Die Sambaschule Mocidade Unida da Mooca eröffnete in der Nacht auf Samstag unter anhaltenden Schauern die erste Parade des diesjährigen Karnevals im Sambódromo von São Paulo. Für die Schule war es ein besonderer Moment: Zum ersten Mal trat sie in der höchsten Liga des Wettbewerbs auf, im traditionsreichen Sambódromo do Anhembi.

Gleich zu Beginn setzte die Formation ein starkes Zeichen. Im Mittelpunkt stand die Philosophin, Schriftstellerin und antirassistische Aktivistin Sueli Carneiro, die als eine der zentralen Figuren der Parade gefeiert wurde. Ihr Lebenswerk und ihr politisches Engagement bildeten den ideellen Kern des Auftritts.
Unter dem Titel „Gèlèdés – Agbara Obinrin“ widmete sich das diesjährige Thema der Kraft schwarzer Frauen und griff dabei auf die spirituelle und kulturelle Tradition der Yoruba zurück.
Die Inszenierung war zugleich eine Würdigung des von Sueli Carneiro gegründeten Geledés – Instituto da Mulher Negra, (Geledés – Institut für Schwarze Frauen) das sich seit Jahrzehnten für die Rechte schwarzer Frauen in Brasilien einsetzt. Farbenprächtige Kostüme, symbolträchtige Figuren und choreografierte Bilder erzählten von Widerstand, Würde und kultureller Kontinuität.
Im Ablauf kam es stellenweise zu Schwierigkeiten bei der Entwicklung der Formationen. Dennoch gelang es der Schule, das Publikum zu berühren. Besonders die rhythmischen Unterbrechungen der Bateria sorgten für Spannung im Sambódromo.
Viele Mitwirkende reckten die Fäuste in die Höhe, ein sichtbares Zeichen des Protests gegen Rassismus und soziale Ausgrenzung. Die Geste verlieh dem Auftritt eine politische Dimension, die über die ästhetische Darbietung hinausging.
Ein weiterer Höhepunkt war die Ehrung der renommierten Schriftstellerin Conceição Evaristo, der ein eigener Festwagen gewidmet war. Ihre literarische Arbeit, die sich intensiv mit afrobrasilianischer Identität und sozialer Ungleichheit auseinandersetzt, fügte sich nahtlos in das thematische Konzept der Parade ein.
Zitate der Umweltministerin Marina Silva und der Bundesabgeordneten Benedita da Silva hoben die historische Bedeutung schwarzer Frauen für Brasilien hervor, während ein Fernsehkommentator die Stimmung der Parade als ein Fest schwarzer Identität und afrikanischer Wurzeln beschrieb, getragen von Menschen, die mit Selbstbewusstsein und Präsenz das Geschehen im Sambódromo prägen.
Am Ende wurde es noch einmal hektisch. Um das vorgegebene Zeitlimit einzuhalten, musste die Schule ihr Tempo erhöhen. Trotz dieses Schlussspurts setzte die Mocidade Unida da Mooca mit ihrem Debüt in der Spitzengruppe ein klares Zeichen und machte deutlich, dass ihr Auftritt weit mehr war als ein reines Karnevalsspektakel.
Die Sambaschule Colorado do Brás, gegründet 1975, setzte als zweite Schule der Paraden im Sambódromo von São Paulo auf ein ebenso verspieltes wie vielschichtiges Thema. Unter dem Titel „A bruxa está solta! Senhoras do saber renascem na Colorado“ (Die Hexe ist los – Die weisen Frauen erwachen bei der Colorado) rückte die Schule Hexen in all ihren Facetten ins Zentrum ihrer Inszenierung.
Als zweite Formation in der Nacht auf Samstag zog die Colorado do Brás in das Sambódromo do Anhembi ein und präsentierte eine Parade, die mit gängigen Klischees spielte und zugleich deren Ursprünge hinterfragte. Verschiedene Wagen und Tanzgruppen griffen Darstellungen von Hexerei in Film und Theater auf. Eine der auffälligsten Gruppen, „Bruxas de Blair“, spielte auf die popkulturell verankerte Angst vor dem Okkulten an und zitierte damit Motive des modernen Horrorfilms.
