Die Traditionsschule Império de Casa Verde eröffnet den zweiten Abend der Umzüge im Sambódromo do Anhembi in São Paulo. Die meisten Tribünenplätze und Logen sind bereits besetzt, die Tore sollten um 22.30 Uhr öffnen.

In diesem Jahr greift die Schule erneut Themen wie Herkunft, Erinnerung und weibliche Selbstermächtigung auf. Unter dem Titel „Império dos Balangadãs: joias negras afro-brasileiras“ (Reich der Balangandãs – Schwarze afrobrasilianische Juwelen) widmet sich der Umzug afrobrasilianischem Schmuck, der in der Kolonialzeit zu einem Symbol des Widerstands gegen die Versklavung wurde.
Historisch belegt ist, dass versklavte Frauen Schmuckstücke weiterverkauften, um Geld für ihre Freilassung zu sammeln. Diese Objekte stehen bis heute für kulturelle Identität und Durchhaltewillen.
Die Schule setze auf einen wirkungsvollen Auftakt und eine klare Botschaft. Im Mittelpunkt stehe die Würdigung der schwarzen brasilianischen Kultur und ihrer Geschichte. Am Samstagabend überzeugte die „Império“ vor allem mit ihrer geschlossenen Entwicklung auf der Strecke.
Die präzise Abstimmung zwischen Musik, Tanz und Wagenaufbauten zählte zu den stärksten Momenten des Auftritts. Im vergangenen Jahr hatte die Schule noch um den Klassenerhalt gekämpft und die Gesamtwertung auf Rang elf beendet.
Gleich zu Beginn sorgte ein überdimensionaler goldener Tiger, das Wahrzeichen der Schule, auf dem Eröffnungswagen für Aufmerksamkeit. Daneben erhob sich eine Figur der „Mãe do Ouro“, eine mythologische Gestalt aus der brasilianischen Folklore.
Die Skulptur richtete sich aus einer liegenden Gebetshaltung auf und sank wieder zurück, ein Effekt, der vom Publikum mit Applaus aufgenommen wurde. Für einen kurzen Moment verstummte sogar die Musik. Die Mitglieder klatschten im Takt weiter, ohne die Choreografie zu unterbrechen.
Insgesamt präsentierte sich die Schule farbenprächtig, gut organisiert und ohne erkennbare Zwischenfälle. Der Auftritt endete ruhig und geschlossen, ein selbstbewusstes Signal im Wettbewerb der besten Sambaschulen São Paulos.
Die Sambaschule Águia de Ouro hat in der Nacht zum Sonntag das Publikum im Sambódromo do Anhembi überrascht. Als zweite Schule des Abends präsentierte sie ihr diesjähriges Thema „Mokum Amsterdã, o voo da Águia à cidade libertária“ (Mokum) (Amsterdam – Der Flug des Adlers in die Stadt der Freiheit) und schlug dabei einen weiten kulturellen Bogen von europäischer Geschichte bis zur Gegenwart.
Im Zentrum standen Anspielungen auf Anne Frank und Vincent van Gogh. Eine Formation mit dem Titel „Judia Resistente“ gedachte der jüdischen Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs in nationalsozialistischen Konzentrationslagern ermordet wurden. Die Kostüme waren mit symbolischen Blutstropfen versehen und setzten ein bewusstes, eindringliches Zeichen.
Eine weitere Szene griff das Alltagsbild Amsterdams auf. Überdimensionale Radfahrer erinnerten an die Fahrradkultur der niederländischen Hauptstadt, während Kinder in Tulpenkostümen für heitere Momente sorgten. Die ikonischen Blumen, ein Sinnbild des Landes, setzten farbliche Akzente auf dem Wagen.
Das Wahrzeichen der Schule, eine monumentale Adlerfigur, erschien vor einer goldenen Windmühle. Die Inszenierung spielte auf die Sonnenblumen und die charakteristischen Pinselstriche van Goghs an. Farbintensive Kulissen und bewegte Elemente vermittelten den Eindruck eines lebendigen Gemäldes.
Auch das moderne Amsterdam fand seinen Platz. Bierfeste und elektronische Musik gehörten ebenso zur Erzählung. Ein DJ heizte dem Publikum ein und verband historische Motive mit zeitgenössischer Feierkultur.
