Die Sambaschule Paraíso do Tuiuti eröffnete die 3. Paradennacht und brachte ein Thema auf die Avenida, das weit über den Karneval hinausgeht. Mit dem Enredo „Lonã Ifá Lucumí“ verwandelte sie die Festmeile in einen sakralen Raum und erzählte von einem spirituellen Erbe, das Ozeane überquerte und bis heute lebendig geblieben ist.

Im Zentrum stand die Reise des Ifá, des Orakelsystems des Gottes Orunmilá. Dieses komplexe Wissens- und Glaubenssystem hat seine Wurzeln in Westafrika. Während der transatlantischen Verschleppung versklavter Menschen gelangte es in die Karibik und nach Brasilien. Dort überdauerte es Jahrhunderte der Unterdrückung und kulturellen Auslöschung. Die Tuiuti griff diese Geschichte auf und inszenierte sie als Weg des Überlebens, der Anpassung und der spirituellen Kontinuität.
Die Dramaturgie des Umzugs folgte einer klaren Linie. Sie führte das Publikum durch die jahrtausendealte Tradition des Ifá, verband Westafrika, die karibische Welt und Brasilien in einer gemeinsamen Erzählung von Herkunft und Widerstandskraft. Dabei wurde deutlich, dass Ifá nicht nur ein Orakel ist, sondern ein umfassendes System ethischer, philosophischer und kosmologischer Lehren. Seine Bewahrer, die Babalawos, gelten als Hüter eines Wissens, das mündlich über Generationen weitergegeben wird.
Der Samba-Enredo trug diese Botschaft mit poetischer Wucht. In seinen Versen wurden die afrikanischen Wurzeln ausdrücklich gewürdigt. Die Texte hoben das überlieferte Wissen der Priester hervor und betonten die Bedeutung des Ashé, jener lebensspendenden Energie, die nach yorubaischem Verständnis alles Sein durchdringt und Bewegung in die Schöpfung bringt.
Im Verlauf des Defilees verwandelte sich die Avenida in einen Ort der Ehrfurcht. Bilder, Kostüme und Choreografien machten sichtbar, wie das Ifá verschiedene Zivilisationen durchquerte, die afrikanische Diaspora überstand und sich in neuen Territorien verwurzelte, ohne seinen Kern zu verlieren. So entstand eine Inszenierung, die nicht nur ästhetisch beeindruckte, sondern auch ein Stück religiöser und kultureller Geschichte ins Zentrum des brasilianischen Karnevals rückte.

Samba-Enredo 2026 (Themen-Samba)
Lonã Ifá Lukumi
Lonã Ifá Lukumi (spiritueller Name aus der Yoruba-Tradition)
Karnevalist: Jack Vasconcelos
Die Geschichte zur Parade
Man sagt, dass die Kultur der Yoruba die Welt mit jenen durchquert, die sie in sich tragen. Auf diesem Weg gelangte sie auch nach Kuba. In Westafrika bewahrten die Yoruba ihr Wissen im Ifá, einem Orakel, das Orientierung gibt, das Schicksal deutet und den Weg des Gleichgewichts lehrt. Dieses Wissen lag nicht in Büchern, sondern lebte in der gesprochenen Sprache, in Gesten und im kollektiven Gedächtnis. Überliefert wurde es von den Babalaôs, Hütern der Zeichen des Lebens und Vermittlern zwischen Menschen und Orishas.
Als Männer und Frauen der Yoruba gewaltsam aus ihrer Heimat verschleppt und über den Atlantik gebracht wurden, blieb ihnen keine Wahl. In Kuba wurden sie als Lucumí bezeichnet und zur Arbeit auf Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen gezwungen. Gewalt und Entwurzelung prägten ihren Alltag. Doch sie nahmen ihre Sprache und ihren Glauben mit.
In den Unterkünften der Versklavten und auf den Plantagen begannen die Lucumí, ihre Religion neu aufzubauen. Im Verborgenen bewahrten sie das Ifá, gaben Rituale an die Jüngeren weiter und hielten die Orishas im Alltag lebendig. In der Region Matanzas gewann dieses Erbe besondere Kraft und wurde zum Ausdruck von Widerstand.
Dort führte die Afrikanerin Carlota Lucumí einen grossen Aufstand gegen die Sklaverei an und wurde zum Symbol für Mut und Kampfgeist der yorubischen Gemeinschaft auf kubanischem Boden. Auch Matanzas wurde zu einem zentralen Ort für die Verwurzelung des Ifá. Remígio Herrera, bekannt als Adechina, wurde in die Sklaverei geboren und entwickelte sich zu einer Schlüsselfigur für den Erhalt dieser Tradition.
Nach seiner Freilassung kehrte er nach Afrika zurück, um als Babalaô initiiert zu werden. Anschliessend kam er nach Kuba zurück, mit dem Ziel, den Ifá-Kult in den Amerikas zu ordnen und weiterzugeben. Von ihm ausgehend festigte sich das Orakel und wurde über Generationen hinweg weitervermittelt.
Um der kolonialen Verfolgung zu entgehen, verbanden die Lucumí ihre Orishas mit katholischen Heiligen. So entstand die Santería, auch bekannt als Regla de Ocha oder Regla Lucumí. Sie war eine Strategie des Überlebens und ermöglichte es, den Glauben unter dem Schutz religiöser Tarnung zu bewahren.
Aus dieser erzwungenen Überfahrt entstand eine neue Heimat für die yorubische Tradition. In Kuba lebte Afrika weiter, neu geformt, widerständig und lebendig. Diese Geschichte von Schmerz, Glauben und Beharrlichkeit bringt die Paraíso do Tuiuti auf die Avenida. Sie erzählt, wie die yorubische Kultur Kuba erreichte und dort Wurzeln schlug, ohne sich selbst zu verlieren.