Gleichzeitig bemühte sich die Schule, das Thema zu entmystifizieren. Mehrere Allegorien stellten Hexen als wissende, starke Frauenfiguren dar, die in der Geschichte oft verfolgt oder missverstanden wurden. Der Wagen „Convenção das Bruxas“ vereinte ikonische Gestalten, darunter die Cuca aus der Kinderbuchreihe Sítio do Picapau Amarelo, eine Figur, die Generationen brasilianischer Kinder geprägt hat.
Auch das Musicaltheater fand seinen Platz in der Parade. Die Schauspielerin Fabi Bang, bekannt als Glinda in der brasilianischen Inszenierung von Wicked, (ein Broadway-Musical) trat im Kostüm ihrer Bühnenfigur auf. Für zusätzlichen Applaus sorgte die Künstlerin Silvetty Montilla, die als Elphaba aus „Wicked“ über die Avenida zog.
Mit dieser Mischung aus Folklore, Popkultur und feministischer Neuinterpretation verwandelte die Colorado do Brás das Sambódromo in eine Bühne für Hexenbilder zwischen Furcht, Fantasie und Selbstermächtigung.
Als dritte Schule am ersten Abend der Grupo Especial von São Paulo betrat Dragões da Real die Avenida. Für den Carnaval 2026 bringt die Schule den Enredo „Guerreiras Icamiabas – Uma lendária história de força e resistência“ (Kriegerinnen Icamiabas – Eine legendäre Geschichte von Stärke und Widerstand) auf die Strecke.
Das Thema führt ins Herz Amazoniens und erzählt von den Icamiabas, legendären Kriegerinnen, die nach überlieferten Erzählungen an den Ufern des heutigen Rio Amazonas lebten. Der Mythos beschreibt eine Gemeinschaft, die ausschliesslich aus Frauen bestand und für Unabhängigkeit, Mut und Widerstandskraft stand.
Mit einer aufwendig konzipierten Parade setzte die Schule das Thema visuell um. 20 Alas, also thematische Gruppen, vier gross dimensionierte Festwagen sowie ein sogenannter Quadripé bildeten das szenische Gerüst der Präsentation.
Insgesamt wirkten rund 2’700 Mitwirkende mit. Kostüme, Choreografien und Wagen griffen Motive des Regenwalds, indigener Symbolik und der mythischen Erzählung auf und verdichteten sie zu einer klar strukturierten Dramaturgie.
Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte der Auftritt von Lexa. Die Sängerin gab in der Nacht auf Samstag, den 14., ihr Debüt als Madrinha de Bateria im Sambódromo do Anhembi. In dieser Rolle steht sie traditionell an der Spitze der Percussion-Sektion und fungiert als prominentes Aushängeschild der Schule.
Für ihren ersten Auftritt in dieser Funktion investierte sie nach eigenen Angaben erheblich in ihr Kostüm. Gegenüber dem Portal Terra erklärte sie exklusiv, allein für die technische Konstruktion sei ein eigenes Fahrzeug entwickelt worden. Das Hightech-Kostüm, an dem zwei Monate gearbeitet wurde, ist mit 100’000 Kristallen besetzt und verbindet moderne Bühnentechnik mit der opulenten Ästhetik des Karnevals.
Die Kombination aus mythologischer Erzählung, gross angelegter Inszenierung und prominenter Besetzung unterstreicht den Anspruch der Dragões da Real, sich im Wettbewerb der Spitzenklasse klar zu positionieren.
„Me dá um pedacinho de chão“, (Gib mir ein kleines Stück Land) schallt es über die Avenida. Mit diesem Refrain setzt Acadêmicos do Tatuapé als vierte Schule ein deutliches Zeichen.
In der Nacht auf Samstag, den 14., widmete die Schule ihre Parade einer Hommage an die Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra, kurz MST. Unter den Mitwirkenden befanden sich auch der Journalist Chico Pinheiro und der frühere Nationalspieler Raí, die sich dem Zug anschlossen und das Thema auf der Strecke unterstützten.
