Alle vier Jahre wiederholt sich nach einem gescheiterten Turnier dasselbe Schauspiel. Kaum ist der Schlusspfiff verklungen, beginnt die Jagd nach Schuldigen. Spieler werden verurteilt, Trainer öffentlich zerlegt und ganze Karrieren infrage gestellt. Die Enttäuschung über das Ausscheiden der Nationalmannschaft verwandelt sich innert Stunden in eine Welle aus Vorwürfen, Anklagen und persönlichen Angriffen.

Dabei scheint es vielen nicht mehr darum zu gehen, das Scheitern zu verstehen. Es geht darum, einen Namen zu finden, auf den sich die Wut richten lässt. Sofort werden die grossen Legenden des brasilianischen Fussballs hervorgeholt. Romário, Ronaldo, Bebeto und Ronaldinho Gaúcho werden als Vergleichsfiguren bemüht, als stammten sie aus einer perfekten Fussballwelt ohne Niederlagen, Kritik oder Enttäuschungen.
Jede Aussage ehemaliger Stars wird seziert, jede Analyse als endgültige Wahrheit verkauft. Gleichzeitig entstehen unzählige Theorien darüber, was hätte anders gemacht werden müssen und wer die Verantwortung tragen soll. Doch die grösste Veränderung gegenüber früheren Generationen liegt nicht auf dem Spielfeld, sondern auf den Bildschirmen der Welt.
Vor dem Zeitalter der sozialen Medien wurde diskutiert, gestritten und argumentiert. Menschen trafen sich in Restaurants, Bars, Vereinsheimen oder auf öffentlichen Plätzen. Wer eine Meinung hatte, musste sie seinem Gegenüber direkt ins Gesicht sagen. Es gab Widerspruch, Diskussionen und manchmal sogar Versöhnung. Man sprach miteinander.
Heute reicht ein Smartphone, um innerhalb weniger Sekunden über einen Menschen zu urteilen. Millionen von Kommentaren, Memes, Fake News und Anschuldigungen verbreiten sich in rasanter Geschwindigkeit. Viele der lautesten Stimmen verstecken sich dabei hinter Fantasienamen, anonymen Profilbildern oder künstlich aufgebauten Accounts. Die Hemmschwelle sinkt, die Härte der Worte steigt.
Aus Kritik wird Häme. Aus Analyse wird Verurteilung. Aus Enttäuschung wird ein digitaler Lynchmob.
Besonders tragisch ist, dass die Betroffenen kaum eine Möglichkeit haben, sich zu verteidigen. Gegen hunderttausende Kommentare kann kein Mensch anreden. Gegen Millionen von Klicks, Likes und geteilten Beiträgen gibt es keine faire Diskussion mehr. Die sozialen Medien haben dem Fussball eine Bühne gegeben, auf der oft nicht mehr der Sport im Mittelpunkt steht, sondern die öffentliche Demontage von Menschen.
Aktuell erlebt Neymar genau dieses Schicksal. Nach dem Ausscheiden Brasiliens wird er erneut zum Hauptschuldigen erklärt. Für viele Kritiker scheint die Niederlage bereits erklärt, sobald sein Name fällt. Dabei genügt ein nüchterner Blick auf die Fakten, um zu erkennen, wie absurd manche Vorwürfe sind. Ein Spieler, der nur rund 30 Minuten auf dem Platz stand, kann unmöglich allein für das Scheitern einer ganzen Mannschaft verantwortlich gemacht werden.
Doch Neymar war nie einfach nur ein Fussballer. Seit Jahren ist er Projektionsfläche für Bewunderung und Ablehnung zugleich. Für die einen ist er ein Ausnahmekönner, einer der grössten brasilianischen Spieler seiner Generation. Für die anderen verkörpert er alles, was sie am modernen Fussball stört. Dazwischen scheint kaum Platz für eine sachliche Betrachtung zu bleiben.
Dabei wird oft vergessen, was Neymar für die Seleção geleistet hat. Über mehr als ein Jahrzehnt hat er Verantwortung übernommen, Tore erzielt, Titel gewonnen und sich immer wieder dem enormen Druck gestellt, den das Trikot Brasiliens mit sich bringt. Natürlich hat er Fehler gemacht. Welcher Weltklassespieler hat das nicht? Doch ebenso wahr ist, dass er dem brasilianischen Fussball unzählige magische Momente geschenkt hat.
Besonders bitter ist, dass viele seiner körperlichen Probleme genau dort entstanden sind, wo er seinem Land dienen wollte. Verletzungen, Rückschläge und Schmerzen begleiteten einen grossen Teil seiner Laufbahn im Nationalteam. Dennoch kehrte er immer wieder zurück.
Der wahre Fussballfan verlangt etwas anderes als die tägliche Empörungswelle in den sozialen Netzwerken. Er braucht keine Schlammschlachten, keine erfundenen Geschichten und keine Kampagnen gegen einzelne Spieler. Er möchte ehrliche Emotionen erleben. Er möchte Mannschaften sehen, die alles geben, faire Spiele austragen und mit Würde gewinnen oder verlieren.
Fussball war nie ein Sport ohne Niederlagen. Selbst die grössten Mannschaften der Geschichte mussten Rückschläge hinnehmen. Brasilien wurde nicht zur grössten Fussballnation der Welt, weil es immer gewonnen hat. Brasilien wurde gross, weil es nach Niederlagen wieder aufgestanden ist.
Vielleicht wäre genau das die wichtigste Lehre nach diesem Turnier. Weniger Hass. Weniger Vorverurteilungen. Weniger digitale Tribunale. Mehr Respekt vor den Menschen hinter den Trikots. Denn am Ende sind es nicht die Kommentare in den sozialen Medien, die den Fussball gross machen. Es sind die Spieler auf dem Platz, die Fans auf den Tribünen und die gemeinsame Leidenschaft für ein Spiel, bei dem man manchmal gewinnt und manchmal verliert. Genau darin liegt seine wahre Schönheit.
