Mehr als 1,5 Millionen Menschen aus 148 Ländern haben im vergangenen Jahr die Cataratas do Iguaçu besucht. Besonders viele Gäste reisten aus Frankreich, Spanien, Deutschland und Grossbritannien an. Die mächtigen Wasserfälle an der Grenze zu Argentinien zählen seit Jahren zu den bekanntesten Naturattraktionen Südamerikas und wurden mehrfach unter die schönsten der Welt gewählt. Doch so spektakulär sie auch sind, sie stehen nur stellvertretend für den aussergewöhnlichen Wasserreichtum Brasiliens.

Wie viele Wasserfälle es im grössten Land Südamerikas tatsächlich gibt, weiss niemand. Allein im Munizip Prudentópolis im Bundesstaat Paraná haben Forschende und lokale Initiativen bereits über hundert Wasserfälle erfasst. Einige von ihnen stürzen aus mehr als hundert Metern Höhe in die Tiefe. Diese Konzentration hat der Region den Beinamen „Land der gigantischen Wasserfälle“ eingebracht. Für Besucher wurden Wanderwege und Aussichtspunkte eingerichtet, die einen behutsamen Zugang zur Natur ermöglichen und gleichzeitig den sanften Tourismus fördern.
Zu den höchsten Wasserfällen Brasiliens gehört der Cachoeira da Fumaça im Nationalpark Chapada Diamantina im Bundesstaat Bahia. Mit einer Fallhöhe von rund 340 Metern zählt er zu den eindrucksvollsten des Landes. Bei starkem Wind verdunstet ein Teil des Wassers bereits in der Luft, was dem Wasserfall seinen Namen verleiht. Wanderwege führen sowohl zum Fuss als auch zum oberen Rand des Wasserfalls und bieten unterschiedliche Perspektiven auf die dramatische Landschaft. Die Tageszeitung Folha de São Paulo führt ihn in ihrer Liste der zehn Wasserfälle, die man in Brasilien gesehen haben sollte.
Ebenfalls in der Chapada Diamantina liegt der Cachoeira Encantada, der Verzauberte Wasserfall. Er fällt rund 300 Meter tief in eine enge Schlucht und beeindruckt durch seine abgeschiedene Lage in einem Cañon. Besonders in der Regenzeit zeigt sich seine ganze Kraft. Auch er wurde von Folha de São Paulo zu den schönsten Wasserfällen des Landes gezählt und gilt als Beispiel für die wilde, kaum veränderte Natur dieser Region.
Ein ganz anderes Bild bietet der Cachoeira do Acaba Vida im Westen Brasiliens. Mit 36 Metern Höhe ist er vergleichsweise niedrig, doch seine Wirkung entfaltet er durch das Zusammenspiel von Wasser, Felsen und dichter Vegetation. Das natürliche Becken am Fuss des Wasserfalls lädt an heissen Tagen zum Baden ein und macht ihn zu einem beliebten Ziel für Einheimische und Reisende, die Ruhe suchen.
Der Cachoeira Santa Bárbara befindet sich in der Nähe des Nationalparks Chapada dos Veadeiros im Bundesstaat Goiás. Der Zugang ist nur mit einem zertifizierten lokalen Guide erlaubt, was dem Schutz des sensiblen Ökosystems dient. Die rund sieben Kilometer lange Wanderung erfordert eine gewisse Kondition. Am Ziel wartet ein Wasserfall, der in ein Becken mit auffallend türkisfarbenem, glasklarem Wasser mündet. Das Baden ist erlaubt und zählt für viele Besucher zu den Höhepunkten der Region.
Eine Besonderheit unter Brasiliens Wasserfällen sind die Cachoeiras dos Dragões, die Wasserfälle der Drachen. Tatsächlich handelt es sich um eine Gruppe von acht einzelnen Wasserfällen, die entlang eines 4,5 Kilometer langen Rundwegs liegen. Sie gehören zum Gelände des buddhistischen Klosters Eishō-ji und verbinden Naturerlebnis mit spiritueller Ruhe. Der Weg ist gut markiert und erlaubt es, die Wasserfälle in gemächlichem Tempo zu entdecken.
Im Bundesstaat Minas Gerais liegt der Cachoeira do Tabuleiro, der mit 273 Metern Fallhöhe zu den höchsten Wasserfällen Brasiliens zählt. Er befindet sich im geschützten Parque Natural Municipal do Tabuleiro und kann über ausgewiesene Wanderwege erreicht werden. Besonders auffällig ist die Felsformation, aus der das Wasser austritt und die aus der Ferne an die Form eines Herzens erinnert. Auch dieser Wasserfall findet sich auf der Top-Ten-Liste.
Etwas stärker touristisch erschlossen ist der Cachoeira Nascentes das Gerais. Er liegt auf Privatgrund und bietet eine Infrastruktur mit Restaurant, Übernachtungsmöglichkeiten und Campingplätzen. Damit richtet er sich auch an Reisende, die Naturerlebnis mit Komfort verbinden möchten. Trotz der Erschliessung bleibt die Umgebung gepflegt und naturnah.

Abenteuerlust ist gefragt beim Cachoeira Janela do Céu im Parque Estadual de Ibitipoca. Der Name, Himmelsfenster, bezieht sich auf den Blick vom oberen Rand des Wasserfalls in die Tiefe. Um ihn zu erreichen, ist eine sechs- bis achtstündige Wanderung erforderlich, hin und zurück gerechnet. Der Weg führt über Bergpfade, vorbei an Grotten und kleineren Wasserfällen und verlangt Trittsicherheit. Der Ausblick am Ziel gilt vielen als einer der eindrucksvollsten in Minas Gerais.
Der neunte Wasserfall der Liste liegt im Nationalpark Serra da Bocaina, eingebettet in den Atlantischen Regenwald. Der Cachoeira Santo Izidro ist rund 50 Meter hoch und ergiesst sich in ein weitläufiges Wasserbecken. An warmen Sommertagen ist es ein beliebter Badeplatz. Der 1,5 Kilometer lange Wanderweg dorthin ist Teil der historischen „Trilha do Ouro“, des Goldwegs, der im 18. Jahrhundert für den Transport von Gold zur Küste angelegt wurde und heute Natur- und Kulturgeschichte verbindet.
Den Abschluss der Liste bilden die Cataratas do Iguaçu. Mit ihren Hunderten von einzelnen Kaskaden und der gewaltigen Wassermenge sind sie nicht nur ein Naturwunder, sondern auch ein Symbol für den Reichtum und die Vielfalt der brasilianischen Landschaft. Sie stehen exemplarisch für ein Land, dessen Wasserfälle weit über einen einzigen berühmten Namen hinausgehen.
