Jedes Jahr hinterlassen die grossen Sambaschulen nach ihren Auftritten auf der Avenida Marquês de Sapucaí tonnenweise textile Abfälle. Pailletten, Federn, Stoffe und ganze Kostüme werden nach wenigen Minuten im Rampenlicht entsorgt. Um diesem Kreislauf aus Verschwendung etwas entgegenzusetzen, entstand 2022 ein Projekt, das genau hier ansetzt.

Bereits im ersten Jahr sammelte die Initiative rund drei Tonnen ausrangierter Kostüme. Was als überschaubares Recyclingvorhaben begann, entwickelte sich rasch weiter.
In Zusammenarbeit mit den offiziellen Organisatoren des Karnevals und der Vereinigung der Sambaschulen übernahm das Projekt zunehmend Verantwortung für das Textilabfallmanagement an der Sambódromo.
Die Zahlen zeigen das Wachstum deutlich: 23 Tonnen wiederverwertetes Material im Jahr 2023, 24 Tonnen im Jahr 2024 und erneut 23 Tonnen im Jahr 2025.
Die gesammelten Kostüme werden in eine Lagerhalle im historischen Gebiet der Pequena África im Stadtteil Gamboa gebracht, direkt gegenüber dem Museum für afrobrasilianische Geschichte und Kultur. Allein dieser Standort macht deutlich, wie stark Umweltfragen, Kultur und soziale Geschichte hier miteinander verbunden sind.
Die Halle ist kein abgeschottetes Depot. Mehrmals pro Woche steht sie der Öffentlichkeit offen. Besucherinnen und Besucher können durch die Kostüme stöbern, Materialien auswählen und diese für neue Projekte nutzen. Das Publikum ist vielfältig.
Menschen aus Kunst und Theater, aus der Mode- und Filmszene, Karnevalsschaffende, Studierende und Neugierige. Viele reagieren emotional, wenn sie erkennen, dass diese aufwendig gefertigten Stücke sonst im Müll gelandet wären. Manche verbringen Stunden vor Ort, auf der Suche nach Inspiration, Stoffen oder einzelnen Details.
Der ökologische Gedanke ist dabei nur ein Teil des Ganzen. Die Wiederverwendung schliesst gewissermassen den erzählerischen Kreis des Karnevals. Aus Abfall entsteht Wertschöpfung. Die Einnahmen fliessen zurück in das Viertel, schaffen Arbeit für Menschen aus der Umgebung und stärken lokale Netzwerke, die seit Generationen mit Samba und Karneval verbunden sind. Nachhaltigkeit wird so nicht abstrakt verhandelt, sondern konkret gelebt.
Mehrere Kostümbildnerinnen und Kostümbildner nutzen die Materialien als Grundlage für neue Entwürfe. In Ateliers entstehen daraus Kostüme für Karneval, Feste oder Bühnenproduktionen. Der Ansatz ist bewusst reduziert. Möglichst viel wird aus dem vorhandenen Material heraus entwickelt, nur wenig Neues ergänzt.
Es geht darum, den ursprünglichen Sinn der Kostüme neu zu denken und ihnen eine andere Bedeutung zu geben. Der Karneval erzählt dabei nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch jene der brasilianischen Kultur, ihrer Brüche und ihrer Kreativität.
Andere Designerinnen verarbeiten die Reste zu zeitgemässer Mode. Bikinis, hoch geschnittene Shorts oder Hüftaccessoires sprechen ein junges Publikum an, das Wert auf Individualität und Nachhaltigkeit legt. Auch politische Themen finden ihren Weg in diese Arbeiten.
So entstanden Kollektionen und Modenschauen, die sich mit dem Klimawandel auseinandersetzen und bewusst Karnevalsabfälle als Material einsetzen. Kunst wird hier zum Mittel, um komplexe Fragen zugänglich zu machen und Diskussionen anzustossen.
Was als Umweltprojekt begann, ist damit zu einem kulturellen Knotenpunkt geworden. Es verbindet Recycling mit sozialem Engagement, traditionelles Handwerk mit zeitgenössischem Design und den Glanz des Karnevals mit der Realität danach. Ein leiser, aber wirkungsvoller Gegenentwurf zur Wegwerfmentalität, mitten im Herzen eines der grössten Feste der Welt.
