Die Sambaschule Mocidade Independente de Padre Miguel eröffnete die Parade am zweiten Abend auf der legendären Marquês de Sapucaí mit einer eindrucksvollen Hommage an Rita Lee. Die Sängerin gilt als prägende Figur der brasilianischen Pop- und Rockgeschichte und als Symbolfigur für gesellschaftliche Selbstbestimmung.

Unter dem Titel „Rita Lee, die Schutzpatronin der Freiheit“ zeichnete der diesjährige Enredo die mehr als fünf Jahrzehnte umfassende Karriere der Künstlerin nach. Im Zentrum stand nicht nur ihr musikalisches Werk, sondern auch ihre Haltung. Rita Lee trat zeitlebens selbstbewusst gegen Machismo, Zensur und Vorurteile auf. Sie verband künstlerische Eigenständigkeit mit einer klar feministischen und gesellschaftskritischen Positionierung.
Die Inszenierung griff die psychedelische Ästhetik und den Geist der Gegenkultur auf, die ihre frühen Jahre prägten. In farbintensiven Allegorien und detailreichen Kostümen spiegelte sich die Vielschichtigkeit der Musikerin. Von der kreativen Explosion mit der Band Os Mutantes bis zur erfolgreichen Solokünstlerin, die sich während der Militärdiktatur nicht zum Schweigen bringen liess, spannte sich ein weiter dramaturgischer Bogen. Jede Phase ihres Schaffens erhielt einen klaren Platz im narrativen Aufbau der Parade.
Besondere Akzente setzten thematische Gruppen wie die Darstellung des bewusstseinserweiternden Rock-Universums der 1970er Jahre oder die Choreografie „Xadrez 21“, die auf die Repressionen jener Zeit anspielte. Auch die Formation „Ovelha Negra“ griff einen ihrer bekanntesten Songs auf und verwandelte ihn in ein kraftvolles Bild für Selbstbehauptung und Stolz. Mit ihrem Auftakt setzte die Mocidade ein deutliches Zeichen.
Die Parade verstand sich als Einladung, Freiheit nicht nur als politisches Schlagwort, sondern als gelebte Haltung zu begreifen. Freiheit, man selbst zu sein. Freiheit, zu lieben. Freiheit, kreativ zu sein. Für einen Abend verwandelte sich die Avenida in eine grosse Bühne für Rock, Widerspruchsgeist und Lebensfreude. Genau jener Geist, den Rita Lee über Jahrzehnte verkörperte und der bis heute nachwirkt.

Samba-Enredo 2026 (Themen-Samba)
Rita Lee, a padroeira da liberdade
Rita Lee, die Schutzpatronin der Freiheit
Karnevalist: Renato Lage
Die Geschichte zur Parade
Diese Geschichte beginnt mit einem Mädchen, das sich entschied, nicht um Erlaubnis zu fragen. Rita Lee kam in eine Zeit, in der alles gleich sein sollte. Ordentlich, angepasst, farblos. Sie war das genaue Gegenteil.
Sie liebte Lärm, lautes Lachen und die Provokation. In einer Epoche, in der Mädchen im Rock kaum Platz hatten, trat sie die Tür auf, ging auf die Bühne und machte unmissverständlich klar: Auch dieser Raum gehört uns.
Rita mischte, was ihr gefiel. Den Rock aus fernen Ländern, von englischen Schallplatten, verband sie mit brasilianischem Rhythmus, Ironie und spielerischer Frechheit. Ihre Lieder klangen leicht, fast verspielt, doch was sie sagte, war ernst und direkt.
Mit den Mutantes prägte sie einen Sound, der wie eine Reise ins All wirkte und gleichzeitig vom Brasilien jener Jahre erzählte. Ein Land im Ausnahmezustand, überwacht, reglementiert, von Zensur geprägt. Die Musik war experimentell, die Botschaft klar.
Irgendwann spürte Rita, dass es Zeit für den nächsten Schritt war. Sie ging ihren eigenen Weg, ohne Angst vor dem Neuanfang. Unterwegs fand sie neue Lieder, neue Ausdrucksformen und einen Partner, mit dem sie Leben und Kunst teilte. Ihre Haltung blieb dieselbe. Frei, neugierig, erfinderisch.
Der Weg war jedoch alles andere als einfach. Während der Militärdiktatur geriet sie ins Visier der Machthaber. Ihre Texte störten, ihr Auftreten provozierte, ihr Lebensstil widersprach der verordneten Moral. Sie wurde zensiert, verfolgt und verhaftet. Rückzug kam für sie dennoch nicht infrage. Sie sang lauter, lachte offener und schuf unermüdlich weiter.
In ihren Liedern sprach Rita über Liebe, Begehren, Lust und Freiheit mit einer Offenheit, die bis dahin selten war. Sie sang von Frauen ohne Schuldgefühle und ohne Angst, selbstbestimmt, souverän über den eigenen Körper und den eigenen Willen. Damit öffnete sie Räume, in denen auch andere Frauen sprechen, schaffen und existieren konnten, ohne sich zu rechtfertigen.
Rita Lee (sie starb am 08. Mai 2023 im Alter von 75 Jahren) war nie nur eines. Sie war vieles zugleich. Rockikone, Komponistin, Schriftstellerin, Schauspielerin, Moderatorin und engagierte Kämpferin für Tierrechte. Heilige und Hexe, verehrt von den einen, abgelehnt von den anderen. Vor allem aber blieb sie sich selbst treu.
Nun findet diese Geschichte ihren Weg in den Karneval. Die Mocidade lädt Rita Lee in den Tempel des Samba ein, wo alles zur Feier wird. Ihre Lieder erobern die Avenida, das Publikum singt, tanzt, lacht und feiert mit. Rock wird zu Karneval. Freiheit trägt Kostüm. Und Rita Lee steht im Zentrum, kraftvoll und unübersehbar, und bringt Brasilien einmal mehr zum Singen. Ohne Angst, ohne Zensur, ohne Grau.
