Der 94-jährige indigene Anführer Raoni Metuktire ist an Krebs im Verdauungstrakt erkrankt. Er wird derzeit in seinem Zuhause in Peixoto de Azevedo im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso palliativ betreut. Dort befindet er sich im Kreis seiner Familie und wird zugleich von einem medizinischen Team begleitet. Das Instituto Raoni informierte am Montag, dem 14. September, über seinen Gesundheitszustand.

Im Verlauf des Jahres 2026 musste Raoni wiederholt im Spital behandelt werden. Mehrere Untersuchungen und eine zunehmende Verschlechterung seines Zustands machten eine intensivere medizinische Versorgung notwendig. Im Juni wurde er nach einer schweren Darmverengung, die durch den Tumor verursacht worden war, notfallmässig nach São Paulo gebracht. Im Hospital São Paulo der Bundesuniversität von São Paulo wurde anschliessend eine Gastroenteroanastomose vorgenommen.
Bei diesem chirurgischen Eingriff wird eine neue Verbindung im Verdauungssystem geschaffen, damit die Nahrung eine blockierte oder stark verengte Stelle umgehen kann. Ziel der Operation war es, die Nahrungsaufnahme zu erleichtern, Beschwerden zu lindern und Raonis körperliches Wohlbefinden zu verbessern.
Spätere Untersuchungen bestätigten ein wenig differenziertes Adenokarzinom. Dabei handelt es sich um eine bösartige Tumorerkrankung, deren Zellen nur noch geringe Ähnlichkeit mit dem ursprünglichen Gewebe aufweisen. Angesichts seines hohen Alters, seines allgemeinen Gesundheitszustands und der erheblichen Risiken einer belastenden Krebstherapie empfahlen die behandelnden Fachleute eine palliative Versorgung.
Diese Entscheidung bedeutet nicht, dass die medizinische Betreuung eingestellt wird. Im Mittelpunkt steht nun jedoch nicht mehr die Bekämpfung des Tumors, sondern die bestmögliche Lebensqualität. Schmerzen und andere Beschwerden sollen gelindert, mögliche Komplikationen frühzeitig erkannt und unnötige Belastungen vermieden werden. Zur Betreuung gehören ärztliche und pflegerische Hilfe, Physiotherapie sowie eine sorgfältige Versorgung mit Nahrung und Flüssigkeit.
Ebenso wichtig ist die spirituelle Dimension. Raoni ist nicht nur ein politischer und gesellschaftlicher Anführer, sondern auch Pajé, ein spiritueller Wissens- und Heilkundiger seines Volkes. Er wird deshalb weiterhin von vertrauten Pajés begleitet. Diese interkulturelle Betreuung verbindet medizinische Versorgung mit den Traditionen der Mẽbêngôkre und respektiert seine Sprache, seine persönlichen Entscheidungen sowie seine kulturellen und spirituellen Bezugspunkte.
Gerade in einer gesundheitlich so schwierigen Lebensphase besitzt dieser respektvolle Umgang eine besondere Bedeutung. Er macht deutlich, dass eine menschenwürdige Betreuung mehr umfasst als medizinische Massnahmen. Für indigene Patientinnen und Patienten gehören die eigene Gemeinschaft, die überlieferten Kenntnisse, die Muttersprache und die spirituelle Welt untrennbar zum Verständnis von Gesundheit, Krankheit und Abschied.
Raoni zählt zu den bekanntesten indigenen Persönlichkeiten Brasiliens. Seit Jahrzehnten setzt er sich für den Schutz der indigenen Völker, ihrer angestammten Gebiete und des Amazonaswaldes ein. Mit grosser Beharrlichkeit hat er auf Landraub, Entwaldung und die Bedrohung indigener Lebensräume aufmerksam gemacht. Sein Engagement verschaffte den Anliegen der indigenen Bevölkerung weit über Brasilien hinaus Gehör und machte ihn international zu einem Symbol des Widerstands gegen die Zerstörung des Regenwaldes.
Nun steht der Mensch hinter diesem weltbekannten Gesicht im Mittelpunkt. Seine Familie, medizinische Fachkräfte und spirituelle Begleiter bemühen sich gemeinsam darum, ihm Sicherheit, Linderung und Nähe zu geben. Seine Betreuung folgt damit einem Grundsatz, für den Raoni selbst sein Leben lang eingetreten ist: dem Respekt vor der Würde, der Kultur und der Selbstbestimmung der indigenen Menschen.