Der Enredo für 2026 trägt den Titel „Plantar para Colher e Alimentar: Tem Muita Terra Sem Gente e Muita Gente Sem Terra“ (Säen, um zu ernten und zu nähren – Es gibt viel Land ohne Menschen, viele Menschen ohne Land).
Er greift die ungleiche Landverteilung in Brasilien auf und formuliert eine klare Kritik an der historischen Konzentration von Grundbesitz. Gleichzeitig setzt die Schule auf eine positive Botschaft. Die Erzählung mündet in ein Plädoyer für Hoffnung, Solidarität und eine gerechtere Zukunft.
Über die gesamte Strecke hinweg sangen die Teilnehmenden mit hörbarer Leidenschaft. Die Begeisterung war spürbar, der Chor kraftvoll und geschlossen. Der Abschluss der Parade verwandelte sich in ein Fest der Ernte und sorgte für eine ausgelassene Atmosphäre.
Besonders eindrücklich war die Beteiligung von Familienlandwirten, die Früchte für einen der Festwagen spendeten. Nach der Präsentation sollen diese Lebensmittel an Familien im Stadtteil Tatuapé verteilt werden. Damit blieb die Botschaft der Schule nicht nur symbolisch, sondern erhielt eine konkrete soziale Dimension.
Trotz Sanktion und Verzögerung gibt sich die Rosas de Ouro kämpferisch der Direktor der Bateria, erklärte gegenüber einer Zeitung, der verhängte Punktabzug werde die Leistung der Schule nicht beeinträchtigen. „Wir werden eine Parade zeigen, mit der wir das zurückholen, was wir verloren haben. Und wenn Gott will, werden wir es schaffen“, sagte er.
Die Schule war von der Liga das Escolas de Samba de São Paulo mit einem Abzug von 0,5 Punkten belegt worden. Grund war die verspätete Einreichung verpflichtender Unterlagen. Nach Angaben der Liga hätten die Dokumente ausgedruckt und bis spätestens 23.59 Uhr am Montag, dem 9., an ihrem Sitz vorliegen müssen.
Diese Frist wurde nicht eingehalten. In einem Wettbewerb, in dem oft Zehntelpunkte über die Platzierung entscheiden, wiegt eine solche Strafe schwer.
Doch nicht nur formal stand die Rosas de Ouro unter Druck. Auch organisatorisch verlief der Abend holprig. Der geplante Beginn der Parade um 03.20 Uhr in der Nacht auf Samstag, den 14., verschob sich um mehr als eine Stunde. Erst um 04.31 Uhr setzte sich die Schule in Bewegung.
Ursache war ein Ölfilm auf der Strecke im Sambódromo do Anhembi, der nach der vorherigen Parade der Acadêmicos do Tatuapé entdeckt wurde. Mitarbeitende der Liga mussten die Fahrbahn mit Sand, Besen und Tüchern reinigen, um die Sicherheit der Mitwirkenden zu gewährleisten.
Der Vorfall verstärkte kleinere Verzögerungen der zuvor aufgetretenen Schulen und führte zu einem Ketteneffekt im eng getakteten Ablauf der ersten Nacht der Grupo Especial.
Um die eigene Gruppe in der Konzentrationszone bei Laune zu halten, griffen die Musiker der Rosas de Ouro zu einem bewährten Mittel. Sie spielten ältere Sambas aus dem Repertoire der Schule aus dem Stadtteil Brasilândia im Norden São Paulos. So blieb die Stimmung trotz Wartezeit angespannt, aber geschlossen.
Als fünfte Schule des Abends trat die Rosas de Ouro schliesslich mit dem Enredo „Escrito nas Estrelas“ (In den Sternen geschrieben) doch noch an. Zwischen Punktabzug und verspätetem Start war der Druck spürbar. Die Verantwortlichen setzten darauf, dass Disziplin, Rhythmus und Geschlossenheit auf der Avenida stärker wirken würden als jede organisatorische Panne im Vorfeld.