Personell stand der Auftritt im Zeichen mehrerer Neuanfänge. Das Tanzpaar an der Spitze der Parade trat in neuer Besetzung an, wobei der männliche Part erstmals diese zentrale Rolle übernahm. Seine Partnerin gehört der Schule bereits seit mehreren Jahren an und gilt als feste Grösse im Ensemble aus dem Stadtteil Pompeia.
Im Vorjahr hatte die Gemeinschaft einen schmerzlichen Verlust verkraften müssen. Ein langjähriger und in der Szene hoch angesehener Protagonist war im Alter von 42 Jahren an Krebs gestorben. Sein Tod hinterliess in der Schule eine spürbare Lücke.
Auch die musikalische Leitung der Schlagzeugsektion wurde neu besetzt. Der neue Verantwortliche, zuvor bei einer anderen Sambaschule der Stadt tätig, übernahm im Mai des vergangenen Jahres die Führung der traditionsreichen Trommlergruppe. Sein Debüt auf der grossen Bühne wirkte entschlossen und energiegeladen und setzte ein klares Zeichen für Kontinuität und zugleich für Erneuerung.
Die Sambaschule Mocidade Alegre widmete ihren diesjährigen Auftritt einer der prägendsten Persönlichkeiten des brasilianischen Theaters und Films: Léa Garcia (Malunga Léa – Rhapsodie einer schwarzen Göttin). In einer farbenreichen, musikalisch dichten Rhapsodie zeichnete die Schule den Lebensweg der Schauspielerin nach, die 2023 im Alter von 90 Jahren in Gramado verstarb, wo sie eine Auszeichnung hätte entgegennehmen sollen.
Bereits auf dem Eröffnungswagen wurde die Künstlerin als Pionierin gewürdigt. In leuchtenden Regenbogenfarben verkörpert, erschien sie als Symbolfigur für Vielfalt, Durchsetzungskraft und künstlerische Freiheit. Die Inszenierung stellte sie in eine Traditionslinie schwarzer Kulturarbeit in Brasilien.
Die Parade erinnerte zudem an Garcias internationale Anerkennung. Für ihre Rolle in Orfeu Negro wurde sie 1957 bei den Filmfestspielen von Cannes als beste Darstellerin nominiert. Auch ihre Arbeiten im brasilianischen Fernsehen fanden Platz in der Erzählung, darunter die Telenovela Escrava Isaura, in der sie die Gegenspielerin Rosa verkörperte.
Ein besonders eindrucksvolles Bild bot ein Wagen mit einer grossen Wasserfläche und der Skulptur der Meeresgöttin Iemanjá. Die Figur stand für die afrikanischen Wurzeln der brasilianischen Kultur und für den antirassistischen Einsatz, der Léa Garcias Leben und Werk prägte.
Neben ihr ehrte die Schule weitere bedeutende schwarze Schauspielerinnen wie Ruth de Souza und Neusa Borges. Sie wurden als Wegbereiterinnen dargestellt, deren Vermächtnis bis heute nachwirkt.
Den emotionalen Schlusspunkt setzte eine Szene, die die nie mehr erlebte Ehrung in Gramado nachzeichnete. Eine Darstellerin verkörperte die Schauspielerin bei der Preisverleihung des dortigen Filmfestivals.
Freunde und Angehörige der Künstlerin verfolgten diesen Moment sichtlich bewegt. Der Applaus im Sambodrom galt nicht nur einer grossen Schauspielerin, sondern einer Biografie, die für kulturelle Selbstbehauptung und künstlerische Exzellenz steht.
Mit einem kraftvollen Manifest hat die Sambaschule Gaviões da Fiel in der Nacht zum Sonntag ein deutliches Zeichen gesetzt. Als vierte Schule des Abends eröffnete sie ihren Auftritt mit der Darstellung eines Rituals rund um das Pulver Yãkoana, ein schamanisches Halluzinogen, das vom Volk der Yanomami verwendet wird.
