Der Karneval gehört zu Brasilien wie der Fussball zur Seleção. Er ist weit mehr als ein farbenprächtiges Spektakel mit glitzernden Kostümen, gewaltigen Umzugswagen und mitreissenden Rhythmen. Für Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer verkörpert er Identität, Geschichte und Gemeinschaft.

Genau deshalb fordern die Sambaschulen des Landes nun entschlossen eine stärkere und langfristig gesicherte Unterstützung durch den Staat. Zum Abschluss ihres Kongresses in São Paulo hat die Nationale Föderation der Sambaschulen (Fenasamba) ein deutliches Zeichen gesetzt. Die Organisation fordert eine nationale Kulturpolitik, die den Karneval als dauerhaft schützenswertes Kulturgut anerkennt und fördert.
Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur die weltberühmten Umzüge in Rio de Janeiro oder São Paulo, sondern vor allem die zahlreichen Sambaschulen in kleineren Städten und Quartieren, die oft im Schatten der grossen Metropolen stehen. Während des Conasamba 2026, der vom 4. bis 7. Juni stattfand, diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus allen Regionen Brasiliens über die Zukunft des Karnevals.
Themen wie Strassenkarneval, Unternehmertum, Nachhaltigkeit, die Rolle der Frauen innerhalb der Schulen sowie die Professionalisierung der Branche standen auf der Agenda. Die Ergebnisse wurden in der sogenannten «Carta de São Paulo» festgehalten, einem Manifest, das die kulturelle Bedeutung der Sambaschulen eindrücklich unterstreicht.
Darin heisst es, dass Tausende von Sambaschulen in ganz Brasilien die Flamme einer Tradition am Leben erhalten, die Generationen verbindet. Sie bilden Künstler aus, bewahren lokale Erinnerungen und stärken kulturelle Identitäten. Gerade in den weniger bekannten Regionen des Landes übernehmen die Schulen oft eine soziale Funktion, die weit über den Karneval hinausgeht. Viele bieten Kindern und Jugendlichen Perspektiven, fördern musikalische Ausbildung und schaffen Orte der Begegnung.
Die Delegierten des Kongresses betonten deshalb, dass eine gerechtere Verteilung öffentlicher Gelder dringend notwendig sei. Bislang profitieren häufig jene Veranstaltungen, die bereits über hohe mediale Aufmerksamkeit und starke private Sponsoren verfügen. Kleinere Schulen kämpfen dagegen vielerorts ums Überleben. Eine ausgewogene Finanzierung würde ihnen ermöglichen, langfristig zu planen und ihre Arbeit unabhängig von kurzfristigen Zuschüssen oder Last-Minute-Entscheidungen fortzuführen.
Konkret fordert die Fenasamba dauerhafte staatliche Programme zur Förderung des Karnevals. Diese sollen die Ausbildung von Fachkräften unterstützen, den Zugang zu Finanzierungsinstrumenten erleichtern, den Austausch zwischen den verschiedenen Regionen fördern und die infrastrukturellen Grundlagen der Sambaschulen stärken.
Zugleich sehen die Organisatoren grosses Potenzial für den Tourismus ausserhalb der bekannten Karnevalshochburgen. Viele Städte verfügen über traditionsreiche Umzüge und lebendige Sambakulturen, die bisher kaum überregional wahrgenommen werden. Eine gezielte Förderung könnte neue wirtschaftliche Impulse schaffen und dazu beitragen, die kulturelle Vielfalt Brasiliens sichtbarer zu machen.
In ihrem Schlussdokument fordert die Fenasamba daher das brasilianische Kulturministerium auf, unverzüglich eine Nationale Politik zur Förderung des Karnevals zu schaffen. Diese soll mit dauerhaft bereitgestellten Bundesmitteln ausgestattet werden. Die Verteilung der Gelder müsse nach technischen, kulturellen und sozialen Kriterien erfolgen und allen Bundesstaaten gerecht werden.
Für die Verantwortlichen geht es dabei um weit mehr als um einige Tage ausgelassener Feierlichkeiten. Der Karneval wird als lebendiges kulturelles Erbe verstanden, das in sämtlichen Regionen Brasiliens verwurzelt ist. Die Sambaschulen sehen sich als Hüterinnen dieser Tradition und als Botschafterinnen einer Kultur, die Brasilien weltweit prägt.
Ihre Botschaft aus São Paulo ist eindeutig: Wer den Karneval stärkt, stärkt zugleich die kulturelle Seele Brasiliens.
