Neue Vorschriften bringen mehr Tempo in Brasiliens Meisterschaft

Die neuen Massnahmen gegen Zeitspiel im brasilianischen Profifussball zeigen bereits erste Wirkung. Das Regelpaket, das am 10. August von den Klubs der Série A und Série B beschlossen wurde, kam am ersten Wochenende nach seiner Einführung in neun Begegnungen der 23. Runde der höchsten Spielklasse zur Anwendung. Dabei stieg die durchschnittliche Nettospielzeit um rund fünf Prozent.

Neue Fussballregeln in Brasilien – Grafik mithilfe einer KI erstellt

Vor der Unterbrechung der Meisterschaft wegen der Weltmeisterschaft war der Ball in einer Partie der Série A durchschnittlich 52 Minuten und 54 Sekunden im Spiel. Damit lag der brasilianische Spitzenfussball deutlich unter dem von der FIFA angestrebten Wert von 60 Minuten. In den ersten neun Spielen mit den neuen Vorgaben erhöhte sich die Nettospielzeit auf 55 Minuten und 29 Sekunden. Das entspricht einer Zunahme von zwei Minuten und 35 Sekunden oder knapp 4,9 Prozent.

Nach Angaben des brasilianischen Fussballverbandes CBF lag dieser Wert sogar leicht über den Vergleichszahlen mehrerer europäischer Spitzenligen. Für die englische Liga wurden 55 Minuten und 23 Sekunden genannt, für die spanische 55 Minuten und acht Sekunden sowie für die italienische 54 Minuten und 28 Sekunden. Solche Vergleiche sind allerdings mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten, weil Erhebungszeiträume und statistische Verfahren voneinander abweichen können.

Dennoch deutet die erste Auswertung darauf hin, dass die Massnahmen den Spielfluss tatsächlich verbessern können. Die 23. Runde wird am Montagabend mit der Begegnung zwischen Internacional und Remo im Beira-Rio-Stadion in Porto Alegre abgeschlossen. Eine der auffälligsten Neuerungen betrifft medizinische Behandlungen von Torhütern.

Muss ein Torwart auf dem Spielfeld versorgt werden, hat der Trainer oder der Mannschaftskapitän einen Feldspieler zu bestimmen, der die Partie für eine Minute verlassen muss. Damit soll verhindert werden, dass eine Mannschaft eine angebliche Verletzung ihres Torhüters nutzt, um das Spiel zu verzögern, den Rhythmus des Gegners zu unterbrechen oder an der Seitenlinie taktische Anweisungen entgegenzunehmen.

Die Konsequenzen dieser Bestimmung wurden bereits bei der Begegnung zwischen Vasco da Gama und Santos sichtbar. Nachdem Santos-Torhüter Gabriel Brazão medizinisch behandelt worden war, musste Neymar das Spielfeld vorübergehend verlassen. Der Stürmer durfte erst nach Ablauf der vorgeschriebenen Minute wieder am Spiel teilnehmen. Die Sanktion richtet sich somit nicht zwingend gegen den behandelten Torwart, sondern belastet seine Mannschaft durch die kurzzeitige Unterzahl. Die Auswahl des Feldspielers liegt beim Trainer oder beim Kapitän.

Auch bei Abstoss und Spielerwechsel gelten nun klarere Zeitvorgaben. Für die Ausführung eines Abstosses bleiben dem Torhüter nach dem Signal des Schiedsrichters fünf Sekunden. Wird diese Frist überschritten, kann der gegnerischen Mannschaft ein Eckball zugesprochen werden. Ein ausgewechselter Spieler muss den Rasen innerhalb von zehn Sekunden verlassen. Trödelt er absichtlich, darf sein Ersatzspieler nicht sofort auf das Feld, sondern muss nach der nächsten Spielunterbrechung eine Minute warten. Die Zeitstrafe trifft dadurch die gesamte Mannschaft und nicht nur den Spieler, der den Wechsel verzögert.

Weitere Vorgaben sollen verhindern, dass Spieler den Schiedsrichter gemeinsam bedrängen. In strittigen Situationen ist grundsätzlich nur ein bestimmter Ansprechpartner jeder Mannschaft zur Kommunikation mit dem Unparteiischen berechtigt. In der Regel übernimmt der Kapitän diese Aufgabe. Bildet sich eine Spielertraube, kann der Schiedsrichter mit einem festgelegten Handzeichen verlangen, dass sich die übrigen Akteure entfernen. Damit sollen Diskussionen verkürzt, der Druck auf die Spielleitung verringert und längere Unterbrechungen vermieden werden.

Zum neuen Paket gehört ausserdem eine Bestimmung, die nicht unmittelbar auf eine längere Nettospielzeit abzielt. Sie wird in Brasilien meist als «Vini-Júnior-Protokoll» oder «Vini-Júnior-Regel» bezeichnet. Wer während einer direkten Auseinandersetzung absichtlich die Hand vor den Mund hält, um seine Äusserungen zu verbergen, riskiert einen direkten Platzverweis. Die Regel soll vor allem verhindern, dass beleidigende oder diskriminierende Aussagen vor Kameras, Schiedsrichtern und anderen Beteiligten verborgen werden.

Ihre erste öffentlich beachtete Anwendung im brasilianischen Ligafussball erfolgte nach dem Schlusspfiff der Partie zwischen Vitória und Botafogo. Botafogo-Stürmer Arthur Cabral wurde mit Rot vom Platz gestellt, nachdem er während eines Wortgefechts mit Vitórias Trainer Jair Ventura die Hand vor den Mund gehalten hatte. Entscheidend war dabei nicht, ob der genaue Wortlaut seiner Äusserung festgestellt werden konnte. Bereits das bewusste Verdecken des Mundes während der Konfrontation wurde als Verstoss gewertet.

Die Verantwortlichen der CBF bewerten die ersten Erfahrungen positiv, warnen jedoch vor vorschnellen Schlussfolgerungen. Ein einziges Wochenende reicht nicht aus, um einen dauerhaften Trend zu belegen. Erst eine grössere Zahl von Begegnungen wird zeigen, ob die durchschnittliche Nettospielzeit langfristig steigt und ob Schiedsrichter die neuen Bestimmungen einheitlich anwenden. In der Série B treten die Regeln am Dienstag, dem 18. August, mit der Partie zwischen Londrina und Atlético-GO in Kraft.

Anschliessend werden sie auch im brasilianischen Pokal der Männer und Frauen sowie in der Série A1 der Frauenmeisterschaft angewandt. Damit verfolgt der brasilianische Verband einen einheitlicheren Kurs: weniger taktische Verzögerungen, kürzere Diskussionen und mehr tatsächliche Spielzeit. Für die Zuschauer bedeutet das im besten Fall einen flüssigeren, dynamischeren und attraktiveren Fussball.

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