyana beschreibt die Ausstellung als Gelegenheit, von Widerstand und Überlebenskraft angesichts eines Prozesses zu berichten, der von Gewalt und dem Versuch geprägt war, die Existenz der Völker auszulöschen.
Die Katxuyana und Kahyana gehören zu einer Gruppe von mindestens 16 indigenen Völkern, die seit Generationen im äussersten Westen des brasilianischen Bundesstaates Pará und im angrenzenden Amazonasgebiet leben. Unter ihnen befinden sich auch Gemeinschaften, die freiwillig weitgehend isoliert bleiben. Ihre Territorien bilden eine ausgedehnte Waldlandschaft mit Flüssen, Jagdgebieten, heiligen Orten und über Generationen weitergegebenen Wegen.
In den 1960er-Jahren geriet diese Lebenswelt zunehmend unter Druck. Während der Militärdiktatur trieb der brasilianische Staat die Erschliessung und Besiedlung Amazoniens voran. Indigene Gemeinschaften wurden dabei vielfach nicht als rechtmässige Bewohner ihrer Gebiete anerkannt, sondern als Hindernis für staatliche Entwicklungsprojekte betrachtet. Ein Teil der Katxuyana und Kahyana musste die Heimat verlassen. Familien wurden getrennt und in weit entfernte Gebiete umgesiedelt.
Doch die Verbindung zum angestammten Land ging nie verloren. Erinnerungen an Flüsse, Siedlungsplätze, Wege und Grabstätten wurden innerhalb der Familien weitergegeben. Dieses Wissen erwies sich als entscheidend, als die Gemeinschaften begannen, ihre Rückkehr vorzubereiten. Die Wiederbesiedlung war nicht nur eine geografische Bewegung, sondern auch eine kulturelle und politische Rückkehr.
Traditionelle Beziehungen wurden erneuert, frühere Siedlungen wieder aufgesucht und Formen des gemeinschaftlichen Lebens neu aufgebaut. Der formelle Kampf um die Anerkennung der Terra Indígena Kaxuyana-Tunayana dauerte mehr als zwei Jahrzehnte. Die Forderung nach einer staatlichen Demarkierung war bereits 2002 bei der brasilianischen Indigenenbehörde Funai eingereicht worden. Ab 2008 nahm das Verfahren konkretere Formen an. Erst im November 2025 wurde die administrative Demarkierung mit einem Präsidialdekret endgültig bestätigt.
Das anerkannte Territorium umfasst exakt rund 2,18 Millionen Hektar in den Gemeinden Faro und Oriximiná im Bundesstaat Pará sowie Nhamundá im Bundesstaat Amazonas. Es ist für den dauerhaften Besitz mehrerer indigener Völker und isoliert lebender Gruppen bestimmt. Die Homologierung bildete den letzten entscheidenden Schritt der staatlichen Anerkennung.
Sie bedeutete jedoch keine Schenkung oder Übertragung neuen Landes. Vielmehr bestätigte der Staat die ursprünglichen Rechte der indigenen Bevölkerung an einem Gebiet, das schon lange vor der Gründung Brasiliens bewohnt und genutzt wurde. Diese jahrzehntelange Kontinuität bildet den roten Faden der Ausstellung. Die Rückkehr wird nicht als abgeschlossener Augenblick dargestellt, sondern als fortdauernder Prozess.
Trotz Vertreibung, Zerstreuung und historischer Gewalt bewahrten die Katxuyana und Kahyana ihre gesellschaftlichen Beziehungen, ihr Wissen und ihre eigene Vorstellung davon, wie Menschen mit ihrer Umwelt zusammenleben sollen. Die Auswahl der Exponate entstand in gemeinsamer kuratorischer Arbeit der indigenen Gemeinschaften, des Instituto de Pesquisa e Formação Indígena und des Museu Paraense Emílio Goeldi. Dadurch stehen historische Sammlungsgegenstände nicht isoliert in Vitrinen.
Sie werden mit aktuellen Werken, Fotografien und Erzählungen verbunden und erhalten durch die Stimmen der Gemeinschaften ihren ursprünglichen kulturellen Zusammenhang zurück. Zu sehen sind zeitgenössische Objekte, welche die Katxuyana und Kahyana bis heute herstellen und verwenden.
Ihnen gegenüber stehen Stücke aus der ethnografischen Sammlung des Museu Goeldi, die in den 1960er-Jahren zusammengetragen wurden. Diese Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart zeigt, dass indigene Kultur kein unveränderliches Relikt ist. Sie entwickelt sich weiter, passt sich neuen Bedingungen an und bleibt zugleich tief in der Erinnerung, der Sprache und dem Territorium verwurzelt.
Besondere Aufmerksamkeit erhält der «txamatxama», ein kunstvoller Federschmuck mit grosser kosmologischer und gesellschaftspolitischer Bedeutung. Er dient der Diplomatie zwischen verschiedenen Völkern und der Verständigung mit anderen Lebewesen. In der Weltanschauung der Katxuyana und Kahyana beschränkt sich Kommunikation nicht allein auf den Austausch zwischen Menschen. Auch Tiere, Pflanzen, Flüsse, Geister und andere Wesen gehören zu einem belebten Beziehungsraum.
Gerade darin liegt die besondere Kraft der Ausstellung: Die ausgestellten Gegenstände erscheinen nicht lediglich als Kunstwerke oder historische Zeugnisse. Sie verkörpern Beziehungen, Verpflichtungen und Wissen. Sie erzählen von Begegnungen zwischen Gemeinschaften, von spirituellen Vorstellungen und von einem Verständnis der Natur, in dem der Mensch nicht über der Umwelt steht, sondern Teil eines umfassenden lebendigen Gefüges ist.
«Katxar kum neero» erinnert damit an erlittenes Unrecht, ohne die Katxuyana und Kahyana ausschliesslich als Opfer darzustellen. Im Vordergrund stehen ihre Handlungsfähigkeit, ihre Beharrlichkeit und die Weitergabe des Wissens an die jüngeren Generationen. Die Ausstellung zeigt, dass die Rückkehr in ein traditionelles Territorium zugleich die Wiedergewinnung von Sprache, Erinnerung, Selbstbestimmung und Zukunft bedeutet.
Die öffentliche Besichtigung beginnt am 26. August 2026, einen Tag nach der Eröffnung. Die Ausstellung ist bis zum 30. April 2027 jeweils von Mittwoch bis Sonntag zwischen 9 und 16 Uhr im Centro de Exposições Eduardo Galvão im Parque Zoobotânico des Museu Paraense Emílio Goeldi in Belém zu sehen. Der Eintritt in den Park kostet drei Reais, wobei gesetzlich vorgesehene Ermässigungen und kostenlose Eintritte gelten. Die aktuellen Besuchsangaben veröffentlichten das Museu Paraense Emílio Goeldi und das Instituto de Pesquisa e Formação Indígena.
