Den Schlusspunkt des ersten Paradeabends setzte Estação Primeira de Mangueira mit einer vielschichtigen Inszenierung, die den afroindigenen Traditionen des brasilianischen Nordens gewidmet war. Im Zentrum stand eine charismatische Figur: Meister Sacaca, ein Heiler und spiritueller Ratgeber, der in der populären Vorstellungswelt Amazoniens für Wissen, Naturverbundenheit und spirituelle Vermittlung steht.

Mangueira, bekannt in den Farben Grün und Rosa, griff mit diesem Thema bewusst auf kulturelle Wurzeln zurück, die im nationalen Diskurs häufig an den Rand gedrängt werden. Im Fokus stand die Identität des Tucuju-Volkes, indigene Gemeinschaften aus der Region an der Mündung des Rio Oiapoque im heutigen Bundesstaat Amapá.
Diese Region im äussersten Norden des Landes ist geprägt von Flusslandschaften, dichter Vegetation und einer Geschichte, in der indigene, afrikanische und koloniale Einflüsse aufeinandertreffen.
Die Schule zeichnete das Bild eines kulturellen Raums, in dem Heilpflanzen, rituelle Gesänge und spirituelle Praktiken zum Alltag gehören. Der Curandeiro wurde dabei nicht nur als folkloristische Figur dargestellt, sondern als Träger kollektiver Erinnerung. Seine Rolle symbolisiert ein Wissen, das über Generationen mündlich weitergegeben wurde und bis heute in vielen Gemeinschaften lebendig ist.
Mit opulenten Kostümen, die Elemente indigener Symbolik und afrikanischer Ästhetik verbanden, sowie Allegorien, die Flüsse, Wälder und spirituelle Wesen heraufbeschworen, verwandelte Mangueira die Sambapiste in eine Reise durch die sogenannte „Amazônia Negra“. Gemeint ist damit die oft übersehene afrobrasilianische Präsenz im Amazonasgebiet, die sich in Musik, Glaubensformen und Alltagskultur widerspiegelt.
Die Präsentation war damit mehr als eine ästhetische Darbietung. Sie verstand sich als kulturelles Statement. Mangueira stellte die Frage, wessen Geschichten im nationalen Gedächtnis Platz finden und wessen Wissen als wertvoll anerkannt wird. Indem die Schule Sacaca und die Tucuju-Tradition ins Zentrum rückte, setzte sie ein Zeichen für Anerkennung, Sichtbarkeit und Respekt gegenüber den vielfältigen Wurzeln des brasilianischen Nordens.

Samba-Enredo 2026 (Themen-Samba)
Mestre Sacaca do Encanto Tucuju – O Guardião da Amazônia Negra
Meister Sacaca aus dem Zauberland Tucuju – Der Wächter des Schwarzen Amazonas
Karnevalist: Sidnei França
Die Geschichte zur Parade
Diese Geschichte beginnt im Wald, im Norden Brasiliens, dort, wo das Land geografisch und symbolisch seinen Anfang nimmt, gibt es ein Ritual namens Turé. Es ist ein Fest des Dankes an die unsichtbaren Wesen, an die sogenannten Encantados, die zwischen der sichtbaren Welt und dem Jenseits leben. In diesem Moment tritt er hervor: Mestre Sacaca, Schamane und Babalaô des Tucuju-Volkes, Hüter des Wissens der schwarzen Amazônia.
Sacaca erscheint nicht als Erinnerung an die Vergangenheit. Er kommt als Verzauberter. Er ist präsent im Wald, im Wasser, im Klang der Trommeln und im kollektiven Gedächtnis seines Volkes. Als Heiler, Marabaixo-Tänzer, Karnevalist und Verteidiger des Waldes kennt er jedes Blatt, jede Wurzel, jedes Gebet. Mangueira betritt den Wald unter seiner Führung und lernt, der Natur zuzuhören und ihre Zeichen zu verstehen.
Die Reise führt weiter über die Flüsse. Das Wasser trägt Sacaca zu Nebenarmen, Pfahlbauten und abgelegenen Gemeinden. Er bewegt sich zwischen indigenen Gemeinschaften und Quilombolas, spricht mit Sammlern, hört den Frauen zu, die Paranüsse verarbeiten, und beobachtet den Rhythmus der Gezeiten. In dieser Welt hängt alles vom Fluss ab: Arbeit, Glaube und Leben. Die Gewässer tragen Geschichten und Geheimnisse, und Sacaca versteht es, ihnen zuzuhören.
Vom Wasser geht es zurück in den Wald. Dort liegt die Kraft der Heilung. Sacaca bereitet Kräutermischungen, Tees, Bäder und Salben zu. Samen, Rinden, Blätter und Blüten werden zu Medizin. Jede Heilung verbindet Pflanze und Gebet, Erfahrung und Zauber. Das Wissen, das er bewahrt, stammt von schwarzen und indigenen Vorfahren und wird seit Generationen weitergegeben. Heilen ist ein heiliger Akt.
Dann rufen die Trommeln, und der Wald verwandelt sich in ein Fest. Baumstämme werden zu Instrumenten, das Leder wird über dem Feuer gespannt, der Klang breitet sich aus. Marabaixo, Batuque, Sairé, die Messe der Quilombos. Das Heilige beginnt zu tanzen. Die Kirche wird zum Terreiro, der Terreiro (rituellen Versammlungsort) zur Strasse. Frauen drehen sich mit weiten Röcken, das Volk singt, die Körper folgen dem Rhythmus. Die Trommel heilt, verbindet und verwandelt.
Sacaca ist in all dem gegenwärtig. Im Mast, der aufgerichtet wird, im Lianenseil, das bindet, im Ton der Töpferinnen, im Açaí, der Hände und Münder färbt, im Jaguar, der den Wald bewacht, und im Amapazeiro-Baum, der stark wächst und Schatten spendet. Er ist nicht nur ein Mensch. Er ist lebendiger Wald.
Am Ende des Trancezustands wird das Geheimnis klar. Mestre Sacaca ist nicht gegangen. Er hat sich ausgebreitet. Er wurde Wurzel, Wasser, Klang und Erinnerung. Er ist zum Wächter der schwarzen Amazônia geworden, zum Symbol eines Nordens, der widersteht, erschafft und Wissen weitergibt.
Diese Saga bringt Mangueira auf die Avenida. Eine Geschichte von Heilung, Verzauberung und Widerstand. Ein grün-rosa Gesang, der die afro-indigene Amazônia feiert und daran erinnert, dass der Encantado weiterlebt, solange der Wald steht.