Im Morgengrauen begann der Auftritt der Sambaschule Vai-Vai. Das erste Licht des Tages verlieh dem Moment eine besondere Atmosphäre. Als sechste Schule des Abends betrat Vai-Vai am frühen Samstagmorgen die Avenida und setzte damit einen markanten Akzent kurz vor dem Ende der ersten Paradenacht in São Paulo.
Unter dem Titel „A Saga Vencedora de um Povo Heróico no Apogeu da Vedete Pauliceia“ (Auf dem Spielplan: Die siegreiche Saga eines heldenhaften Volkes im Glanz der Paulicéia-Diva) erzählte die traditionsreiche Schule aus dem Stadtteil Bixiga von Aufbruch, Arbeit und kultureller Selbstbehauptung.
Im Zentrum stand eine Hommage an die Arbeiter von São Bernardo do Campo, jener Industriestadt im Grossraum São Paulo, die wie kaum eine andere für die Geschichte der brasilianischen Industrialisierung steht.
Als erzählerischer Leitfaden diente die legendäre Filmgesellschaft Companhia Cinematográfica Vera Cruz, die in den 1950er-Jahren versuchte, in São Bernardo eine eigenständige brasilianische Filmindustrie aufzubauen. Mit aufwendig gestalteten Wagen und detailreichen Kostümen schlug Vai-Vai eine Brücke zwischen Kino, Arbeitswelt und kollektiver Erinnerung.
Die Schule, die zu den ältesten und erfolgreichsten Formationen des Paulistana-Karnevals zählt, präsentierte eine dynamische und präzise Choreografie. Tänzerinnen und Tänzer bewegten sich mit sichtbarer Energie über die Strecke, begleitet von der kraftvollen Bateria, deren Rhythmus selbst in den frühen Morgenstunden nichts von seiner Intensität eingebüsst hatte.
Als vorletzte Schule des ersten Veranstaltungstages gelang es Vai-Vai, das Publikum noch einmal mitzureissen und die Tribünen zu begeistern. Der Auftritt wirkte geschlossen, temporeich und zugleich erzählerisch klar strukturiert. Ein Abschluss, der die erste Nacht des Karnevals in São Paulo mit Nachdruck abrundete.
Mit einer Hommage an Oxum hat die Sambaschule Barroca Zona Sul den ersten Tag der Paraden im Sambódromo do Anhembi abgeschlossen. In den frühen Morgenstunden des Samstags zog die Schule als letzte Formation über die Avenida und setzte damit einen spirituellen Schlusspunkt unter die Auftaktnacht des Karnevals von São Paulo.
Im Zentrum des Auftritts stand Oxum, die Orixá der süssen Gewässer, verehrt als Göttin der Fruchtbarkeit, der Liebe und der Schönheit. In den afrobrasilianischen Religionen wie Candomblé und Umbanda gilt sie als Symbol für Fürsorge, Wohlstand und weibliche Stärke.
Goldene Farbtöne, fliessende Stoffe und Wasser-Motive prägten das visuelle Erscheinungsbild der Präsentation und griffen zentrale Elemente dieser spirituellen Figur auf.
Der Enredo mit dem Titel „Oro Mi Maió Oxum“ (Göttin Oxum) war das siebte Thema des Abends im Sambódromo do Anhembi. Musikalisch und choreografisch setzte Barroca Zona Sul auf eine Mischung aus religiöser Symbolik und erzählerischer Klarheit.
Die Kompositionen der Bateria verliehen dem Auftritt eine dichte, beinahe rituelle Atmosphäre, während die Alas und Wagen die mythologischen Bezüge in grossformatige Bilder übersetzten.
Barroca Zona Sul, oft als „Faculdade do Samba“ bezeichnet, versteht sich als Ausbildungsstätte für Talente und kreative Köpfe innerhalb der Sambaszene. Beim Wettbewerb der Grupo Especial belegte die Schule im Jahr 2025 den zwölften Platz.
Mit ihrem diesjährigen Beitrag knüpfte sie an ihre Tradition an, kulturelle und religiöse Themen in den Mittelpunkt zu stellen und den Karneval nicht nur als Spektakel, sondern auch als Ausdruck afrobrasilianischer Identität zu inszenieren.