In der Eröffnungsszene tanzten zehn Indigene um einen Schamanen. Das Thema des Umzugs, „Vozes Ancestrais para um Novo Amanhã“, (Ahnenstimmen für ein neues Morgen) stellte die Stimmen der Vorfahren in den Mittelpunkt und würdigte den Widerstand sowie das kulturelle Erbe der indigenen Völker Brasiliens.
Die Schule verwandelte das Sambodrom in eine symbolische indigene Welt. Zu sehen waren eine nachgebildete Maloca, traditionelle Federschmucke und grafische Muster auf den Kostümen. Eine silbern schimmernde Waldlandschaft bildete den Hintergrund, während halbnackte Frauen auf riesigen Pirarucu-Figuren ritten, einem Fisch, der in der Amazonasregion beheimatet ist.
Der 72 Meter lange Eröffnungswagen zeigte einen überdimensionalen Alligator in Ockertönen. Grün, die klassische Farbe des Regenwaldes, gilt bei der Schule mit ihrer Verbindung zum Fussballclub Sport Club Corinthians Paulista als Tabu und wurde bewusst vermieden.
Ein zentrales Motiv war die Gewalt, die mit der sogenannten Modernisierung einherging. Weinende indigene Figuren symbolisierten die Massaker und die Zerstörung durch Eisenbahnbauten, Abholzung und Viehzucht.
Dem stellte die Inszenierung Bilder des Widerstands entgegen: Ein riesiger Skorpion griff sinnbildlich Umweltverschmutzer an, ein weiterer Wagen zeigte Indigene im Kampf gegen Eindringlinge auf ihrem Land.
Die Schule ehrte zudem bekannte indigene Führungspersönlichkeiten wie Raoni Metuktire, Ailton Krenak, Davi Kopenawa und Sonia Guajajara, die auf einem der Wagen besonders hervorgehoben wurde.
An der Spitze der Trommlergruppe stand erneut Sabrina Sato, seit 2004 mit der Schule verbunden. Ihr Kostüm stellte die Blüten des Waldes dar. In sozialen Netzwerken beschrieb sie es als lebendige Erinnerung an eine Zeit, in der Mensch und Natur im gleichen Rhythmus atmeten.
Der Auftritt verband Anklage und Feier, Trauer und Stolz und machte deutlich, dass die Geschichte der indigenen Völker Brasiliens nicht nur von Leid, sondern auch von Widerstandskraft geprägt ist.
Mit einer musikalischen Zeitreise hat die Sambaschule Estrela do Terceiro Milênio im Sambodrom dem Komponisten Paulo César Pinheiro ein Denkmal gesetzt. Unter dem Titel „Hoje a poesia vem ao nosso encontro: Paulo César Pinheiro, uma viagem pela vida e obra do poeta das canções“ (Heute begegnet uns die Poesie – Paulo César Pinheiro, eine Reise durch Leben und Werk des Liedpoeten) zeichnete die Schule Leben und Werk des 76-Jährigen nach, der zu den prägenden Textdichtern der brasilianischen Musik zählt.
Die Parade stellte die künstlerischen Partnerschaften in den Mittelpunkt. Gewürdigt wurden unter anderem seine Arbeiten mit Clara Nunes, mit der er zwischen 1975 und 1983 verheiratet war, sowie mit Baden Powell, Martinho da Vila, Paulinho da Viola, Ivone Lara, Arlindo Cruz, João Nogueira, Nelson Cavaquinho, Cartola und Candeia. Die Parade machte deutlich, wie stark Pinheiros Texte den modernen Samba geprägt haben.
Auch konkrete Werke fanden ihren Platz in den Allegorien. „Lapinha“, eine Zusammenarbeit mit Baden Powell, gewann 1968 die erste Bienal do Samba in der Interpretation von Elis Regina. „O Canto das Três Raças“, geschrieben mit Mauro Duarte, wurde durch Clara Nunes zu einem Meilenstein der brasilianischen Musikgeschichte. Beide Lieder tauchten in aufwendig gestalteten Wagenbildern auf.
Eine besonders eindrückliche Szene thematisierte die Zeit der Militärdiktatur von 1964 bis 1985. Eine Skulptur zeigte den Komponisten mit verbundenem Mund und erinnerte an die staatliche Zensur, der viele Künstler damals ausgesetzt waren. Die Parade erzählte zudem die
Geschichte von „Pesadelo“, einem seiner Lieder, dass trotz politischer Repression Verbreitung fand.
Mit dieser Hommage präsentierte sich die Schule aus dem Süden von São Paulo als Chronistin eines künstlerischen Lebens, das eng mit der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung Brasiliens verbunden ist.
Als vorletzte Schule der Nacht trat die Sambaschule Tom Maior im Sambodrom an. Die amtierende Siegerin der Aufstiegsgruppe von 2025 eröffnete ihren Umzug mit einem besonderen Gast: Ein Pajé des traditionsreichen Boi Garantido aus Parintins leitete die Inszenierung ein.
Nicht nur er, sondern sämtliche Künstlerinnen und Künstler der Eröffnungskommission stammen aus Parintins. Koordiniert wurde der Auftritt vom Choreografen, ebenfalls mit dem Boi Garantido verbunden. Damit brachte die Schule Elemente der amazonischen Volkskultur auf die grosse Bühne von São Paulo.
Inhaltlich spannte die Parade einen Bogen zwischen der Biografie des Mediums Chico Xavier und der Geschichte der Stadt Uberaba im Bundesstaat Minas Gerais, wo er lebte. Dabei griff die Schule auch die indigenen Wurzeln der Region auf und verband spirituelle Traditionen mit lokaler Geschichte.
Auf einem der zentralen Wagen verkörperte ein Schauspieler den bekannten Geistheiler. E wurde einem breiten Publikum durch den Film Nosso Lar bekannt und steht derzeit auch im Theaterstück „Chico Xavier em Pessoa“ auf der Bühne.
Sein Wagen war mit rund 60 000 Rosen geschmückt. Der Blumenduft, so eine verbreitete Legende, habe jeweils die Ankunft des Mediums angekündigt.
Technisch verlief der Auftritt nicht ganz störungsfrei. Bei einem der Wagen kam es zu Problemen mit der Beleuchtung. Die Störung konnte jedoch noch während der Parade behoben werden, sodass der Umzug ohne weitere Zwischenfälle fortgesetzt wurde.
Für die letzte Sambaschule am diesjährigen Karneval – Camisa Verde e Branco – endete der Auftritt im Sambodrom von São Paulo mit einer heiklen Situation. Kurz vor dem Ziel blockierte der letzte Festwagen auf der Strecke. Die Verzögerung führte dazu, dass die Schule das vorgeschriebene Zeitlimit um 19 Sekunden überschritt.
Hinter den Kulissen kam es zu hektischen Szenen, um die Parade doch noch rechtzeitig abzuschliessen. Inmitten der Anspannung erlitt der Vizepräsident der Schule einen Blutdruckabfall und musste medizinisch versorgt werden. Nach dem Reglement dürfte die Zeitüberschreitung einen Abzug von drei Zehntelpunkten nach sich ziehen, ein Nachteil im engen Wettbewerb der Spitzengruppe.
Bis zu dem Zwischenfall hatte die Schule das Publikum mit ihrem Thema „Abre Caminhos“ (Wegbereiter) begeistert. Im Mittelpunkt stand Exu, in afrobrasilianischen Religionen als Hüter der Kreuzungen, der Wege und der Kommunikation verehrt. Die Inszenierung feierte seine vielfältigen Erscheinungsformen und verband spirituelle Symbolik mit mitreissender Musik.
Die Kostüme und Wagen dominierten in kräftigen Rot-, Schwarz- und Gelbtönen, die im Licht des anbrechenden Morgens besonders intensiv wirkten. Das kraftvolle, von religiösen Elementen geprägte Samba-Lied sorgte für spürbare Dynamik auf den Rängen.
Bereits der Eröffnungswagen setzte ein visuelles Ausrufezeichen: Rund 3000 Kaurimuscheln schmückten die Konstruktion, die sich an afrikanischer Kunst orientierte. Der Duft von Kräutern lag in der Luft, während Anspielungen auf urbane Mythen, auf Zigeunertraditionen sowie eine Formation mit Tranca-Ruas- und Pomba-Gira-Figuren weitere Akzente setzten.
Trotz des technischen Problems bleibt ein Auftritt in Erinnerung, der ästhetisch und inhaltlich starke Bilder schuf.
